ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Interview mit Prof. Rudolf Jaenisch: Biologische Fakten sprechen gegen klonierte Babys

POLITIK: Medizinreport

Interview mit Prof. Rudolf Jaenisch: Biologische Fakten sprechen gegen klonierte Babys

Dtsch Arztebl 2002; 99(50): A-3384 / B-2849 / C-2651

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LNSLNS Nach Einschätzung des Robert-Koch-Preisträgers 2002
stehen technische Probleme und Sicherheitsaspekte dem
Klonieren von Menschen entgegen.

Der mediale Wettstreit um das angeblich erste menschliche KlonBaby spitzt sich zu. Der italienische Arzt Dr. Severino Antinori hat die Geburt für Januar angekündigt. Dr. Brigitte Boisselier, Chefin des Unternehmens Clonaid in Las Vegas, spricht noch von „diesem Jahr“. Laut Boisselier werden derzeit fünf Klon-Schwangerschaften ausgetragen; Antinori spricht von weltweit drei Klon-Schwangerschaften.

DÄ: Herr Prof. Jaenisch, wie werten Sie die Ankündung der Geburten von Klon-Babys?
Jaenisch: Es ist gut möglich, dass in ein paar Monaten Fotos um die Welt gehen, die angeblich das erste lächelnde Klon-Baby zeigen. Nach meiner Einschätzung wird das eine Lüge sein. Denn die Identität der Kinder wird mit Verweis auf Persönlichkeitsschutz nie bekannt gegeben, sodass es nie einen Beweis geben wird. Und falls Antinori oder Boisselier selbst angebliche Beweise vorlegen, würde ich die nicht glauben.

DÄ: Was macht Sie so sicher, dass es keine Menschen-Klone geben wird?
Jaenisch: Es gibt klare biologische Fakten, die gegen das Klonieren von Menschen sprechen. Ich bin sogar der Meinung, dass die Probleme so fundamental sind, dass sie grundsätzlich nicht behoben werden können. Unsere bisherige Forschung hat gezeigt, dass es wahrscheinlich keine normalen Klone gibt. Wenn ein Klon stark abnormal ist – und das sind die meisten –, stirbt er sehr früh. Ist er weniger abnormal, dann überlebt er zwar, aber seine Lebenserwartung ist verkürzt. So ist die Lebenserwartung von Klon-Mäusen wegen schwerer pathologischer Veränderungen an Leber und Lunge um etwa ein Drittel verkürzt.

DÄ: Andere Wissenschaftler haben über den Gesundheitszustand geklonter Rinder optimistischere Beschreibungen abgegeben und damit die Fantasie derjenigen beflügelt, die Menschen klonieren wollen.
Jaenisch: Dass man solche Effekte an klonierten Rindern bislang noch nicht gesehen hat, liegt daran, dass die Tiere noch viel zu jung sind. Viele Aussagen zum Gesundheitszustand von Klon-Rindern basieren zudem auf oberflächlichen Untersuchungen, molekulare Studien gibt es bislang nur an der Maus. Und da sind die Ergebnisse eindeutig. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Ist es möglich, Klonieren so sicher zu machen wie die In-vitro-Fertilisation? Meiner Ansicht nach kann man das nicht. Es ist nicht nur ein technisches Problem, sondern es steht auch eine biologische Barriere davor.

DÄ: Ihre Ablehnung des Klonierens ist also vor allem mit dem Argument mangelnder Sicherheit begründet?
Jaenisch: Ja, der Sicherheitsaspekt steht derzeit im Vordergrund. Eine andere Frage ist: Angenommen, man könnte jemals klonieren, solle man es dann tun? Ich habe ein sehr ungutes Gefühl dabei. Denn was bedeutet es für den Menschen, der so erzeugt wird? Was ist mit seiner Individualität? Ein Klon kann seinen Spender anschauen, und er weiß, wie er in 30 Jahren aussieht.
Hinzu kommt, dass Unfruchtbarkeit oft genetisch bedingt ist. Wenn also ein Paar ein Kind klonieren ließe, weil einer der beiden unfruchtbar wäre, würde das für einen Großteil der so gezeugten Kinder bedeuten, dass sie sich ebenfalls nur durch Klonieren fortpflanzen könnten – ich finde das inakzeptabel.

DÄ: Wie gehen Sie mit der Aussicht um, dass ihre Erforschung der Vorgänge, warum das Klonieren misslingt, Wege zu erfolgreicheren Methoden aufzeigt und damit zum Klonieren von Menschen führen könnte?
Jaenisch: Das ist eine Variante der Frage „sollte man eine Erkenntnis nicht suchen, weil sie möglicherweise missbraucht wird?“. Das empfinde ich als völlig falsch. Man darf Forschung und Erkenntnissuche keinesfalls mit dem Argument reglementieren, sie könnte einmal missbraucht werden. Nehmen wir das Beispiel der modernen Genetik, aus der Klonen hervorgegangen ist: Zu welchem Zeitpunkt hätte man die Forschung unterbrechen sollen? Ich sehe in unserer Forschung an Mäusen kein ethisches Problem. Aber ich halte es für völlig legitim, wenn die Gesellschaft es verbietet, diese Ergebnisse auf Menschen zu übertragen. Zudem wissen wir jetzt noch gar nicht, was die Forschung etwa an der Maus ergeben wird. Die Ergebnisse auf den Menschen zu übertragen ist viel schwieriger, als jeder bisher dachte.

DÄ: Das ist die theoretische Antwort. Doch wie würden Sie persönlich mit dem Wissen umgehen, falls Ihre Forschung zeigen sollte, wie Klonen funktioniert?
Jaenisch: Im Moment sind unsere Ergebnisse an der Maus so überzeugend, dass die Gruppen, die Menschen klonieren wollen, inzwischen den Mund halten. Sie können nicht mehr dagegen argumentieren. Hier sind klare Fakten geschaffen worden, die sagen, es funktioniert nicht.
Die Fragen stellte Klaus Koch

Prof. Dr. Rudolf Jaenisch, der seit 20 Jahren am Whitehead Institute for Biomedical Research des Massachusetts Institute of Technology (Cambridge/USA) arbeitet, gilt als Pionier der Herstellung transgener Tiere. Bereits in den 70er-Jahren interessierte er sich für die Frage, warum bestimmte Viren sich zwar ins Erbgut ihrer Wirte einfügen können, dann aber inaktiviert werden. Das Phänomen führte zur Entdeckung „epigenetischer Modifikationen des Genoms“: Hierbei entscheiden chemische Veränderungen und aufgelagerte Proteine (ohne den Gen-Code selbst zu verändern) wie Siegel darüber, ob Gene aktiv sind. Diese Forschungen haben Jaenisch ins Zentrum der Klonierungsdebatte gerückt. Sowohl bei der zukünftigen therapeutischen Anwendung von Stammzellen als auch bei Klonierung geht es auch um die Frage, ob und wie epigenetische Muster reprogrammiert werden können.

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