ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2002Nachsorgekonzepte: Damit die Wirkung nicht verpufft

WISSENSCHAFT

Nachsorgekonzepte: Damit die Wirkung nicht verpufft

PP 1, Ausgabe Dezember 2002, Seite 561

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Patienten, die während eines Klinikaufenthalts psychotherapeutisch behandelt wurden, haben nach der Entlassung oft Schwierigkeiten, das Erlernte im Alltag umzusetzen. Zwei Konzepte versuchen, den Therapieerfolg länger zu erhalten.

Für den Langzeiterfolg einer Therapie ist es unerlässlich, dass die Patienten die Techniken und Fähigkeiten anwenden, die sie sich in der Therapie angeeignet haben – sonst drohen Rückfälle. Doch meistens sind die Kliniken weit vom Wohnort der Patienten entfernt, und die Patienten finden vor Ort weder ein ambulantes Nachsorgeangebot noch einen Ansprechpartner. Eine mangelnde Betreuung kann jedoch ebenfalls zum schnelleren Nachlassen der Therapiewirkung beitragen. Es gibt inzwischen verschiedene Konzepte und Versuche, dieses Problem anzugehen.
Nicht jeder Patient kann an einem Nachsorgeprogramm teilnehmen, denn es gibt nicht genügend Angebote und Gelder. Doch schon die Vorbereitung auf den Alltag, bereits während des Klinikaufenthalts, kann dazu beitragen, dass das psychische und körperliche Wohlbefinden stabilisiert werden und die Therapiewirkung länger anhält. Davon geht die Diplom-Psychologin Katrin Schröder, Institut für Psychologie, Technische Universität Braunschweig, aus, die ein Programm zur Transferförderung „Neuorientierung im Alltag“ entwickelt hat und dafür mit dem Georg-Gottlob-Preis für angewandte Psychologie ausgezeichnet wurde. Durch die Transferförderung sollen Patienten auf ihr Leben nach dem Klinikaufenthalt vorbereitet werden. Das Training besteht aus zwei einstündigen Sitzungen kurz vor Ende des Klinikaufenthalts. In der ersten Sitzung werden die Patienten gefragt, was sie in der Einzel- oder Gruppentherapie, beim Sport, in der Physiotherapie und in ihrer Freizeit gemacht und kennen gelernt haben. „Es ist nicht selbstverständlich, dass das Erlernte im Alltag umgesetzt wird, deshalb wird die Motivation an Erfahrungen und Aktivitäten aufgebaut, die den Patienten gut getan haben und ihnen machbar erscheinen“, erklärt Schröder. Die Patienten werden darüber informiert, was sie beim Transfer zu beachten haben und wie sie ihr Umfeld auf mögliche Veränderungen vorbereiten können. In der zweiten Sitzung wird besprochen, welche Schwierigkeiten durch andere oder durch die Patienten selbst auftreten können, beispielsweise Unverständnis, Trägheit, mangelnde Motivation. Im Sinne des Selbstmanagements sollen die Patienten lernen, eigenständig zurechtzukommen – jedoch nicht allein: Während des Klinikaufenthalts wird darüber gesprochen, wie die Patienten ein soziales Netzwerk aufbauen und nutzen können.
Großer Bedarf an Transfermaßnahmen
Zurzeit testet Schröder das Transferprogramm im Rahmen ihrer Dissertation an der Paracelsus-Roswitha-Klinik in Bad Gandersheim. Ob es den Erwartungen entspricht, wird die Evaluation zeigen. Eine Bedarfsanalyse zeigte, dass das Transferprogramm in Beziehung mit dem Klinikaufenthalt stehen muss und die Therapeuten es unterstützen müssen. Daher besteht der erste Schritt darin, die Therapeuten zu gewinnen. Sowohl die Therapeuten als auch die Patienten, die von Schröder befragt wurden, sehen einen hohen Bedarf an solchen Transfermaßnahmen.
Auch die „Ambulante Psychosomatische Nachsorge nach stationärer Rehabilitation“ (APSN) ist eine Maßnahme, die Patienten helfen soll, sich wieder in ihren Alltag zu integrieren und dabei die Stabilität und die Fortschritte, die sie in der Therapie erzielt haben, möglichst beizubehalten. Die APSN wurde 1995 zum ersten Mal von der LVA Hannover angeboten. Inzwischen offerieren auch andere Landesversicherungsanstalten ihren Versicherten Nachsorgegruppen nach diesem Konzept in ihrer Region: Solche Gruppen bestehen in elf Städten. Zudem gibt die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) ihren Versicherten die Möglichkeit, am so genannten Hannover-Curriculum im Rahmen der Intensivierten Rehabilitationsnachsorge teilzunehmen.
Wer die Nachsorge in Anspruch nehmen kann, darüber entscheidet der jeweilige Stationsarzt. „Das Nachsorgeprogramm ist vor allem für kritische und instabile Patienten sinnvoll“, sagt der Diplom-Psychologe Dr. Axel Kobelt, Ärztlicher Dienst der LVA Hannover, der das Programm entwickelt hat und nun die zentrale Koordinationsstelle des Projekts leitet. Die ambulante psychosomatische Nachsorge baut auf der stationären Rehabilitation auf und schließt sich direkt an sie an. In 25 Gruppensitzungen können die Patienten ihre zuvor erlernten Kenntnisse und Fertigkeiten vertiefen. Sie sollen erkennen, welcher Zusammenhang zwischen den psychosozialen Konflikten, denen sie nach ihrer Entlassung aus der stationären Rehabilitation gegenüberstehen, und ihren Erkrankungen besteht. In der Klinik haben die Patienten Verhaltensweisen und Strategien zur Konfliktbewältigung eingeübt. Dieses Wissen sollen sie nun anwenden und vertiefen. Das Gruppenprogramm umfasst 14 Module, die unter anderem Themen wie Probleme am Arbeitsplatz und in der Arbeitswelt, Angst, Depression, funktionelle Beschwerden und Beziehungsprobleme behandeln. Es wird mit Verhaltenstherapie, aber auch mit tiefenpsychologischen Ansätzen gearbeitet. In Rollenspielen und Gesprächen setzen sich die Patienten mit ihrer Krankheit und ihrer psychosozialen Situation auseinander. Zum Programm gehören außerdem Selbstmanagement- und Konfliktlösungsstrategien, Selbstsicherheitstraining und Entspannungsverfahren.
Eine Besonderheit des Nachsorgeprogramms ist das „Case-Management“. Hierbei arbeiten Kliniken, Rehabilitationsberater, Ärzte und Psychotherapeuten eng und interdisziplinär zusammen, um den Zustand der Patienten stabil zu halten und um sie bei der sozialen und beruflichen Reintegration zu unterstützen. Der Nachsorgegruppenleiter fungiert als „Case-Manager“, indem er individuell und indikationsabhängig verschiedene Hilfsangebote für den Patienten miteinander koordiniert. Die beteiligten Ärzte, Berater und Therapeuten stehen den Patienten auch nach Beendigung des Gruppenprogramms als Ansprechpartner zur Verfügung. Kobelt konnte anhand einer repräsentativen Studie belegen, dass die ambulante psychosomatische Nachsorge effektiv ist (3,5). In einem Vergleich zwischen Patienten in Nachsorgegruppen und Patienten ohne Nachsorge zeigte sich, dass sich das psychische Wohlbefinden und die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, in der Nachsorgegruppe gegenüber der Vergleichsgruppe signifikant verbessert haben. Die Teilnehmer konnten ihre Arbeitsausfalltage um mehr als das Doppelte gegenüber der Vergleichsgruppe reduzieren, ebenso die Anzahl der Krankenhaustage. Auch die Arztbesuche verringerten sich. Inzwischen haben etwa 400 Patienten dieses Programm durchlaufen.
Gruppenprogramm ist keine Psychotherapie
„Das Programm darf nicht als Psychotherapie missverstanden werden“, warnt Kobelt. Die Rehapatienten werden in der Klinik nicht ausschließlich psychotherapeutisch, sondern nach einem ganzheitlichen und breit gefächerten, bio-psycho-sozialen Behandlungsansatz behandelt. Sie lernen dort Techniken, die ihnen beim Umgang mit ihrer Krankheit helfen sollen. Diese Techniken tragen viel dazu bei, um den Gesundheitszustand zu stabilisieren. Anders als in der Psychotherapie, die sich vorwiegend auf das psychische Geschehen des Patienten konzentriert, bietet das Nachsorgeprogramm den Patienten Beratung, Unterstützung, ein soziales Netzwerk und ganz konkrete Hilfestellung in vielen verschiedenen Bereichen, insbesondere beim Wiedereinstieg ins Berufsleben. Patienten, die nach dem Klinikaufenthalt ausgeprägte psychische Schwierigkeiten aufweisen, wird ein ambulanter Therapieplatz vermittelt, denn das Nachsorgeprogramm kann und soll diesen Problembereich nicht auffangen. Wie schnell die Therapiewirkung nachlässt und wie viele Patienten davon betroffen sind, wird Kobelt sagen können, wenn er seine noch laufende Fünfjahreskatamnese ausgewertet hat. Die BfA bereitet derzeit die Einführung der ambulanten psychosomatischen Nachsorge in weiteren deutschen Ballungsräumen vor. Aktuelle Informationen können über die Webseite der ambulanten Nachsorge (www.apsn.de) abgerufen werden. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Broda M, Bürger W, Dinger-Broda A, Massing H: Die Berus-Studie. Zur Ergebnisevaluation der Therapie psychosomatischer Störungen bei gewerblichen Arbeitnehmern. Berlin/Bonn: Westkreuz Verlag 1996.
2. Kobelt A, Grosch EV, Lamprecht F: Ambulante psychosomatische Nachsorge. Integratives Trainingsprogramm nach stationärer Rehabilitation. Stuttgart: Schattauer 2002.
3. Kobelt A, Schmid-Ott G, Künsebeck HW, Grosch E, Hentschel J, Malewski P, Lamprecht F: Bedingungen erfolgreicher ambulanter Nachsorge nach stationärer psychosomatischer Rehabilitation. Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation 2000; 52: 16–23.
4. Kobelt A, Schmid-Ott G, Künsebeck HW, Bümmerstede D, Lamprecht F: Ärztliche und nicht ärztliche ambulante psychotherapeutische Versorgung im Raum Hannover. Einfach-, schulen- und geschlechtsbezogener Vergleich. Nervenarzt 1998; 69: 776–781.
5. Kobelt A, Schmid-Ott G, Künsebeck HW, Grosch E, Lamprecht F: Ambulante Rehabilitation zur Nachbereitung stationärer Psychotherapie. Das Konzept eines zentralen, wohnortnahen stationär/poststationären psychosomatischen Rehabilitationsprogramms. Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation 1998; 11: 13–18.
6. Schröder K: Neuorientierung im Alltag –Transferförderung im Rahmen eines stationären psychosomatischen Klinikaufenthalts. In: Deutsche Psychologenakademie (Hrsg.), Kongreßband zum deutschen Psychologentag „Psychologie am Puls der Zeit“ 2001: 580-583.
7. Schröder K: Neuorientierung im Alltag. Entwicklung, Durchführung und Evaluation eines Transferseminars für die stationäre psychosomatische Rehabilitation. 1998. Unveröffentlichte Diplomarbeit, TU Braunschweig.
8. Schröder K: Selbstgesteuerter Transfer – Ziel oder Utopie? Von der Schwierigkeit, Behandlungserfolge aus einer Rehabilitationsklinik im Alltag umzusetzen. In: Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.), Tagungsband zur Stipendiatenkonferenz 2002 (in Druck).
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