ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Sucht und Drogen: „Schmuddelkrankheit“ ernst nehmen

POLITIK

Sucht und Drogen: „Schmuddelkrankheit“ ernst nehmen

Dtsch Arztebl 2002; 99(50): A-3381 / B-2847 / C-2649

Bühring, Petra; Rabbata, Samir

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LNSLNS Die Suchtforschungsverbünde des Bundesministeriums für Bildung und Forschung holen nach, was lange vernachlässigt wurde. Ärzte plädieren für die Etablierung wissenschaftlich fundierter Leitlinien in der Suchtmedizin.

Sucht ist immer noch eine „Schmuddelkrankheit“ – weder hat Suchtmedizin bisher Eingang in die Ausbildung von Ärzten gefunden, noch sind Alkohol- oder Heroinabhängige Patienten, mit denen Hausärzte oder Psychiater gerne umgehen. Auch wurde bis vor zehn Jahren in Deutschland kaum Forschung zum Thema „Sucht“ betrieben. Das erstaunt angesichts der Zahlen: Rund 25 Prozent aller Todesfälle und durch Behinderung „verlorene Lebensjahre“ in Deutschland gehen auf die Einnahme psychotroper Substanzen zurück. 42 000 Alkoholsüchtige jedes Jahr – im Gegensatz dazu „nur“ 1 835 illegal Drogensüchtige. Innerhalb der psychiatrischen Krankheiten machen die direkten Kosten für Alkoholismus fast 50 Prozent aus. Bis zu einer Behandlung vergehen im Schnitt 15 Jahre.
„Suchtforschung war lange eher ein Hobby einzelner interessierter Wissenschaftler“, sagte Prof. Dr. med. Karl F. Mann, Inhaber des Lehrstuhls für Suchtforschung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, bei einem Workshop des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin. Bei den Ausgaben für Akoholismusforschung habe Deutschland noch Mitte der 80er-Jahre „weit abgeschlagen“ hinter den USA, aber auch hinter europäischen Ländern gelegen. In den letzten Jahren hat sich die Situation allmählich verbessert: Es wurden eine C-4- und mehrere C-3-Professuren für Suchtforschung eingerichtet. Seit 1994 fördert das BMBF die Suchtforschung. Das erste Programm (1994 bis 2001) war breit angelegt von der Erforschung neurobiologischer Grundlagen der Suchtentwicklung bis zu bevölkerungsbezogenen epidemiologischen Studien. Im aktuell laufenden zweiten Programm (2001 bis 2004) wird die Versorgungsforschung stärker betont.* Ziel der vier regional auf das Bundesgebiet verteilten Suchtforschungsverbünde (Koordinator: Prof. Dr. Karl F. Mann) ist der Transfer der Forschungsergebnisse in die therapeutische Praxis und in die Prävention. Im Vordergrund stehen alkohol- und nikotinbedingte Störungen. Rund drei Millionen Euro gibt das BMBF für die Suchtforschung jährlich aus. So fand beispielsweise Prof. Dr. phil. Hans-Ulrich Wittchen, Sprecher des Suchtforschungsverbundes Bayern/Dresden, in einer Studie zu den sozialen und psychologischen Determinanten des Drogenmissbrauchs bei 14- bis 24-Jährigen heraus, dass eine leichte Zugänglichkeit zu Drogen den frühen Einstieg erhöht. Gerade bei Pubertierenden führe Drogenkonsum häufig in die Abhängigkeit. „Gute Chancen, nicht abhängig zu werden, bestehen, wenn Jugendliche bis zum Alter von 17 bis 18 Jahren nichts konsumieren.“ Wittchen sprach sich deshalb deutlich gegen die Legalisierung von Cannabis aus. Ebenso wenig schütze Legalisierung davor, mit härteren Drogen in Kontakt zu kommen, glaubt er.
Sinnvolle Präventionsstrategien will der Suchtforschungsverbund Nord-Ost (Sprecher: Prof. Dr. phil. Ulrich John) herausfinden. Einen hohen Nutzen bei geringen Kosten ergebe sich zum Beispiel durch die Frühintervention bei Hausärzten. Damit könnten rund 80 Prozent der Alkoholabhängigen erreicht werden. Ausreichend sei bereits eine Kurzberatung in drei bis vier Sitzungen, die in einer fünfstündigen Fortbildung erlernt werden könnte.
Mangel an Leitlinien
Die Suchtforschung in Deutschland könne nach Einschätzung des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS), Dr. med. Jörg Gölz, nur dann an das internationale Niveau anknüpfen, wenn verstärkt Standards für die Behandlung Drogenabhängiger erarbeitet würden. Nach wie vor sei das Fehlen wissenschaftlich fundierter Leitlinien eines der zentralen Probleme in der deutschen Suchtmedizin, sagte Gölz bei einem Kongress der DGS zum Thema „Professionelle Standards in der Suchtmedizin“ in Berlin. Nötig sei insbesondere ein verbessertes Zusammenspiel der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Jeder Bereich müsse Teilaspekte zur Behandlung Suchtkranker beisteuern, ohne dabei einen Vorrang zu beanspruchen. Gölz: „Insgesamt haben wir es bei der Behandlung von Suchterkrankungen mit einem Geflecht komplizierter Bedingungen zu tun, die dringend einer Ordnung durch Leitlinien bedürfen.“
Rückendeckung bekam Gölz von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk. Die SPD-Politikerin erklärte vor zahlreichen Besuchern der DGS-Tagung, dass man nur mit definierten Qualitätsstandards zu einer verbesserten Diagnostik und zu optimierten Therapieprozessen gelangen könne. Inwieweit eine Suchtbehandlung auch in den Bereich von Disease-Management-Programmen einbezogen werden könne, sei beim jetzigen Stand der Leitlinienentwicklung jedoch nicht abschließend zu beantworten, sagte Caspers-Merk.
Fortschritte bei der Behandlung von Hepatitis C
Einen ersten Erfolg vermelden Suchtmediziner bei der Behandlung drogenabhängiger Hepatitispatienten. Bisher gingen die meisten Ärzte davon aus, dass eine Hepatitis-C-Behandlung bei heroinabhängigen Patienten erst nach einer Abstinenzphase von sechs beziehungsweise zwölf Monaten möglich sei. Auch Krankenkassen hätten nach Angaben des DGS-Vorsitzenden Gölz die Kostenübernahme für eine Hepatitistherapie oft mit dem Hinweis auf die Unzuverlässigkeit der Drogensüchtigen verweigert. Jetzt habe die DGS als erste Fachgesellschaft in Deutschland neue Leitlinien empfohlen, nach denen Drogenabhängige mit einer Hepatitis-C-Erkrankung ebenso erfolgreich therapiert werden können wie nichtabhängige Patienten.
Möglich macht dies eine Therapie mit neuen („pegylierten“) Interferonen in Kombination mit dem Medikament Ribavirin. Der Münchner Suchtmediziner Dr. med. Markus Backmund sagte am Rande der Veranstaltung, dass auf diesem Weg bis zu 80 Prozent der drogensüchtigen Hepatitis-C-Patienten geheilt werden könnten. Dies sei nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch bemerkenswert. „Mittelfristig erspart die Ausheilung von Hepatitis C den Krankenkassen eine Menge Kosten.“ Eine wichtige Voraussetzung für eine effektive Behandlung sei aber die Zusammenarbeit von Suchtmedizinern und Leberspezialisten.
Petra Bühring, Samir Rabbata
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