ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2002Psychoanalytiker: Infragestellung
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LNSLNS Der Artikel von Petra Bühring enthält drei Aussagen, die ich als Historiker der Psychoanalyse infrage stellen möchte.
« Bühring zeichnet das Bild einer Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), die – 1910 als Ortsgruppe der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) gegründet – jetzt endlich nach langer Trennung in ihre Muttergesellschaft zurückgekehrt sei. Wir wissen aber, dass sich die DPG ab 1933 von ihrer eigenen Tradition abgelöst hat, durch Isolierung gegenüber der internationalen Kollegenschaft, durch den De-facto-Ausschluss zahlreicher jüdischer Mitglieder, durch begrifflich-theoretische Änderungen etc. Das zitierte Bild verleugnet den damit vollzogenen Bruch und schreibt die Haltung der in Deutschland verbliebenen Analytiker fort, die ihr Handeln im Dritten Reich als bloße Reaktion auf äußeren Druck verstanden und die deshalb nach 1945 glaubten, durch eine einfache Neugründung ihres Vereins an den Status quo ante anknüpfen zu können. Es spricht jedoch vieles dafür, die Nachkriegsereignisse eher im Zeichen des Neubeginns zu sehen als in dem der Kontinuität. Mit der Einvernahme der alten DPG durch die neue wird im Übrigen die 1950 gegründete Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) implizit als geschichtsloser Emporkömmling abgestempelt. Das ist nicht zu rechtfertigen. Die glanzvolle Geschichte der deutschen Psychoanalyse vor 1933 „gehört“ der heutigen DPG und der DPV gleichermaßen – oder gleichermaßen nicht mehr.
¬ Bühring meint, im Einklang mit der Literatur, die alte DPG sei nie aktiv aus der IPV ausgetreten. Dabei klingt der Gedanke an, dass es, wenn kein Austritt vorlag, nach dem Krieg auch keiner Wiederaufnahme bedurft hätte. Tatsächlich wurde der Austritt im November 1938 förmlich erklärt (Int. J. Psycho-Anal. 1939, S. 134).
­ 1949 beschloss die IPV, die neue DPG (vorerst) nicht wieder aufzunehmen. Gestützt auf Experten-Äußerungen, schreibt Bühring, dass die theoretische Kontroverse zwischen den „Neo-Analytikern“ um Harald Schultz-Hencke und den Freudianern um Carl Müller-Braunschweig diesen Beschluss nur „vordergründig“ bestimmt hätte; wichtiger seien die Vorbehalte der aus Deutschland vertriebenen jüdischen Analytiker gewesen, ihre „Zweifel an der moralischen Integrität und der psychoanalytischen Identität“ ihrer deutschen Kollegen. Damit wird die Relevanz des Schultz-Henckeschen Erbes, das die Nachkriegs-DPG noch lange prägte, für die Frage ihrer heutigen IPV-Zugehörigkeit heruntergespielt. Die Quellen aber sprechen eine klare Sprache: Was die neue DPG für die IPV inakzeptabel machte, war, neben dem Fehlen eines rein analytischen Lehrinstituts, eben die tonangebende Rolle, die Schultz-Hencke in der Gruppe spielte – derselbe Mann, von dem Freud schon 1933 gesagt hatte, er dürfe nie eine solche Rolle bekommen. Das heißt, bei der Entscheidung von damals ging es schlicht um Vereinspolitik. Die IPV-Leitung wollte eine deutsche Mitgliedsgruppe haben, die sich am Mainstream der internationalen Psychoanalyse ausrichten und eine entsprechende Ausbildung des Nachwuchses gewährleisten würde. Dieses Ziel wurde mit der Gründung der DPV erreicht.
Dr. Michael Schröter, Taunusstraße 12, 12161 Berlin
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