ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Neuroleptika: Missachtung von Patienteninteressen
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LNSLNS Die Therapiehinweise des Bundes­aus­schusses der Ärzte und Krankenkassen zu den atypischen Neuroleptika sind ein Beispiel für Rückständigkeit und Missachtung von Patienteninteressen im Namen von Pseudowirtschaftlichkeit und EBM-Fetischismus. Die Einführung der atypischen Neuroleptika gehört zu den größten medizinischen Fortschritten der letzten Jahre und hat einer großen Gruppe psychiatrischer Patienten zu einer entscheidenden Verbesserung ihrer Lebensqualität verholfen. Die Auffassung, eine generelle Bevorzugung der atypischen Neuroleptika sei „derzeit nicht begründet“, widerspricht den Empfehlungen der World Psychiatric Association. Mehrere gut kontrollierte Studien, u. a. im NEJM, konnten in letzter Zeit die Überlegenheit der Atypika gegenüber den klassischen Neuroleptika klar belegen. Die durch Haloperidol und verwandte Medikamente ausgelöste EPS ist die Grundlage der Stigmatisierung psychiatrischer Patienten und der entscheidende Grund von Noncompliance und damit von Rehospitalisierungen. Die verbreitete Anwendung von Haloperidol z. B. bei erregten Patienten ist zwar tradierte klinische Praxis, jedoch keineswegs in der für Atypika geforderten Strenge evidenzbasiert begründet. Die Empfehlung, mit Atypika zwar zurückhaltend zu sein, sie aber noch am ehesten bei „starker individueller Disposition“ für EPS oder im Falle einer „absehbar langfristigen“ neuroleptischen Therapie einzusetzen, führt die von halbverdauten Ungenauigkeiten nur so strotzende Richtlinie vollends ad absurdum, da diese beiden Kriterien für fast alle an Schizophrenie erkrankten Patienten zutreffen. Die „fehlende Möglichkeit einer Depotmedikation“ ist seit Monaten auf dem Markt; ein Atypikum hat inzwischen auch die Zulassung für die Behandlung der Manie. Es führt gerade im Bereich der Schizophrenietherapie völlig in die Irre, lediglich die Tagestherapiekosten der einzelnen Präparate miteinander zu vergleichen. Diese machen nur einen Bruchteil der volkswirtschaftlichen Kosten der Erkrankung aus; pharmakoökonomische Studien konnten im angloamerikanischen Raum klar eine erhebliche Kostenersparnis durch den vermehrten Einsatz von Atypika nachweisen. Im Vergleich zu Pharmakosten bei rheumatischen Erkrankungen, Aids, Malignomen oder nach Transplantationen sind die Tagestherapiekosten von atypischen Neuroleptika „Peanuts“; der Versuch, auch diese noch auf das Niveau der Sechzigerjahre zurückzustutzen, zeigt deutlich den Grad an Missachtung, der gerade psychiatrischen Patienten offensichtlich immer noch entgegengebracht wird.
Dr. Claus Normann, Universitätsklinikum Freiburg, Abtl. für Psychiatrie und Psychotherapie, Hauptstraße 5, 79104 Freiburg
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