ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2002Ärztliche Ethik – Eine Frage der Ehre?

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Ärztliche Ethik – Eine Frage der Ehre?

Rabi, Barbara

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LNSLNS Medizingeschichte
Ärztliche Ehrengerichtshöfe
Barbara Rabi: Ärztliche Ethik – Eine Frage der Ehre? Die Prozesse und Urteile der ärztlichen Ehrengerichtshöfe in Preußen und Sachsen 1918–1933. Medizingeschichte im Kontext, Band 9, Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/Main, 2002, 256 Seiten, 9 Abbildungen, broschiert, 40,40 €
1931 wurde ein Berliner Schönheitschirurg vom Ehrengericht der preußischen Ärztekammer gerügt, weil über ihn eine Zeitschriftenreportage erschienen war, die seinen Namen erwähnte. Heute wird das Reklameverbot der Ärzte lockerer gesehen, wie die Flut der TV-Berichte über Ärzte, die kosmetische Operationen durchführen, belegt. Wie die ärztliche Standesgerichtsbarkeit in Deutschland funktionierte und welche Rolle sie im Professionalisierungsprozess der Ärzte spielte, ist bislang noch nicht erforscht worden.
Jetzt liegt eine Freiburger medizinhistorische Dissertation über die Prozesse und Urteile der ärztlichen Ehrengerichtshöfe in Preußen und Sachsen in den Jahren 1918 bis 1933 vor. Die Auswertung der Akten beider Institutionen ergibt ein fast identisches Bild: Die Mehrzahl der Urteile betraf Fragen der Kollegialität und das öffentliche Erscheinungsbild der Ärzte. Das Fehlverhalten gegenüber Patienten wurde dagegen seltener gerügt oder bestraft. Unstatthafte Reklame und Beleidigung von Kollegen, das waren die zentralen Themen, mit denen sich sowohl der preußische als auch der sächsische Ehrengerichtshof immer wieder befassten. Es ging also im Wesentlichen um Fragen der „Standesehre“, die von der Verfasserin mit Rekurs auf soziologische Theorien (Georg Simmel, Pierre Bourdieu) analysiert und bewertet werden.
Doch trotz der theoretischen Fundierung dieser Studie bleibt die Darstellung anschaulich. Es wird deutlich, welche enorme Bedeutung die Standesehre als „symbolisches Kapital“ für den Professionalisierungsprozess hatte und wie sich die Frage der Ehre für politische und wirtschaftliche Zwecke instrumentalisieren ließ.
Robert Jütte
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