ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2002Psychotherapie alter Menschen: Psychische und physische Faktoren greifen ineinander

WISSENSCHAFT

Psychotherapie alter Menschen: Psychische und physische Faktoren greifen ineinander

PP 1, Ausgabe Dezember 2002, Seite 557

Fangauf, Ulrike

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LNSLNS „Lebensbilanzen – Chancen und Risiken des Älterwerdens“ war das Leitthema des 59. Psychotherapie-Seminars Freudenstadt.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts betrug der Anteil der über 65-Jährigen innerhalb der Europäischen Union 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes ist für das Jahr 2030 von 19,8 Millionen über 65-Jähriger auszugehen – ein Bevölkerungsanteil von 26,7 Prozent. „Die über 60-Jährigen beanspruchen die Kassenärzte zu 40 Prozent, die Krankenhausbetten zu 45 Prozent, und sie verursachen 55 Prozent der Kosten für Medikamente“, berichtete Prof. Dr. med. Hartmut Schneider, wissenschaftlicher Leiter des 59. Psychotherapie-Seminars Freudenstadt. Er verdeutlichte damit die Notwendigkeit, sich mit den vielfältigen Fragen der Alternsmedizin zu befassen. Die Lebenserwartung eines heute 60-Jährigen liege bei 18,7 Jahren; die einer 60-jährigen Frau bei 23 Jahren. „Das ,biblische Alter‘ ist heute keine Ausnahme mehr, sondern die Regel.“
Schneider betrachtet das Alter als Entwicklungsaufgabe. Für die zweite Hälfte des Erwachsenenalters, die zwei bis vier Jahrzehnte umfasst, existierten bisher noch keine befriedigenden Modellvorstellungen. Infolge der wachsenden Lebenserwartung würden psychische Erkrankungen beim älteren Menschen beobachtet, die nicht zwangsläufig alterstypisch seien. Wie im jüngeren Erwachsenenalter fänden sich reaktualisierte Entwicklungskonflikte und Spätmanifestationen lange kompensierter, teilweise traumatisch bedingter Entwicklungsschäden. Erst in zweiter Linie treten alterstypische Erkrankungen, wie demenzielle Entwicklungen und affektive Störungen, begünstigt durch Verluste und körperliche Defizite, auf. Der alternde Mensch müsse sich mit der zunehmenden Einengung seines Lebensrahmens auseinander setzen, vor allem hinsichtlich körperlicher Verletzbarkeit. Faktoren für ein erfolgreiches Altern seien Lebenszufriedenheit, Bewältigung von Angst und körperlichen Defiziten sowie eine Zukunftsperspektive. Der Alternde müsse sowohl Entwicklungspotenziale als auch psychische Widerstandsfähigkeit aufbringen.
Dr. med. Henning Wormstall, Geriatrisches Zentrum der Universitätsklinik Tübingen, unterschied zwischen den so genannten „jungen Alten“ (drittes Lebensalter ab 60 Jahren), die in Bezug auf Körpersymptome den Menschen des mittleren Erwachsenenalters ähnlicher sind, und den „alten Alten“ oder „Hochbetagten“ (viertes Lebensalter ab 75), bei denen neben der Beeinträchtigung durch körperliche und psychische Störungen besonders die Funktionseinbußen als Problem in den Vordergrund rückten, weil sie die Selbstständigkeit bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben bedrohten. „Ein Patient über 60 Jahren leidet oft an mehreren Erkrankungen, die vielschichtig ineinandergreifen“, berichtete Wormstall. Dabei sei die Grenze zwischen Psychiatrie, Psychotherapie einerseits und Innerer Medizin oder Neurologie andererseits in der Altersmedizin fließend. Dies dürfe jedoch nicht zu Ungenauigkeiten verführen. Eine exakte somatische Diagnostik auch bei vorherrschend psychischen Symptomen sei gerade in der Alternspsychotherapie zwingend erforderlich. Am besten bekannt seien die Zusammenhänge zwischen kognitiven und affektiven Störungen aufgrund psychophysischer Parallelen, wobei die primäre Ursache nicht einfach zu ermitteln sei. Zum Beispiel könnten bei einer schweren depressiven Störung die kognitiven Funktionen gestört sein, wie auch etwa bei einer beginnenden Demenz vom Alzheimer-Typ eine depressive Symptomatik im Vordergrund stehen könnte. Bei der Parkinsonschen Erkrankung zeigten sich eine Vielzahl psychopathologischer Symptome, und bei Patienten mit ischämischem Insult fänden sich neben den neurologischen Ausfällen häufig Depressionen bis zur Melancholie. Klassische Auslösefaktoren für psychische Veränderungen seien auch Tumoren und paraneoplastische Syndrome. Zu den internistischen Krankheitsbildern mit psychischen Folgeerscheinungen seien viele Stoffwechselerkrankungen, wie zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes mellitus, NNR-Insuffizienz, zu zählen; ebenso finde sich bei kardiovaskulären Erkrankungen eine hohe Komorbidität mit depressiven Störungen. Meist liege eine multifaktorielle Genese zugrunde – psychische und physische Faktoren griffen ineinander. Die affektiven Störungen bei den genannten körperlichen Erkrankungen könnten nur selten als ausschließlich reaktives Geschehen gedeutet werden und bedürften einer medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung. Allerdings könne der Bedarf an psychotherapeutischen Leistungen für diese komplexe Patientengruppe derzeit in keiner Weise gedeckt werden, betonte Wormstall.
Ältere erhalten kaum noch ambulante Psychotherapie
Den ungedeckten Bedarf bestätigte auch Prof. Dr. med. Hartmut Radebold vom Lehrinstitut für Alternspsychotherapie in Kassel. Alle deutschsprachigen Untersuchungen zur Versorgungsrealität belegten seit 1988, dass über 60-Jährige in deutlich geringem Umfang und über 70-Jährige praktisch nicht mehr ambulant psychotherapeutisch behandelt werden. Diese Diskrepanz und das Versorgungsdefizit werden sowohl in einer Stellungnahme der Bundes­ärzte­kammer als auch vonseiten der Bundesregierung (Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation, 2001) bestätigt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Einerseits verfügten weder die professionell Tätigen noch die Patienten über Kenntnisse psychotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten, andererseits gebe es wenig speziell ausgebildete Psychotherapeuten, kritisierte Radebold. Die Behandlung ist nicht einfach: Die Symptomatik sei meist unspezifisch und verberge sich hinter körperlichen oder funktionellen Störungen. Auch konfrontiere die Behandlung Älterer mit dem Verlust nahe stehender Menschen, eigener Endlichkeit oder Hilfsbedürftigkeit und führe aufgrund der bestehenden Altersdifferenz zu einer umgekehrten Übertragungssituation. Dies führe dazu, dass die Psychotherapie der über 60-Jährigen selten, kürzer und mit geringerer Behandlungsfrequenz und -intensität durchgeführt werde. Dabei sei der Mensch lebenslang lernfähig, und die Erfolge ließen sich sowohl auf der Symptom- als auch auf der Konfliktebene beschreiben. „In der Regel lässt sich eine Symptomminimalisierung bis -freiheit erreichen“, betonte Radebold. Teilweise jahrzehntelange innerpsychische wie intra- und intergenerationelle Konflikte ließen sich zufriedenstellend bearbeiten, häufig besserten sich dabei auch körperliche Erkrankungen.
„Ältere kommen später zur Behandlung, bleiben länger, ihre Erwartung an eine psychotherapeutische Behandlung ist schlechter im Vergleich zu den Jüngeren“, berichtete Prof. Dr. med. Gabriela Stoppe, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Göttingen. Auch Ärzte erwarteten bei älteren Patienten weniger gute Ergebnisse. Dass eine Psychotherapie über 60-Jähriger dennoch sinnvoll und langfristig erfolgreich ist, konnte sie anhand einer eigenen Studie mit depressiven stationären Patienten belegen: Die Älteren seien nach der Therapie mit der Behandlung besonders zufrieden gewesen, obwohl sie ebenso gut wie die Jüngeren abschnitten. Die Prognose der Ärzte sei bei den Älteren adäquat, bei den Jüngeren inadäquat positiv gewesen. Ulrike Fangauf

Das nächste Psychotherapieseminar Freudenstadt findet vom 21. bis 26. September 2003 in Freudenstadt statt. Die Veranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum hat das Leitthema: „Die Zukunft der Psychotherapie“. Auskünfte erteilt das Sekretariat des Psychotherapieseminars, Karl-von-Hahn-Straße 120, 72250 Freudenstadt, Telefon: 0 74 41/ 54 23 99, E-Mail: HaSchneid@t-online.de, Internet: www.pt-seminar-freudenstadt.de
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