ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2002Richard Longo – The Freud Drawings: Psychoanalyse einer Wohnung

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Richard Longo – The Freud Drawings: Psychoanalyse einer Wohnung

PP 1, Ausgabe Dezember 2002, Seite 565

Sander-Fell, Sabine

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LNSLNS Der New Yorker Künstler fokussiert mit dem Zyklus „The Freud Drawings“ einen verlorenen Ort.

Untitled (Interior apartment front door with bars 1938), 2000. Fotos: Ausstellungskatalog
Untitled (Interior apartment front door with bars 1938), 2000. Fotos: Ausstellungskatalog
Der Blick fällt auf eine mächtige, schwarzlackierte Holztür. Auf dem Metallschild lesen wir in großen Lettern „Prof. Dr. Freud“ und erfahren zugleich die knapp bemessenen Sprechzeiten. Mehr als vier Jahrzehnte lebte und arbeitete der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud in der Wiener Berggasse 19. Im Mai 1938 floh er nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich mit seiner Frau Martha und seiner Tochter Anna ins Londoner Exil. Das Mobiliar, seine Bücher und die archäologische Sammlung wurden verpackt und nachgeschickt. Kurz vor der Flucht beauftragte Freud den Fotografen Edmund Engelmann, seine Wohnung und die Praxisräume zu dokumentieren. Heimlich und in Gefahr, von den Schergen des Nazi-Regimes entdeckt zu werden, entstanden in den abgedunkelten Räumen ohne Blitzlicht Schwarz-Weiß-Fotografien, die eindrucksvoll den verlorenen Ort festhalten.
Als der New Yorker Künstler Robert Longo 1998 auf den Fotoband von Engelmann aufmerksam wurde, war er von diesen letzten Bildern eines ausgelöschten Ortes beeindruckt. Nach und nach entstanden großformatige Kohlezeichnungen, immer mit Blick auf die Fotodokumente, die ihm als Vorlage dienten. Richard Longo nähert sich den Fotografien, sagt er, aus der Perspektive eines Patienten Freuds, der nach einer Konsultation sein Gedächtnis nach markanten Bildern und Erinnerungsfragmenten befragt. Eindringlich zeigen die Zeichnungen in lebensgroßen Dimensionen den dunklen, abweisenden Hauseingang mit dem Emblem des Hakenkreuzes, das stark vergrößerte Guckloch an der Wohnungstür Sigmund Freuds, das den Betrachter wie ein gigantisches Auge fokussiert und zum Symbol des faschistischen Überwachungsapparates wird. Die wehrhaften Armierungen auf der Innenseite der Haustür offenbaren Freuds Ängste, der sich in seiner Wohnung nicht mehr sicher fühlten konnte. Ständig wurde er überwacht; ein Blick aus dem Fenster in das gegenüberliegende Haus ließ ihn daran nicht zweifeln. Longo reflektiert diese Atmosphäre, in der Macht und Gewalt erfahrbar werden, in seinen Kohlezeichnungen. Dabei betont er, dass ihn der Gegensatz von innen und außen besonders interessierte. Während Freud in der Abgeschlossenheit seiner Wohnung die dunklen Seiten der Seele analysierte, lebten die Nazis diese auf schockierende Weise aus.
Untitled (Freud’s desk and chair, study room 1938), 2000
Untitled (Freud’s desk and chair, study room 1938), 2000
Beharrlich treibt Longo die Psychoanalyse der Wohnung weiter, indem er den anthropomorphen Sessel Freuds vor den abgeräumten Schreibtisch stellt. Das menschenförmige Möbelstück erinnert an seinen Besitzer. Die Leere auf dem Schreibtisch und die Dunkelheit des Zimmers umschreiben das perfide Prinzip der Tabula rasa der Nazis. Schemenhaft wie eine Halluzination tauchen aus dem samtigen Schwarz der Kohlezeichnungen lebensgroße Figuren auf, teuflische Wesen und Fratzen schneidende Kreaturen, als gelte es, ihre Obsessionen bloßzulegen. Der monumentale Porzellankachelofen verweist subtil auf die Verbrennungsöfen in den Konzentrationslagern der Nazis.
Mit dem Zyklus der Freud Drawings greift Longo ein Stück Zeitgeschichte auf, er schleust ein in einen ausgelöschten Ort der europäischen Geistesgeschichte. Die Freud Drawings sind in den Krefelder Kunstmuseen zu sehen. Mit ihnen wird 2003 die Albertina in Wien wieder eröffnet und in besonderem Maße an den Verlust erinnert. Sabine Sander-Fell

Die Ausstellung „Robert Longo – The Freud Drawings“ ist bis zum 16. Februar 2003 in den Museen Haus Lange und Haus Esters in Krefeld zu sehen. Telefon: 0 21 51/ 97 55 80.
Der Ausstellungskatalog mit Texten von Werner Spies, Paul Auster und Rainer Metzger ist im Kerber Verlag erschienen (24 Euro).
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