ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2002Hypertonie und Diabetes mellitus: Größenordnung bisher unterschätzt

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Hypertonie und Diabetes mellitus: Größenordnung bisher unterschätzt

Dtsch Arztebl 2002; 99(49): A-3352

Bischoff, Martin

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LNSLNS Die primärärztliche Versorgungslage bei Hypertonie und Diabetes mellitus ist unbefriedigend. Beide Volkskrankheiten bergen ein hohes Risiko für Folgekrankheiten und belasten Patient wie Versorgungssystem in höchstem Maße, so die Ergebnisse von HYDRA. Hinter dem Akronym (Hypertension and Diabetes Risk Screening and Awareness) verbirgt sich die erste umfassende und bundesweite Stichtagsuntersuchung zur Versorgung dieser beiden Erkrankungen beim Hausarzt.
Die Studie mit 45 125 Patienten in 1 912 Allgemeinarztpraxen wurde auf mehreren Ebenen durchgeführt: Beschreibung von Praxis und Arztcharakteristika in einer Vorstudie, Verknüpfung der Angaben von Ärzten und Patienten sowie Laboruntersuchungen am Stichtag. Als Anlass für den Arztbesuch gaben 25 Prozent der meist älteren Patienten Hypertonie, elf Prozent Diabetes an. Deutlich höhere Prävalenzen erbrachte die anschließende Untersuchung durch den Hausarzt. Wie Prof. Wilhelm Kirch (Dresden) mitteilte, litt fast jeder zweite Patient an arterieller Hypertonie, jeder fünfte an Diabetes. Beide Krankheiten wurden häufig auch gemeinsam diagnostiziert, und zwar bei zehn Prozent der männlichen und acht Prozent der weiblichen Patienten. Diese Hochrisikokonstellation, so Kirch, vervielfacht sich in höherem Alter.
Mit der Komorbidität steigt das Risiko vor allem von arteriosklerotischen Folgeerkrankungen – Linksherzhypertrophie, koronarer Herzerkrankung, Herzinsuffizienz, arterieller Verschlusskrankheit, zerebralem Insult – rasant an. Gleichzeitig wird die Behandlung durch die Multimorbidität erheblich erschwert. Erkennbar werde dies beispielsweise daran, sagte Dr. Hendrik Lehnert (Magdeburg), dass sich der Prozentsatz schlecht eingestellter Diabetiker bei zwei bis drei zusätzlichen Diagnosen im Vergleich zu einem „reinen“ Diabetiker um fast das Achtfache erhöht.
Ein wichtiger, aber zu selten genutzter Marker für das Risikoprofil eines Patienten ist die Mikroalbuminurie. Nach Aussage von Prof. Eberhard Ritz (Heidelberg) weist dieser Marker nicht nur auf eine diabetische Nephropathie hin, sondern auch auf ein hohes Risiko für den vorzeitigen kardiovaskulären Tod. In HYDRA berichtete fast die Hälfte aller beteiligten Hausärzte, den Mikroalbuminurietest nie oder nur gelegentlich durchzuführen. Auf diese Weise wurden Medikamente wie ACE-Hemmer oder AT1-Antagonisten, die Nierenschädigung verzögern können, zu selten eingesetzt. Bei der Untersuchung am Stichtag fiel der Test bei jedem vierten Patienten mit Hypertonie und Diabetes mellitus positiv aus. Zu den unbefriedigenden Kapiteln in der hausärztlichen Versorgung zählt die der Hypertoniker. Von allen diagnostizierten und behandelten Patienten seien nur etwa 30 Prozent normoton gewesen, wiesen somit Blutdruckwerte von unter 140/90 mm Hg auf, berichtete Prof. Thomas Unger (Berlin). Die Ursachen dafür sind zahlreich und betreffen Ärzte wie Patienten. Einerseits fehlt es teilweise an der notwendigen Kompetenz bezüglich medikamentöser Therapieoptionen, andererseits mangelt es am Krankheitsbewusstsein. Hinzu kommt, dass zwischen zehn und 27 Prozent der Hypertoniker nach den Daten der HYDRA-Studie weder diagnostiziert noch behandelt wurden. Unger hält die Daten der Studie für alarmierend und fordert deshalb Verbesserungen in der Versorgung der Hypertoniker: Die Senkung des erhöhten Blutdrucks bleibt eine der effektivsten Maßnahmen, um die kardiovaskuläre Mortalität zu senken. Martin Bischoff

Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse von HYDRA am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität in München, unterstützt durch Sanofi-Synthelabo
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