ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2002Psychisch kranke Kinder und Jugendliche: „Integrativ“ versorgen

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Psychisch kranke Kinder und Jugendliche: „Integrativ“ versorgen

PP 1, Ausgabe Dezember 2002, Seite 548

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie fordern, eine flächendeckende wohnortnahe sozialpsychiatrische Versorgung umzusetzen.
Die Zahlen werden seit rund 20 Jahren unverändert mitgeteilt: Etwa eine Million von 17 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind psychisch krank. Bei weiteren ein bis 1,5 Millionen liegen Störungen in der sozialen und emotionalen Entwicklung vor, die einer Diagnose bedürfen. Eine dreifache Zunahme psychosomatischer Symptome bei rund 4 000 Viertklässlern im Vergleich zur ersten Klasse ergab eine Studie zu psychischen Störungen im Grundschulalter, die Prof. Dr. med. Franz Resch, Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg, bei der Jahrestagung des Berufsverbandes der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (BKJPP) in Stuttgart vorstellte.
Hauptschüler viermal häufiger psychisch auffällig
Auch Übergewicht und suizidale Gedanken fanden sich am Ende der Grundschulzeit relativ häufig. Verstärkt traten bei den Viertklässlern Depressivität, Angst, Aufmerksamkeitsstörungen, aggressives Verhalten und Allergien auf. Betroffen waren vor allem Jungen. Auffällig war weiter, dass Viertklässler mit Empfehlung für die Hauptschule viermal so häufig psychiatrisch/psychotherapeutischen Abklärungsbedarf haben wie Kinder mit Gymnasialempfehlung. Als Ursachen zeigten sich größere finanzielle Probleme in der Familie und ein deutlich höherer Fernsehkonsum. Resch fordert daher von den Lehrern, „mehr Wert auf sozio-emotionale Bildung zu legen und zu unterscheiden, was hinter schlechten Leistungen steckt“.
Der Zusammenhang zwischen psychosozialen Lebensbedingungen und psychischen Auffälligkeiten zeigt, wie wichtig das „integrative Denken“ in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist, also die Abklärung biologischer, psychologischer und soziokultureller Variablen. Integratives Denken ist Voraussetzung für eine „integrative Versorgung“ – das Leitthema der BKJPP-Jahrestagung. Integrative Versorgung definierte Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universität Marburg, als Behandlung, die die Familie des betroffenen Kindes, die Schule und die Jugendhilfe mit einbezieht, die je nach Verlauf der – oftmals chronischen – Erkrankungen ambulant oder stationär stattfinden kann. Wichtig sei der interdisziplinäre Ansatz, das heißt, mit Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen und Pädagogen gemeinsam zu behandeln. Methoden müssten verwendet werden, die wissenschaftlich fundiert und evaluiert sind.
Im Gegensatz zu in den Publikumsmedien oft gestreuten Vorurteilen nehme der Einsatz von Medikamenten bei den meisten psychischen – Erkrankungen bei Kindern den letzten Platz der Behandlungsformen ein. An erster Stelle stehe die Familientherapie, gefolgt von Psychotherapie, umfeldorientierten Maßnahmen und Übungsbehandlungen. „Behaviorale Ansätze in der Psychotherapie haben sich erfolgreicher gezeigt als psychodynamische“, fasste Remschmidt die Meta-Analysen evaluierter Studien zusammen. Zur Verbesserung der Versorgung psychisch kranker Kinder forderte der Präsident der Internationalen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychiatrie (International Association for Child and Adolescent Psychiatry and Allied Professions),
- die Gleichstellung psychischer und körperlicher Erkrankungen auch bei Kindern und Jugendlichen,
- Versorgung, Therapie und Forschung zusammenzuführen,
- die Aus- und Weiterbildung zu fördern; so gebe es noch immer nicht an allen Universitäten einen Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
- die Mitwirkung von Kinderpsychiatern bei politischen Entscheidungen, die Kinder betreffen,
- den Grundsatz der wohnortnahen Versorgung auch für die Kinder- und Jugendpsychiatrie umzusetzen.
Das ist jedoch schwierig. Stationär sind psychisch kranke Kinder zwar ausreichend versorgt: 6 000 teil- und vollstationäre Klinikplätze gibt es in Deutschland, dazu Institutsambulanzen an 140 Kliniken. Um die Gemeindenähe zu fördern, wurden in den vergangenen Jahrzehnten Betten abgebaut und die ambulante Versorgung gefördert.
Fatale Versorgungslage in den neuen Bundesländern
550 kinderpsychiatrische Praxen gibt es derzeit in Deutschland, die rund 500 000 Fälle im Jahr behandeln. Aber: „Gebraucht werden mindestens 1 000 weitere Praxen, um dem Bedarf gerecht zu werden“, fordert Dr. med. Christa Schaff, Vorsitzende des BKJPP. Fatal sei die Versorgungslage vor allem in den neuen Bundesländern, in denen nur acht Prozent der niedergelassenen Kinderpsychiater arbeiten. Auch könnten noch nicht alle Praxen eine integrative Versorgung gewährleisten. Erst 250 Praxen hätten das sozialpsychiatrische Modell, das eine Zusammenarbeit von Heil- und Sozialpädagogen, Psychologen und Arzt unter einem Dach ermöglicht, umsetzen können, bemängelt Schaff. 1994 wurden durch die so genannte Sozialpsychiatrie-Vereinbarung mit den Ersatzkassen die finanziellen Grundlagen für das Modell abgeschlossen, das auch die Kooperation mit Kinderärzten, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Lehrern und Eltern erleichtert. Schaff kritisiert, dass die Primärkassen dieser Vereinbarung nicht flächendeckend zugestimmt haben, insbesondere nicht in den neuen Bundesländern. Dies ist jedoch nötig, um die sozialpsychiatrische Versorgung überall zu gewährleisten. Petra Bühring
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