THEMEN DER ZEIT

Förderung der Ärztegesundheit: Es besteht Nachholbedarf

Dtsch Arztebl 2002; 99(50): A-3392 / B-2855 / C-2657

Mäulen, Bernhard

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Beobachtungen vom Internationalen Kongress für
Ärztegesundheit, Oktober 2002 in Vancouver

Überall in der westlichen Welt vollzieht sich in den letzten Jahren ein drastischer Wandel der ärztlichen Arbeitsbedingungen: Verlust an Autonomie, starke externe Kontrollen, Zunahme berufsfremder Tätigkeiten, verringerte Einnahmen und anderes mehr. All dies erhöht den psychosozialen Stress im Arztberuf. Die Folge ist, dass Ärzte in vielen Ländern enttäuscht, unzufrieden und zunehmend ausgebrannt sind. Dies ist in Ländern mit staatlichem Gesundheitssystem (Großbritannien) nicht anders als in solchen mit überwiegend privaten Trägern (USA).
Die meisten Ärzte sind trotz aller Demotivierung bemüht, gute Arbeit zu leisten, was in der Öffentlichkeit und von den Patienten auch anerkannt wird. Zugleich ist den Verantwortlichen klar, dass es so nicht weiter gehen kann: Sonst wird die berufliche und private Lebensqualität vieler Ärzte zerstört.
Auf der diesjährigen Internationalen Konferenz über Ärztegesundheit (Physician Health) in Vancouver, Kanada, suchten Experten aus zahlreichen Ländern nach Wegen, die Gesundheit von Ärzten zu erhalten oder zu verbessern. Es wurde deutlich, dass Ärzteorganisationen in England, Kanada, USA, Dänemark, Norwegen und Spanien diesbezüglich teilweise umfassende und koordinierte Anstrengungen unternehmen. So werden die Mediziner bereits während des Studiums und der Assistenzarztzeit auf einen besseren Umgang mit beruflichem Stress vorbereitet; Einstellungen und Verhaltensweisen zur Verbesserung der Gesundheit von Ärzten werden gefördert: eigener Impfschutz, eigener Hausarzt, keine Selbstverschreibung von Medikamenten, Vorbeugung von Abhängigkeit, Entspannungsprogramme. Als Reaktion auf die Not vieler niedergelassener Ärzte gibt es Telefon-Hotlines, die in Krisen schnelle und kompetente Hilfe durch Spezialisten vermitteln (Großbritannien). Präventionsmaßnahmen werden mithilfe von Informationsbroschüren (zum Beispiel der American Medical Association), Gesundheitsprogrammen für Mitarbeiter von Universitätskliniken oder Seminaren für Ärzte zum Thema „Burnout“ realisiert. Aufklärung findet statt über das erhöhte Suizidrisiko von Ärzten und insbesondere Ärztinnen sowie über verfügbare Hilfen im Kampf gegen Depression und Suizid. Ärzte mit Abhängigkeitsproblemen (Alkohol, Beruhigungsmittel, BTM-Substanzen) werden nicht allein gelassen, sondern auf ihre Probleme angesprochen und in arztspezifische teilstationäre Therapien mit überdurchschnittlicher Erfolgsrate vermittelt.
Effektive Hilfsangebote
Neuerdings erhalten Krankenhäuser in den USA nur dann eine Zulassung, wenn sie ein Hilfsprogramm für die beschäftigten Ärzte vorhalten, das bei den verschiedenen Krisen und Nöten physischer, psychischer und materieller (drohender Bankrott ist mittlerweile keine Seltenheit) Art effektive und vertrauliche Hilfsangebote macht oder an Spezialisten ohne Wartezeit vermittelt. Die State Medical Societies in den US-Bundesstaaten haben konzertierte Aktionen entwickelt, mit denen sie sich fortlaufend um die Belange der Ärztegesundheit kümmern und in denen zum Teil hauptamtliche Mitarbeiter angestellt sind.
Ärzten an der Schwelle zur Pensionierung werden Kurse angeboten, wie sie den Übergang in die Pensionierung ohne psychischen Einbruch verkraften, da diese Umstellung für die „mit ihrem Beruf verheirateten“ Ärzte besonders schwierig ist. Für die besonderen Belange der Ärztinnen gibt es ebenfalls Ansprechpartner, Kurse, Informationsmaterial und gezielte Unterstützung. Gerät ein Arzt im Rahmen eines Kunstfehler- oder Regressverfahrens in eine Krise, stehen Spezialisten zur Verfügung.
Insgesamt wird vielfältige Unterstützung vom Medizinstudium bis zur Pensionierung angeboten: Nebeneinander gibt es edukative, konfrontative (Sucht), Coaching-ähnliche und Therapie vermittelnde sowie qualitätssichernde Angebote. Der Grad der Vertraulichkeit ist in der Regel hoch. Manche Angebote via Internet, Telefon-Hotline oder diverse Kurse können ohne Namensnennung genutzt werden. Andere können unter vier Augen wahrgenommen werden; denn die Schwelle bei Ärzten, sich um Hilfe zu bemühen, ist sehr hoch. Indiskretion, Rufschädigung und Bloßstellung werden so sehr befürchtet, dass selbst schwer depressive und suizidale Ärzte oft so lange warten, bis es zu spät ist. Diese Fakten müssen Hilfssysteme, die auf Ärzte zugeschnitten sind, berücksichtigen, anderenfalls bleiben sie wirkungslos.
Von einem vernetzten Hilfssystem ist man in Deutschland noch weit entfernt, auch wenn es einzelne positive Ansätze gibt, etwa Hilfen für abhängige Ärzte (zum Teil mit Unterstützung von Lan­des­ärz­te­kam­mern) oder die im vergangenen Jahr auf Betreiben des inzwischen verstorbenen Dr. med. Thomas Ripke in Heidelberg stattgefundene erste Konferenz „Der kranke Arzt“. Auch die Arbeit des Instituts für Ärztegesundheit mit kostenfreien Informationen im Internet (www.aerztegesundheit.de) erreicht noch längst nicht jeden Arzt. Eine koordinierte Aktion mit Prävention und Hilfsangeboten für Ärzte in Not auf breiter Basis fehlt in Deutschland. Erforderlich sind verstärkte Forschungsbemühungen, konkrete Hilfen, wesentliche Angebote von Bundes- und Lan­des­ärz­te­kam­mer, gegebenenfalls auch von privaten Trägern. Die Gesundheit von Ärzten zu erhalten ist kein Luxus, sondern eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit.
Leitsätze zu einem verbesserten Umgang mit der Ärztegesundheit sind:
- Der Arztberuf hat inhärente Stressoren, die spezifisch angegangen werden müssen. Die aktuellen Veränderungen im Gesundheitswesen erhöhen wesentlich den professionellen und persönlichen Stress für Ärzte.
- Ärzte haben das Recht, so ausgebildet zu werden und zu arbeiten, dass ihnen und ihren Familien eine gesunde Lebensführung möglich bleibt.
- Ärzte sollten im Krankheits- oder Krisenfall auf Ressourcen zurückgreifen können, die auf ihre speziellen Anliegen zugeschnitten sind.
- Die Berufsverbände, Ärztekammern, Krankenhausleitungen und andere Gremien sollten Angebote für die Verbesserung der Gesundheit von Ärzten und Ärztinnen bereitstellen sowie vernetzte Hilfen auf überregionaler Ebene entwickeln.
- Die medizinische Forschung, Aus- und Weiter- und Fortbildung sollten sich mit Fragen der Ärztegesundheit deutlich und nachhaltig beschäftigen.
- Wissen, Einstellungen und Verhaltensweisen, die für eine gesunde und balancierte Lebensweise von Ärzten wichtig sind, sollten kontinuierlich weitergegeben und unterrichtet werden.
- Hilfsangebote für Teilgruppen von Ärzten, die in besonderen Lebensphasen oder Notsituationen stehen (Assistenzärzte, Ärzte unter Anklage, abhängige Ärzte, ältere oder auch behinderte Ärzte), sollten erarbeitet werden.
- Gesunde Ärzte sind produktiver und verbessern die Arbeitsgrundlage in Krankenhaus und Arztpraxis. Ein gesunder Arzt ist entscheidend für die Effektivität eines Behandlungsteams.
- Gesunde Ärzte erfüllen eine wesentliche Vorbildfunktion für ihre Patienten. Sie sind die Basis einer qualitätsgesicherten Patientenfürsorge.
Die Umsetzung solcher Leitsätze wird viel Arbeit und Zeit brauchen. Wichtig ist, dass die deutsche Ärzteschaft auf Dauer den Entwicklungsrückstand aufholt und den internationalen Anschluss an moderne Unterstützungsprogramme für Ärzte erreicht. Anderenfalls wird die Attraktivität des Arztberufes weiter zurückgehen; eine zunehmende Zahl von Ärzten wird sich ausgebrannt zurückziehen, aufhören, schwer erkranken, bedingt nicht zuletzt durch den immensen Berufsstress, die Isolation im Beruf und ohnmächtige Wut.
Dr. med. Bernhard Mäulen
Institut für Ärztegesundheit
Villingen-Schwenningen
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