ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2002Bali-Terroranschlag: Hilflosigkeit und naiver Aktionismus

BRIEFE

Bali-Terroranschlag: Hilflosigkeit und naiver Aktionismus

Dtsch Arztebl 2002; 99(49): A-3317 / B-2796 / C-2605

Schuster, Gerhard

Erfahrungsbericht über Schwierigkeiten der Koordination bei der Notfall- oder Katastrophenmedizin:
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LNSLNS . . . Am 13. Oktober 2002 am frühen Morgen im Transit des Flughafens von Singapur bekommt man erstmals selbst Berührung mit einer solchen Terrorkatastrophe, die ersten grauenhaften Bilder über den wenige Stunden zuvor in der Nacht stattgefundenen Anschlag auf Bali flimmern über den Schirm. Erste Versuche, das Auswärtige Amt in Berlin, die deutsche Botschaft in Jakarta oder das Generalkonsulat in Bali anzurufen: alles erfolglos. Direkt nach Ankunft in Denpasar, Bali, dann endlich das deutsche Generalkonsulat an der Strippe. Nein, Ärzte würden nicht gebraucht, auch Blutspenden nicht. Komisch, sendet doch Bali-TV haarsträubende Bilder und zeigt ein totales Chaos mit unsäglichen Detailaufnahmen von Toten und Verbrannten, sendet Bilder aus den Kliniken, die nichts zeigen außer völliger Hilflosigkeit und naivem Aktionismus. Ich reise mit einem Notarzt und Anästhesisten zusammen, und es finden sich in unserem Hotel weitere Mediziner, die alle erfolglos versuchen, ihre Dienste anzubieten. Hätten die westlichen Botschaften die ein bis zwei Dutzend Luxushotels in der Nähe des Anschlagsortes angerufen, wären wahrscheinlich ad hoc dutzende qualifizierter Ärzte verfügbar gewesen.
Spätere Nachfragen bleiben ebenso frustran, lediglich zwei britische Mediziner schaffen es nach zwei Tagen doch noch, erfolgreich ihre Dienste anzubieten, wie eine Diplomatenfrau berichtet. In den Medien dann Aussagen, dass die Schwerbrandverletzten vom Militär umgehend nach Singapur und Australien ausgeflogen seien. Komisch, denn erst nach zwei Tagen hört man vermehrt das charakteristische Brummen von Militärmaschinen über dem Hotel. Hätte man doch früher realisieren können, denkt man sich.
In Tunesien lief die Hilfe ja, wie man hörte, auch erst relativ spät richtig an. Selbst Tage später ist nicht mal Blutspenden gewünscht. Mitarbeiter des deutschen Generalkonsulates und der deutschen Botschaft wiegeln ab: Es gäbe keine Verletzten, „alle tot“ ist eine der wirren Aussagen. Die aus der Zeitung bekannte Zahl von 300 Verletzten ist schon zu diesem Zeitpunkt „kein Thema“ mehr. In Deutschland wären wahrscheinlich alle vorhandenen Brandbetten hoffnungslos belegt gewesen.
Auch ein Anruf in einer Klinik bringt von einem deutschsprachigen Mitarbeiter die Aussage, dass zumindest seine Blutbank keinen Spenderbedarf hat. Komisch nur: In der ganzen Stadt Kuta, in der der Anschlag stattfand, werden am nächsten Tag überall Aufrufe zum Blutspenden aufgehängt. Fünf Tage nach dem Anschlag dann ein letzter Anruf beim deutschen Honorarkonsul mit der Frage, warum es denn nicht möglich war, vorhandene hoch qualifizierte Mediziner aus ganz Europa einzusetzen: Deutsche Ärzte dürften, mangels Arbeitserlaubnis, nicht in Bali tätig werden. Es würden sogar zwei deutsche Ärzte in Bali leben. Die dürften ja auch nicht ihr Handwerk ausüben, auch im Notfall nicht?
Der Glaube, dass alle Brandopfer ausgeflogen worden seien, löst sich spätestens an diesem Tag in Wohlgefallen auf: Ein Einheimischer berichtet, dass er viele schwer Brandverletzte bei einem Besuch in einer „Klinik“ (der Begriff ist dafür kaum passend) gesehen habe. Balinesen seien nicht ausgeflogen worden. „Because of the
money“, wie er nachlegt. Ausländer, ja die sind nun alle weg. Die Balinesen fügen sich in ihr Schicksal, wissen es nicht besser . . .
Gerhard Schuster, 11, Rue Scribe, F-75009 Paris
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