ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Organ- und Gewebeasservation: Notwendiges Verfahren

POLITIK

Organ- und Gewebeasservation: Notwendiges Verfahren

Dtsch Arztebl 2002; 99(50): A-3376 / B-2842 / C-2646

Dettmeyer, Reinhard; Madea, Burkhard

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LNSLNS Angesichts der aktuellen Diskussion scheint eine
Darstellung der Rechtsgrundlagen erforderlich.

Die aktuelle Diskussion um die anlässlich der gerichtlichen Obduktion erfolgte Entnahme und Asservation des Gehirns der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof erfordert einige klarstellende Erläuterungen. Gerichtliche Obduktionen gemäß §§ 87 ff. Strafprozessordnung (StPO) erfolgen auf Anordnung der Staatsanwaltschaft oder nach antragsgemäßer Anordnung durch das zuständige Amtsgericht. Die Obduktion des nach § 98 StPO beschlagnahmten Leichnams dient der Beweissicherung im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts eines Tötungsdelikts oder auch zunächst im Rahmen eines so genannten Todesermittlungsverfahrens. Die Obduktion wird gemäß § 87 Abs. 2 Satz 1 StPO von zwei Ärzten in Anwesenheit von Vertretern der Ermittlungsbehörde (Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft) vorgenommen. Zweck der Obduktion ist die Klärung des Grundleidens und der unmittelbaren Todesursache, aber auch die detaillierte Erfassung von Verletzungsbefunden, um rekonstruktive Aussagen zu einem möglichen Tatgeschehen treffen zu können. Gleichzeitig muss im Hinblick auf später mögliche und zum Zeitpunkt der Obduktion unter Umständen noch nicht aktuelle Fragestellungen eine umfangreiche Asservation von Organproben, Geweben und Körperflüssigkeiten erfolgen. Dies gilt in gleicher Weise für die Asservation bei klinischen Obduktionen, die nach den Sektionsgesetzen einzelner Bundesländer oder allgemein nach der Zustimmungslösung geregelt sind.
Unabhängig von der aktuellen Fragestellung erfolgt grundsätzlich – wie in der klinischen Pathologie – die Asservation von Organteilen aller großen Organe, die regelmäßig im Nachgang zur Obduktion histologisch zu untersuchen sind. Erst nach Vorlage der Sektionshistologie kann die abschließende Sektionsdiagnose formuliert werden.
Wegen des drohenden Beweismittelverlustes (Autolyse, Fäulnis) muss eine Obduktion einerseits möglichst zeitnah zum Todeseintritt erfolgen, andererseits liegen in dieser frühen Phase der Ermittlungen häufig noch keine hinreichenden Ermittlungsergebnisse vor, um die zukünftig von den Obduzenten oder Rechtsmedizinern zu beantwortenden Fragen abschließend benennen zu können. Um daher später nicht mit dem Vorwurf einer unzureichenden Beweismittelsicherung konfrontiert zu werden, kann in Abhängigkeit von den Gesamtumständen bei einer gerichtlichen Obduktion auch die Asservation ganzer Organe erfolgen. Erst im späteren Verlauf der Ermittlungen kann die Relevanz der einzelnen Organe oder Asservate abschließend beurteilt werden. Insofern haben die Obduzenten Sorgfaltspflichten auch gegenüber den Ermittlungsbehörden zu beachten.
Klärung der Todesursache
Der Status der Obduzenten in der Rechtsmedizin als staatsanwaltschaftlich oder gerichtlich bestellte Sachverständige lässt einen unmittelbaren Kontakt zu den Hinterbliebenen des obduzierten Verstorbenen nicht ohne weiteres zu. Einerseits sind die Hinterbliebenen nicht selten (zunächst) Tatverdächtige; andererseits würde eine Kontaktaufnahme zu den Angehörigen das Risiko einer späteren Ablehnung als gerichtlicher Sachverständiger wegen Befangenheit in sich bergen. Aus dem gleichen Grund können Auskünfte über das Obduktionsergebnis an Kollegen nicht oder nur mit Erlaubnis der Staatsanwaltschaft erteilt werden.
Die wissenschaftliche Untersuchung der einbehaltenen Organproben oder Asservate kann zum Teil bereits in staatsanwaltschaftlichem oder gerichtlichem Auftrag erfolgt sein. Auch bei später nicht mehr bestehendem Interesse der Ermittlungsbehörde besteht jedoch bei unklaren Todesfällen das Bedürfnis nach Klärung der definitiven Todesursache und Todesart. Diesen Zielen dient die angewandte rechtsmedizinische Forschung ebenso wie die oft diffizile, kasuistische Einzelfalluntersuchung. Zudem werden nach Abschluss des Ermittlungs-
verfahrens weitergehende Untersuchungen zur Klärung der Todesursache
einerseits für die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung vorgenommen; andererseits veranlassen auch Angehörige Untersuchungen zur Klärung der Todesursache. Die Entwicklung neuerer diagnostischer und analytischer Nachweismethoden ermöglicht dabei im Einzelfall eine Todesursachenklärung oft nach vielen Jahren – vorausgesetzt, die bei der Obduktion gewonnenen Gewebeproben wurden nicht voreilig vernichtet. Nach Abschluss staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen oder eines gerichtlichen Verfahrens treten die Hinterbliebenen nur selten an das rechtsmedizinische Institut heran, um asservierte Organe oder Gewebeproben für eine Nachbestattung anzufordern. Dies gilt in gleicher Weise für klinische Sektionen.
Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass die Untersuchung autoptisch gewonnener Proben unter Berücksichtigung des postmortalen Persönlichkeitsschutzes wichtige Daten liefern kann, etwa zur Pathogenese von Suchterkrankungen, zu drogenassoziierten Erkrankungen, zur Hepatitis- und HIV-Prävalenz bei Drogentoten, zu Behandlungsfehlerkonstellationen und zu vielem anderen mehr – Erkenntnisse, die auch in die Ausbildung angehender Mediziner einfließen. Das wissenschaftliche Potenzial und die diagnostischen beziehungsweise analytischen Möglichkeiten der Pathologie wie der Rechtsmedizin sollten daher als wichtiges Angebot zur Qualitätssicherung gesehen werden, die Organasservation als auftragsgemäßer Weg zur Wahrheitsfindung.
Dr. med. Dr. jur. Reinhard Dettmeyer
Prof. Dr. med. Burkhard Madea
Institut für Rechtsmedizin der Universität Bonn
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