ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Obduktionen: Anreize für Kostenträger schaffen
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LNSLNS . . . Abgesehen davon, dass die autoptische Aufklärung unklarer Todesfälle durch entsprechende Deklarierung auf den Leichenschauscheinen bereits jetzt in den meisten Bundesländern über die Ermittlungsbehörden bzw. die Staatsanwaltschaften angeordnet werden kann, liegt auch in Krankenhäusern derzeit die Sektionsfrequenz viel zu niedrig. Daran ändern auch gesetzliche Regelungen z. B. in Form der erweiterten Widerspruchslösung wie im Berliner Obduktionsgesetz nichts, solange die Krankenhausträger nicht den Mut finden, die Zustimmung zur Obduktion bereits im Krankenhausaufnahmevertrag eindeutig zu regeln. In Berlin lag die Obduktionsfrequenz drei Jahre nach In-Kraft-Treten des Obduktionsgesetzes 1996 im Mittel unter 16 %.
Die Ursachen für diese unerfreuliche Entwicklung liegen auf der Hand. Die Nutznießer (alle zukünftigen und jetzigen Patienten) einer ausreichend hohen Obduktionsfrequenz (die Bundes­ärzte­kammer empfiehlt, 30 % der im Krankenhaus Verstorbenen einer Sektion zuzuführen) ahnen nicht, welche entscheidenden Möglichkeiten einer Qualitätssicherung dadurch gegeben sind. Ihre Interessenvertretung bei den Versicherungsträgern (gesetzliche und private Krankenkassen) müsste auf gesetzlicher Grundlage deutlich verbessert werden. Die Ärzteschaft und der Gesetzgeber sollten in einem wesentlich größeren Umfang als bisher ihrer diesbezüglichen Aufklärungspflicht nachkommen. Obduktionen klären nicht nur Hauptkrankheiten und Todesursachen auf, sondern dokumentieren immer einen morphologischen Gesamtstatus aller Organe und können deswegen Auskunft über den Verlauf bzw. die Folgezustände lange Zeit zurückliegender chronischer Erkrankungen geben, selbst wenn sie für das unmittelbare Todesursachengeschehen keine besondere Bedeutung besitzen sollten. Sie dokumentieren gelebtes Leben und können dazu beitragen, die Wirksamkeit länger zurückliegender ärztlicher
Maßnahmen zu überprüfen. Daher ist es bedauerlich, dass Obduktionsberichte häufig die langjährig mit der Behandlung eines Patienten beauftragten Hausärzte nicht erreichen, und bei der Arbeitsüberlastung in Arztpraxen und Krankenhäusern ist es sicher keine Ausnahme, wenn sie ungelesen zu den Akten gelegt werden.
. . . Erst wenn durch den Gesetzgeber Anreize und Finanzierungsmöglichkeiten für die Kostenträger und Anbieter von Gesundheitsleistungen geschaffen werden, regelmäßig die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen durch die Auswertung und anonymisierte Offenlegung von Obduktionsergebnissen zu überprüfen, hat der Patient als Endverbraucher der Gesundheitsleistungen und Vorsorgeprogramme die Chance, den Einsatz der von ihm bereitgestellten Finanzmittel für eine effiziente Gesundheitsfürsorge als mündiger Partner mitzubestimmen. Auf diesem Wege können Obduktionen die Transparenz im Gesundheitssystem erhöhen und die Position des Patienten als mündigen Gesundheitspartner verbessern.
Prof. Dr. med. Johannes Friemann, Unfallkrankenhaus Berlin, Warener Straße 7, 12683 Berlin
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