ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Pharmaindustrie: Hürdenlauf

POLITIK: Kommentar

Pharmaindustrie: Hürdenlauf

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die Angst vor der „Vierten Hürde“ geht um in der Pharmaindustrie, vor allem der forschenden. Gemeint ist eine zusätzliche Zulassung von Arzneimitteln, die zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden dürfen. Sie sollen zuvor einer Kosten-Nutzen-Bewertung unterzogen werden.
Angesichts der nicht eben ermutigenden Erfahrungen vor allem aus Großbritannien hat sich Roche zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen. Die deutsche Tochter des Schweizer Pharmakonzerns ging in Berlin mit einer gesundheitspolitischen Veranstaltung vor die Presse. Eine Premiere. Normalerweise überlassen nämlich die Unternehmen die politische Interessenvertretung ihren Verbänden. Doch der Vorsitzende des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller, Prof. Dr. Bernhard Scheuble, hat diplomatisches Verständnis für das Vorpreschen seines Verbandsmitgliedes: Der Kontakt der Industrie zur Bundesregierung sei zurzeit derart gestört, dass man auf vielen Wegen versuchen müsse, seine Argumente zu verbreiten.
Roche hat einen besonderen Grund, Verzögerungen durch die „Vierte Hürde“ zu fürchten. Ein Gutteil seines Umsatzes macht die Firma mit sehr spezifischen Krebspräparaten, so einem monoklonalen Antikörper, der für eine bestimmte Form des Brustkrebses eingesetzt wird. Das bedeutet, dass relativ kleine Patientengruppen betroffen sind. Andererseits sind die Entwicklungskosten vergleichsweise hoch. Damit zieht das in der Pharmaindustrie weithin verbreitete Blockbuster-Konzept hier nicht, und das heißt wiederum, dass die spezifische Krebstherapie relativ teuer sein muss. Hinzu kommt, dass der gezielte Einsatz
mit einer vorangehenden aufwendigen Diagnostik einhergeht. Roche sieht allerdings in solchen spezifischen Therapien die eigentliche Zukunft innovativer Krebstherapie. Die „Vierte Hürde“ könnte für solcherlei Innovationen gefährlich werden, sie behindern oder verzögern. Unter Kostengesichtspunkten könnten auch Krebstherapien, die weniger spezifisch sind und größere Umsätze und damit geringere Preise verheißen, von den Kassen bevorzugt werden.
Von der Pharmaindustrie werde zu Recht erwartet, dass sie für einen schnellen Wissenstransfer vom Labor bis zum Patienten sorge. Andererseits dürften staatliche Rationalisierungsmaßnahmen keine Verzögerungen für die Patienten zur Folge haben, begründete Dr. Karl Schlingensief, der Vorstandsvorsitzende von Roche Deutschland, die Berliner Premiere. Norbert Jachertz
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