ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2002Poesie- und Bibliotherapie: Nicht darauf vertrauen – nur hoffen

WISSENSCHAFT

Poesie- und Bibliotherapie: Nicht darauf vertrauen – nur hoffen

PP 1, Ausgabe Dezember 2002, Seite 558

Merten, Martina

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LNSLNS Therapeutische Arbeit mit Literatur und Poesie fasst im deutschsprachigen Raum zunehmend Fuß. Wie effektiv die alternative Therapiemethode ist, bleibt umstritten.

Viel wird heute versucht, um Menschen mit psychischen oder psychosomatischen Störungen zu helfen. Neben den etablierten Verfahren der Psychotherapie, der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse, werden zunehmend alternative Hilfsformen wie die Lach-, Mal-, Tanz- und Musiktherapie angewendet. In jüngster Zeit fasst eine weitere Therapieform im deutschsprachigen Raum Fuß, bei der dem Patienten durch Lesen und Schreiben geholfen werden soll: die Poesie- und Bibliotherapie. Was sich zunächst neu anhört, ist es nicht. Denn die „Nutzbarmachung des Lesens zu therapeutischen Zwecken“, so die überwiegend verwendete Begriffsbestimmung für die Bibliotherapie, nutzten schon die alten Griechen. Auch die großen deutschen Philosophen beschäftigten sich mit der literarischen Selbstanalyse. Und in Amerika, das oft eine Vorreiterrolle spielt, setzen Therapeuten bereits seit dem 19. Jahrhundert ausgewählte Literatur zur Behandlung von psychisch Kranken ein. Dabei war und ist es immer das Ziel, durch das Lesen und Verarbeiten von fertigen Texten (Bibliotherapie) und die Arbeit mit selbst geschriebenen Texten (Poesietherapie) eine positive kognitive und emotionale Veränderung zu erreichen. Gleichgültig, ob bei psychisch und körperlich Kranken oder bei Personen mit Verhaltensauffälligkeiten.
Darüber, wie effektiv diese Therapiemethode ist, gibt es jedoch unterschiedliche Auffassungen. Alexander Wilhelm, Geschäftsleiter der Deutschen Fachgesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie (DGPB) in Dortmund, weist auf die steigende Nachfrage nach Weiterbildungsseminaren zwecks beruflicher Institutionalisierung der Therapieformen hin. „Es sind es zwar keine von der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung anerkannten Therapiemethoden, aber unsere Schulungen sind dennoch immer voll.“ Zusammen mit dem Fritz-Perls-Institut (FPI) und der Europäischen Akademie für Psychosoziale Gesundheit (EAG) führt die DGPB Tagungen und Kompaktcurricula durch, in denen Pädagogen, Seelsorger, Bibliothekare, Psychotherapeuten und Angehörige pflegerischer und sozialer Berufe sich in Poesie- und Bibliotherapie fortbilden können. Aus seinen eigenen Erfahrungen schildert der gelernte Sprachtherapeut, dass das Geschriebene bei der Poesietherapie immer als Sprungbrett diene. So habe sich ein Stotterer durch die schriftliche Personifizierung des Stotterns von seinem Sprachproblem lösen können. Durch das Vorlesen von fertigen Texten seien Kinder mit psychischen Problemen viel eher auf ihre eigenen Gefühle aufmerksam geworden.
Geschriebenes als Sprungbrett
Kritisch fällt dagegen die Einschätzung zur Bibliotherapie des Präsidenten der Niedersächsischen Psychotherapeutenkammer, Lothar Wittmann, aus. „Als Grundregel kann gelten: Ist die Bibliotherapie nicht als Teilstrategie in eine Psychotherapie eingebaut, ist sie nicht empfehlenswert.“ Sei dies allerdings, entweder ambulant oder auch stationär, der Fall, könne das Arbeiten mit Büchern sehr sinnvoll sein.
Im Gegensatz zu Wittmann hält der Geschäftsleiter der DGPB Poesie- und Bibliotherapie auch bei chronisch Kranken für sinnvoll. „Die Vorgehensweise hängt natürlich immer vom Auftrag des Patienten ab“, so Wilhelm. Sei der Patient sehr belastet, werde nicht sofort krankheitsbezogene Literatur verwendet, ebensowenig wie man einem Bauarbeiter Rilke-Gedichte zum Lesen gebe. Der Niedersächsische Kammerpräsident warnt dagegen vor der Anwendung von Bibliotherapie bei krankheitsbedingten Problemen: „Viele Therapeuten sind medizinisch nicht geeignet.“
Bibliotherapie nur durch qualifizierte Therapeuten
Gegenteiliger Meinung ist Susanne Seuthe-Witz, Leiterin von Poesie- und Bibliotherapiegruppen an der Freiburger Klinik für Tumorbiologie. Seuthe-Witz: „Bei guter medizinischer Betreuung von körperlich Kranken habe ich keine Bedenken.“ Die gelernte Sozialpädagogin, die sich am Fritz-Perls-Institut zur Poesie- und Bibliotherapeutin weiterbildete, begann im Rahmen eines Forschungsprojekts der Freiburger Universität zur Untersuchung der Effektivität der Therapiemethoden, in diesem Bereich zu arbeiten. Während der dreijährigen Studie mussten Tumorpatienten innerhalb der Poesie- und Bibliotherapie Angaben zur Befindlichkeitsänderung durch das Hören und Schreiben von Texten machen (quantitative Forschung); ihre selbst geschriebenen Texte wurden nach der objektiven Hermeneutik interpretiert (qualitative Forschung). „Bei fast allen Krebspatienten ergaben sich leichte Verbesserungen im psychosozialen Bereich“, betonte Seuthe-Witz. Recht gibt sie Wittmann allerdings in dem Punkt, dass nur psychotherapeutisch qualifizierte Personen mit der Poesie- und Bibliotherapie arbeiten sollten.
Grundsätzlich kamen zahlreiche Studien zu dem Ergebnis, dass von Therapeuten angeleitete Biblioprogramme (therapist-administered programs) weitaus effektiver sind als reine Selbsthilfeprogramme, bei denen der Patient einzig Anleitungen zur selbstständigen Durchführung bewährter Therapietechniken erhält (self-administered programs). Zu derartigen Selbsthilfemanualen äußert sich der Präsident der Psychotherapeutenkammer sehr kritisch. „Viel, was an bibliotherapeutischer Literatur angeboten wird, ist einfach nur Schrott, manchmal sogar sektenhaft“, so Wittmann.
Anil Batra, der im Auftrag der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) von 1992 bis 1995 im Tübinger Raum eine Studie zu Abstinenzraten bei verschiedenen Formen der Tabakentwöhnung durchführte, hält Selbsthilfemanuale dagegen für eine „gangbare Alternative“ zu herkömmlichen Therapieformen. Im Rahmen der DFG-Studie wurde von 232 nikotinabhängigen Testpersonen eine Hälfte mit Bibliotherapie (hier: Selbsthilfemanuale) und die andere Hälfte mit Gruppentherapie behandelt. Kurzfristig zeigten die Personen aus der Gruppentherapie zwar höhere Abstinenzraten, nach einem Jahr lagen diese mit 19 Prozent bei bibliotherapeutischer und 21 Prozent bei gruppentherapeutischer Intervention jedoch in etwa gleich hoch. Zudem, so Batra, sei die Bibliotherapie zeitsparender.
Da die meisten Studien, bei denen die Wirksamkeit der Poesie- und Bibliotherapie untersucht wurde, sich bisher vorwiegend auf subjektiv wahrgenommene Befindlichkeitsveränderungen der Testpersonen und nicht auf die Veränderung deren körperlicher Messwerte bezogen*, sollte vorerst folgende Aussage Wittmanns als Grundregel gelten: „Nicht auf die Poesie- und Bibliotherapie vertrauen – nur darauf hoffen.“ Martina Merten

Literatur:
1. Angenendt J: Patientenratgeber und Selbsthilfematerialien. In: Margraf J (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Bd.1. Grundlagen, Diagnostik, Verfahren, Rahmenbedingungen. Berlin 1996: 435–448. (Seite 441 und 442: Studienangaben zu therapist administered programs und self-administered programs).
2. Batra A, Buchkremer G (Hrsg.): Nichtraucher in sechs Wochen. Ratingen 1997. (Ergebnisse der Studie über Tabakentwöhnung).
3. Weiss J, Seuthe-Witz S, Nagel G A (Hrsg.): Das Unbeschreibliche beschreiben, das Unsagbare sagen. Poesie- und Bibliotherapie mit Krebskranken. Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Regensburg 2002.

Weitere Literaturangaben anzufordern bei: Deutsche Fachgesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie. Wernerstraße 8, 44388 Dortmund, Telefon: 02 31/6 90 40 04

*Eine Studie, die sich mit der Veränderung körperlicher Messwerte beschäftigt, ist die von Smyth J M, Stone A A u. a.: Effects of Writing About Stressful Experiences on Symptom Reduction in Patients with Asthma or Rheumatoid Arthritis. A Randomized Trial. In: JAMA 1999; 281: 1304–1309.
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