ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996Standortbestimmung Schmerztherapie: Ärzte fordern eine Qualifikation

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Standortbestimmung Schmerztherapie: Ärzte fordern eine Qualifikation

Glöser, Sabine

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LNSLNS "Qualitätssicherung in der Schmerztherapie" hieß das Thema eines Symposiums, das die Sektion Anaesthesiologische Ambulanz und Schmerzzentrum der Universitätsklinik Heidelberg am 20. Januar 1996 unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Chrubasik veranstaltete. Ziel war es, eine Bestandsaufnahme der Versorgungs- und Finanzierungsstrukturen in der Schmerztherapie vorzunehmen und Entwicklungstendenzen des "Faches" zu erörtern.


Wir müssen das Problem der Schmerztherapie in ein vernünftiges Konzept bringen. Über die fachspezifische Behandlung hinaus ist es notwendig, zusätzliche Qualifikationsstufen einzurichten. Als Instrument dazu eignet sich die Zusatzbezeichnung Schmerztherapie." Das war das Resümee von Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztekammer Hamburg. Er betonte jedoch: "Unser Ziel ist es, allen Ärzten die Möglichkeit zum Erwerb dieser Zusatzbezeichnung zu bieten."
Die Versorgungsstrukturen in der Schmerztherapie sind derzeit stark umstritten. So bieten zwei Vereinigungen in Deutschland, die "Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes" (DGSS) und das "Schmerztherapeutische Kolloquium", als Weiterbildungsveranstaltungen zum Schmerztherapeuten deklarierte Fortbildungen an und geben interne Schmerztherapeuten-Verzeichnisse heraus. Dadurch gerieten sie in das Kreuzfeuer der Kritik.
Der Geschäftsführer der Bezirksärztekammer Nordbaden, Helmut Kohn, dazu: "Die Weiterbildung der Ärzteschaft fällt in den Kompetenzbereich der Länder; sie wird auf der Grundlage der Kammergesetze durch die Ärztekammern der Bundesländer geregelt." Eine Möglichkeit, Fortbildungen auf der Grundlage der Weiter­bildungs­ordnung zu verankern, sieht Kohn in der Einrichtung eines Weiterbildungsganges, der zum Führen der Zusatzbezeichnung Schmerztherapie berechtigt. In diesem Zusammenhang erklärte Dr. med. Robert Schäfer, die Bundes­ärzte­kammer in Köln prüfe gegenwärtig, ob eine Zusatzbezeichnung einzuführen sei. Der Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein stellte jedoch klar, daß das Führen des Titels "Schmerztherapeut" zur Zeit unzulässig sei. Diese Feststellung untermauerte Rechtsanwalt Dr. jur. HansJürgen Rieger, indem er auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom Dezember 1993 verwies. Demzufolge sei es Ärzten verboten, auf Praxisschildern die Bezeichnung "Schmerztherapie" oder "Schmerzsprechstunde" zu führen. Seiner Auffassung nach werden Patienten durch diese Zusätze mit falschen Erwartungen "angelockt".
Nach Ansicht von Professor Dr. med. Stefan Wysocki, Präsident der Bezirksärztekammer Nordbaden, "kann es einen Facharzt für Schmerzen nicht geben". Da das Symptom Schmerz alle Fachbereiche der Medizin betreffe, könne es keiner bestimmten Fachrichtung zugeordnet werden. Weiterbildungsmaßnahmen, die von Vereinen veranstaltet werden, lehnte Wysocki strikt ab: "Es geht nicht, daß Vereine Qualifizierungszeugnisse ausstellen."
Neben den rechtlichen Aspekten stellten Ärzte der verschiedenen medizinischen Fachrichtungen die Bedeutung der Schmerzbehandlung in ihrem Gebiet heraus und bezogen Stellung zu qualitätssichernden Maßnahmen. Daß diese unbedingt notwendig sind, betonten erst kürzlich Prof. Dr. med. Ulrich Wolf Buettner und der Präsident der DGSS, Prof. Dr.-Ing. Manfred Zimmermann, die die akute Unterversorgung von Schmerzpatienten beklagten (siehe auch DÄ, Heft 48/1995).
Dr. med. Klaus Ehrenthal, Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands, hob hervor, daß Schmerztherapie im hausärztlichen Sektor einen hohen Stellenwert einnehme. Die große Patientenzahl brauche eine breite Versorgung, weshalb dieses "hausärztliche Tätigkeitsfeld durch einen Facharzt für Schmerztherapie nicht reglementiert werden kann". Den Schmerz bezeichnete Ehrenfeld als "Urphänomen", auf befreiende Maßnahmen könne daher kein Arzt verzichten. Zudem könne der Hausarzt in Kenntnis der soziobiographischen Situation des Patienten auch auf Ursachen von Schmerzsymptomen schließen. Die Zusammenarbeit mit Spezialisten oder Schmerzzentren sei bei weiterem Klärungsbedarf zwar notwendig, eine schmerztherapeutische Fortbildung sei jedoch eine allgemeine ärztliche Pflicht und interdisziplinäre Aufgabe. Dr. med. Hermann Locher, Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für orthopädische Schmerztherapie (IGOST), machte zudem darauf aufmerksam, daß Schmerztherapie nur in Anbindung an das Grundfach zu realisieren sei: "Fachärztliche Kenntnisse und viele Jahre Erfahrung sind nötig, um die richtigen Diagnose- und Therapieformen auszuwählen." Dr. Sabine Glöser

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