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Kürzlich stieß ich während meiner allwöchentlichen Literaturdurchsicht auf eine bemerkenswerte Kasuistik. Sie wissen doch, diese Fallberichte, die unser diagnostisches Auge schärfen sollen oder von therapeutischen Glanztaten berichten. Den Inhalt habe ich schon wieder vergessen, aber eine Zeile ist mir im Zwischenhirn haften geblieben: Es traten gleich acht Autoren an. Nun könnte man ein Schelm sein, der sich Böses dabei denkt: Als erster tritt derjenige mit den höchsten wissenschaftlichen Ambitionen auf, um seinen Katalog für die Habilitation zu füllen. An zweiter Stelle wird ein befreundeter Kollege genannt, der ebensolche Ziele verfolgt und mit dem ein einvernehmliches „Artikel-Sharing“ betrieben wird – ein Netzwerk gegenseitiger Publikation. Im Kielwasser des Erstautors schwimmen noch mehrere Assistenten und Doktoranden, die ihre Nächte und Wochenenden darangeben, um in den Genuss einer wissenschaftlichen Publikation zu kommen. Als Angelhaken wird ihnen die Beihilfe zum beruflichen Fortkommen versprochen. Der Haken dabei ist, dass es sich um mündliche Verabredungen handelt, die später der Vergesslichkeit des Erstautors anheim fallen. An vorletzter Stelle steht dann derjenige, der für die zündende Idee am Krankenbett verantwortlich zeichnet und in der Regel auch den Artikel geschrieben sowie die Literaturrecherche betrieben hat. Wenn er denn überhaupt genannt wird. An letzter Stelle wird der Institutsleiter genannt, wenn ihm nicht im Anhang zum 60-jährigen Betriebsjubiläum gratuliert wird.
Wir sind aber keine Schelme. Deshalb bitte ich Sie, jetzt die Augen zu schließen und sich fest, ganz fest Folgendes vorzustellen: Acht Kollegen stehen mit sorgenvoller Miene vor dem Krankenbett und fassen sich ringsherum an den Händen, um alle mentale Kraft auf die Abwendung des Patientenschicksals zu bündeln. Im Steilflug dieser Séance wird die bahnbrechende Diagnose geboren, die es unserem Oktett ermöglicht, gemeinsam Hand an die lebensrettende Infusion zu legen. Zaubergleich senkt sich das Fieber, normalisieren sich die Leukozyten. Und damit diese Erleuchtung der Nachwelt erhalten bleibt, greifen alle zu ihren Diktiergeräten . . .
Es ist immer wieder schön, wenn Kollegen sich zur gemeinsamen Arbeit zusammenfinden. Komisch, aber keiner will mit mir etwas zu tun haben. Dr. med. Thomas Böhmeke
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