ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Arztberuf in der Krise: Den Kern getroffen

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Arztberuf in der Krise: Den Kern getroffen

Dtsch Arztebl 2002; 99(50): A-3386 / B-2850 / C-2652

Merten, Martina

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Fotoarchiv des St. Hedwig-Krankenhauses
Fotoarchiv des St. Hedwig-Krankenhauses
Ekkehard Ruebsam-Simon, Autor des DÄ-Artikels „Veränderung beginnt im Kopf“ (Heft 43/2002), spricht vielen Ärztinnen und Ärzten aus der Seele. Dies zeigt die überwiegend positive Resonanz auf seine Analyse der ärztlichen Krisensituation.

Nur selten sind sich die Leser des DÄ so einig über die Bewertung eines Artikels wie bei dem von Ekkehard Ruebsam-Simon. Die Mehrzahl äußerte sich uneingeschränkt positiv: „Das war die intelligenteste und zutreffendste Charakterisierung unseres Berufsstandes, die ich jemals gehört oder gelesen habe“, schreibt zum Beispiel Dr. med. Ulrich Rüegger. Und auch Dr. Christiane Siefert-Ajati meint: „Ich habe selten eine so treffende Analyse unserer Situation und deren Ursachen gelesen.“ Dr. Dietrich Meißner gratuliert Ruebsam-Simon zu der seiner Meinung nach „tiefgründigen Analyse der Krisensituation in der Ärzteschaft Deutschlands“. Viele Ärztinnen und Ärzte loben den Autor vor allem für seinen Mut, die Probleme unverblümt auf den Punkt zu bringen. So kommentiert Dr. med. Rudolf Jakob: „Endlich emotionsfrei den Kern getroffen“, und auch sein Kollege Christian Ulrich freut sich über den „analysierenden Mut, die schwachsinnige Selbstausbeutung der deutschen Ärzte aufzuzeigen“. Durch Ruebsam-Simons „schonungsloses“ Ansprechen von „[. . .] Dingen, die man eigentlich weiß, aber aus reinem Selbstschutz verleugnet [. . .]“, sei ihr ein „Licht aufgegangen“, ergänzt sogar eine Leserin.
Nachdem man nun, auch aufgrund von Ruebsam-Simons Artikel, einsehe, wie kritisch die Situation für die Ärzte in Deutschland sei, werde es Zeit, sich auf seine kämpferischen Tugenden zu besinnen, fordert der Neurologe und Psychiater Dr. med. Ulrich Zimmerer. „Schließlich leisten wir ehemaligen Einserschüler und Einserstudenten durch unsere effiziente, hoch qualifizierte, von spezialisiertem Wissen und reicher Erfahrung gleichermaßen getragene Arbeit einen immensen Beitrag [. . .] zur Volksgesundheit.“ Ähnlich kämpferisch zeigen sich auch andere Kollegen. So spornt Dr. med. Rudolf Jakob seine Kollegen an: „Raus aus dem Glaskasten, weg mit der elitären Eitelkeit und rein ins raue Leben!“
Daran, dass Ärzte zum Widerstand taugen, glauben jedoch nicht alle Leserinnen und Leser. Dr. med. Dr. rer. pol. Manfred Kerschreiter zum Beispiel meint, ärztliche Bereitschaft zur Hilfe vertrage sich nicht mit einer Verweigerungshaltung. Recht gibt ihm ein Würzburger Kollege. Nach Meinung von Dr. med. Manfred Doerck ist es „[. . .] nicht zu fassen, dass 370 000 akademisch ausgebildete, mehr oder weniger elitäre Mitglieder unserer Gesellschaft eine plötzliche Bedeutungsumkehr akzeptieren oder mindestens praktizieren sollen“. So sei „statt einmütigen Aufschreis und strikter Verweigerung“ nur ein „eher schlapper Protest“ seitens der Ärzteschaft gekommen.
Ärzte müssen umdenken
Kritik an der Ärzteschaft übt auch Dr. med. Volker Grebe. Um überhaupt aktiv sein und Reformen durchführen zu können, müssten viele Ärzte zunächst lernen, umzudenken. Denn seiner Auffassung nach ist es „[. . .] die niedergelassene Ärzteschaft selbst, die in unbegreiflicher Selbstblockade und ideologischer Verweigerungshaltung dem Staat eine über das notwendige Maß hinausgehende administrative und legislative Befassung mit dem Finanzierungsproblem und nun auch Qualitätsproblem im Gesundheitswesen aufnötigt“. Ruebsam-Simons „Gegenmaßnahmen“ hält Grebe deshalb auch für nicht realistisch. Gleicher Meinung ist Dr. Joachim F. Grüner. Der Arzt für Neurologie und Psychiatrie unterstellt Ruebsam-Simon, „[. . .] offensichtlich ein Opfer der Sozialisation, die er anprangert, zu sein, [erwartend], dass ein Deus ex machina die richtigen Studenten aussucht, die Chefärzte in die Schranken weist, die KVen erleuchtet und womöglich uns Ärzten die Kontrolle über die Ökonomie verschafft.“ Auch Dr. med. Friedrich Weinberger glaubt nicht an den Erfolg der Lösungsvorschläge Ruebsam-Simons. Sie entstammten „[. . .] der Mottenkiste der Neomarxisten von Horkheimer und Ardorno bis Marcuse und Habermas“.
Einigkeit besteht bei vielen Ärztinnen und Ärzten darüber, dass eine Ursache der Misere die KV ist. Während manche Ärzte, wie zum Beispiel Dr. med. Dr. rer. pol. Manfred Kerschreiter, noch moderat fragen „[. . .] was soll aus den Ärztekammern und KVen werden?“, fordern Kollegen wie Grüner rigoros den Verzicht „auf unser Kartell, die KV“. Denn, so ergänzt ein weiterer Kollege, die Mehrzahl der KV-Mitarbeiter sei im Wesentlichen nur mit sich selbst beschäftigt und keine Interessenvertretung der Ärzte mehr. Sie verbrauchten das Geld, das von Ärzten erarbeitet werde, und seien in der Regel nach 16 Uhr nicht mehr erreichbar. Und auch Dr. med. Frank Kaiser kann aus Ruebsam-Simons „noch moderater Bestandsaufnahme des Grauens im deutschen Arztalltag“ nur ein Fazit ziehen: „Kollektive Rückgabe der Kassenzulassung aller Vertragsärzte und Behandlung nur gegen Vorkasse beziehungsweise Kostenerstattung, unter Betreuungstellung aller KV/KBV-Mandatsträger wegen langjährig bewiesener Realitätsverkennung/Wahrnehmungsstörungen, politischer Desorientiertheit und vorsätzlich kriminellen Verhaltens gegenüber ihren Mitgliedern [. . .].“ Martina Merten
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