ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Hepatotoxizität durch Kava-Kava: Risikofaktoren und Prävention

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Hepatotoxizität durch Kava-Kava: Risikofaktoren und Prävention

Dtsch Arztebl 2002; 99(50): A-3411

Teschke, Rolf

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LNSLNS Zusammenfassung
Kava-Pyrone sind Inhaltsstoffe der Wurzelstockextrakte von Kava-Kava (Piper methysticum) und können sehr selten infolge Überdosierung und langer Therapiedauer, vereinzelt aber auch bei normaler Dosierung und kurzer Behandlung, auf metabolisch-idiosynkratischer Grundlage zu toxischen Leberschäden führen. Trotz des Vertriebsverbots in Deutschland und einigen anderen Ländern ist die Einnahme von frei käuflichen Kava-Extrakten als pflanzliches Mittel zur Behandlung von leichten und mittelschweren generalisierten Angststörungen weltweit ungebrochen. Zur Prävention hepatotoxischer Nebenwirkungen durch Kava-Extrakte ist daher eine ärztliche Verschreibungspflicht unter strikter Beachtung der Indikation, der normalen Tagesdosis von 120 mg , maximal 210 mg, Kava-Pyrone, und der Begrenzung der Therapiedauer auf üblicherweise einen Monat, maximal zwei Monate, geboten. Auch sollten die Leberwerte (GPT und g-GT) vor und während der Behandlung bestimmt werden. Eine begleitende Medikation unter Einschluss von potenziell hepatotoxischen Arzneimitteln, insbesondere auch Betablockern und Antidepressiva, sollte ebenso wie Alkoholkonsum vermieden werden. Es ist zu erwarten, dass durch einige dieser Maßnahmen die hepatotoxischen Risiken durch Kava-Extrakte minimiert werden können.

Schlüsselwörter: Kava-Kava, Kava-Pyrone, toxische Leberschäden, Risikofaktoren, Prävention

Summary
Hepatotoxicity of Kava-Kava:
Risk Factors and Prevention
Kavapyrones are constituents of root extracts of kava kava (piper methysticum) that may cause toxic liver disease due to overdosage and prolonged duration of therapy very seldomly. This can also happen in rare instances due to a metabolic idiosyncratic reaction at a normal dosage and with short duration of therapy.
Despite prohibition of distribution in Germany and few other countries the consumption of the over-the-counter available kava extracts as treatment for general anxiety syndromes is being continued world wide. To prevent hepatotoxic side effects by kava extracts a medical prescription is strongly suggested under strict adherence to the indication, allowing a usual daily dosage of 120 mg, maximal 210 mg,
kavaypyrone for usually 1 month, maximal 2 months. Moreover, the determination of liver enzymes (ALT and g-GT) before and during the therapy should be performed. A concomitant medication including potentially hepatotoxic drugs, especially betablocking and antidepressant agents, as well as alcohol consumption should be avoided. By some of these measures the hepatotoxic risks by kava kava might well be minimized.

Key words: kava kava, kavapyrones, toxic liver disease, risk factors, prevention

Kava-Präparate mit den Kava-Pyronen als Inhaltsstoffe der Wurzelstockextrakte von Kava-Kava (Piper methysticum) erfreuen sich bei der Behandlung von generalisierten Angststörungen leichten und mittleren Grades weltweit großer Beliebtheit (5, 8, 11).
Ihre klinische Wirksamkeit ist durch zahlreiche Studien belegt (3, 5, 8), wobei im Gegensatz zu chemisch-definierten Anxiolytika weder das Risiko einer sich aufbauenden Abhängigkeit noch eine störende Sedierung zu befürchten ist (5). Ähnlich anderen pflanzlichen Mitteln (3, 14) und vielen chemisch-definierten Arzneimitteln (15) ist die Einnahme von Kava-Produkten jedoch nicht ohne Nebenwirkungen (3, 11), dies trifft insbesondere auch auf hepatotoxische Reaktionen zu (1, 12).
Trotz breiter Anwendung von Kava-Extrakten über viele Jahre bei zahlreichen Patienten wurde erst seit dem Jahr 2000 vermehrt über hepatotoxische Reaktionen berichtet. Damals publizierte die internationale Kontrollstelle in der Schweiz die Krankheitsverläufe von acht Patienten (12), von denen zwei im Jahre 2001 ausführlicher beschrieben wurden (4, 9). In Deutschland erschienen Einzelfallberichte in den Jahren 1998 (13) und 2001 (2, 7, 10).
Zusätzlich zu diesen vier Fallberichten gingen beim Institut für Arzneimittel- und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn weitere Meldungen über vermutete hepatotoxische Wirkungen von Kava-Präparaten bei 15 Patienten ein, bei denen ein Kausalzusammenhang lebhaft diskutiert wurde (1). Den Berichten aus der Schweiz (12) und Deutschland (1) ist zu entnehmen, dass bei vielen der betroffenen Patienten eine überhöhte Dosierung von Kava-Pyronen, eine lange Therapiedauer und häufig auch eine Co-Medikation mit potenziell hepatotoxischen Arzneimitteln bestand.
Risikofaktoren Überdosierung
Als übliche Dosis für Kava-Pyrone wurden 60 bis 120 mg/d empfohlen, die jedoch von einem großen Teil der betroffenen Patienten mit einer toxischen Leberschädigung unter der Einnahme von Kava-Präparaten nicht eingehalten und erheblich überschritten wurde. Überhöhte Dosierungen fanden sich bei Patienten sowohl in Deutschland (Tabelle 1) (1, 2, 7) als auch in der Schweiz (Tabelle 2) (4, 6,
9, 12), sie lagen mit bis zu 480 mg/d oft um ein Mehrfaches über der empfohlenen therapeutischen Dosierung von 60 bis 120 mg/d Kava-Pyronen.
Es ist davon auszugehen, dass bei den betroffenen Patienten die Überdosierung von Kava-Pyronen einen wichtigen Risikofaktor für die Entstehung einer toxischen Leberschädigung darstellt. Ähnlich den Kava-Extrakten verursachen bei Überdosierung auch zahlreiche chemisch-definierte Arzneimittel wie zum Beispiel Acetylsalicylsäure, Chloraldehyd, Ibuprofen, Isoniazid, Mercaptopurin, Methotrexat, Paracetamol, Paraldehyd, Phenylbutazon und Tetracycline toxische Leberschäden (14, 15). Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass in Analogie zu chemisch-definierten Arzneimitteln und pflanzlichen Mitteln auch bei den Kava-Extrakten die empfohlene Dosierung eingehalten werden sollte, um Nebenwirkungen wie toxische Lebererkrankungen zu vermeiden.
Lange Therapiedauer
Ein weiterer wichtiger Risikofaktor für die Entstehung toxischer Leberschäden durch Kava-Extrakte ist in der häufig sehr langen Therapiedauer zu sehen, die im Extremfall 2 Jahre betrug (Tabelle 1) (1). Von insgesamt 15 beurteilbaren Verläufen fanden sich immerhin 12 Patienten mit toxischen Lebererkrankungen, die drei Monate oder länger Kava-Pyrone eingenommen hatten (Grafik 1). Bei sieben dieser 12 Patienten waren die Kava-Pyrone überhöht dosiert gewesen, während die restlichen fünf die empfohlene Dosierung von 60 bis 120 mg pro Tag eingehalten hatten.
Auch unter prognostischen Aspekten ist eine lange Therapiedauer mit Kava-Pyronen ein großer Risikofaktor. Aus den auswertbaren Verläufen von 15 Patienten geht hervor, dass alle drei mit Kava-Pyronen behandelten Patienten bei einer Therapiedauer von zwei Monaten oder weniger eine toxische Leberschädigung aufwiesen, die reversibel war und keiner Lebertransplantation bedurfte (Grafik 2). Dabei war die gute Prognose für die ersten beiden Monate unabhängig davon,
ob die Dosierung von Kava-Pyronen < 120 mg/d oder > 120 mg/d betrug. Im Gegensatz dazu ist eine längere Therapiedauer von drei Monaten und mehr mit potenziell lebensbedrohlichen Risiken verbunden einschließlich Lebertransplantation und tödlichem Verlauf. Die relativ schlechte Prognose bei einer Therapiedauer von > drei Monaten ist unabhängig davon, ob die Therapie mit Kava-Pyronen in einer Dosierung von < 120 mg/d oder > 120 mg/d durchgeführt wurde. Aus diesen Daten ist zu schließen, dass eine Therapiedauer von > drei Monaten mit einem inakzeptablen Risiko verbunden ist.
Berücksichtigt man allein die ersten beiden Behandlungsmonate bei einer Dosierung von bis zu 210 mg Kava-Pyrone pro Tag, so trat lediglich bei jeweils einem Patienten nach 1,5 Monaten bei einer Dosierung von 70 mg und von 210 mg Kava-Pyrone pro Tag eine toxische Leberschädigung auf, die reversibel war (Tabelle 1, Grafik 1, 3). Aus diesen Daten kann der Schluss gezogen werden, dass bei Einhaltung einer Dosierung von 120 mg und sogar darüber bis 210 mg Kava-Pyrone pro Tag innerhalb eines Monats eine toxische Leberschädigung nicht aufgetreten ist und eine Therapie mit Kava-Pyronen möglichst auf einen Monat beschränkt bleiben sollte. Um eine größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, wird außerdem eine Bestimmung der GPT und g-GT vor und während der Therapie empfohlen, da eine bestehende Lebererkrankung eine Kontraindikation für eine Behandlung mit Kava-Pyronen darstellt und bei Auftreten von erhöhten Leberwerten während der Therapie die Einnahme der Medikamente beendet werden muss. Die Begrenzung der Behandlung mit Kava-Extrakten auf einen Monat, in besonderen Fällen auf zwei Monate, ist auch deshalb sinnvoll, weil Kava-Extrakte nur für leichte und mittelschwere Formen von Angststörungen indiziert sind, die üblicherweise innerhalb eines Monats gut therapiert werden können. Bei Therapieversagen kommen dann chemisch-definierte Anxiolytika und nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Anwendung.
Nichtbeachtung der Indikation
Schwere Angststörungen sind eine klare Kontraindikation für Kava-Extrakte, da sie hierfür nicht die notwendige Wirksamkeit zeigen. Wenn Kava-Pyrone unter diesen Umständen dennoch zum Einsatz kommen, neigen die Patienten rasch zu einer zum Teil erheblichen Dosissteigerung und auch zu einer oft langen, mehrmonatigen Therapie, in Extremfällen bis zu zwei Jahren. Infolge der überhöhten Dosierung und langen Therapiedauer ist das Risiko dadurch bedingter toxischer Leberschäden erheblich erhöht. Schwere Angsterkrankungen sind auch keine Indikation für eine kombinierte Behandlung von Kava-Extrakten mit Johanniskraut und chemisch-definierten Anxiolytika oder Antidepressiva (13).
Nicht selten werden Kava-Produkte auch bei Befindlichkeitsstörungen eingesetzt, die keine Indikation für eine Behandlung mit Kava-Extrakten darstellen. Auch hier ist die Gefahr einer überhöhten Dosierung und langen Therapiedauer gegeben, da Kava-Extrakte bei Befindlichkeitsstörungen nicht wirksam sind, auch nicht in überhöhten Dosierungen oder bei langer Therapiedauer.
In gleicher Weise sind depressive Syndrome keine Indikation für Kava-Extrakte. Dennoch finden sie hierbei häufig Anwendung, oft auch in überhöhter Dosierung und über einen langen Zeitraum, da sie bei dieser Indikation nicht wirksam sind (1, 7). Bei Einnahme von Kava-Extrakten findet sich nicht selten auch eine Co-Medikation mit Johanniskraut (Tabelle 1) (1, 7, 13) sowie chemisch-definierten Anxiolytika und Antidepressiva (Tabelle 1) (1, 13), was als weiterer Hinweis für die Nichtbeachtung der Indikation für Kava-Extrakte anzusehen ist.
Die ärztliche Verschreibungspflicht von Kava-Extrakten ist für die Beurteilung der Indikation dringend geboten, aber auch für die Festlegung der maximalen Tagesdosis, der Therapiedauer und der Termine für die notwendigen Laboruntersuchungen.
Fortgesetzte Einnahme
Verschiedentlich sind Kava-Extrakte in erhöhter Dosierung weiterhin eingenommen worden, obwohl bereits klinische Zeichen einer Lebererkrankung aufgetreten waren (4, 6). In Analogie zu anderen chemisch-definierten Arzneimitteln (15) nimmt das Ausmaß der toxischen Leberschädigung erheblich zu und die Prognose verschlechtert sich, wenn die Einnahme des Kava-Präparates nicht beendet wird. So ist bei zwei Patienten eine Lebertransplantation notwendig geworden, die trotz Symptomen einer Lebererkrankung die Kava-Extrakte für weitere vier und zwei Wochen (4, 6) eingenommen hatten.
Komedikation
Bei nahezu allen Patienten bestand während einer Therapie mit Kava-
Extrakten eine gleichzeitige Medikation mit oft mehreren Arzneimitteln, dies trifft in gleicher Weise für die Spontanmeldungen an das BfArM (Tabelle 1) (1) wie auch für die publizierten Fälle zu (7, 9, 10, 12, 13). Bei der Vielzahl der potenziell hepatotoxischen Arzneimittel (14, 15) kann es im Einzelfall schwierig sein, dem Kava-Extrakt oder den anderen eingenommenen Arzneimitteln allein oder gemeinsam die beobachtete hepatotoxische Reaktion zuzuschreiben.
Alkohol
Bei einer einzigen Patientin wurde ein einmaliger Alkoholkonsum als auslösende Ursache für das Auftreten einer toxischen Leberschädigung durch Kava-Extrakte vermutet (9).
Lebererkrankungen
In Analogie zu verschiedenen chemisch-definierten Arzneimitteln mit potenziell hepatotoxischen Eigenschaften (15) kann auch für Kava-Extrakte angenommen werden, dass eine vorbestehende oder gleichzeitig aufgetretene Lebererkrankung ein weiterer Risikofaktor für die Entstehung einer toxischen Reaktion darstellt. Bei einer Patientin fand sich im Rahmen einer möglichen hepatotoxischen Reaktion durch Kava-Extrakte auch eine akute Hepatitis durch das Epstein-Barr-Virus, was anhand eines positiven IgM-Titers gesichert werden konnte (9).
Alter
Schwere toxische Leberschäden traten unabhängig vom Alter auf, am häufigsten sind sie jedoch bei Patienten im Alter zwischen 30 und 39 Jahren nachweisbar (Grafik 4) (1). Lebertransplantationen waren in allen Altersgruppen zwischen 20 und 69 Jahren notwendig, jeweils 1 Todesfall trat im Alter von 20 bis 29, 60 bis 69 und 80 bis 89 Jahren auf.
Defizienz von Zytochrom P450 2D6
Bei insgesamt zwei Patientinnen erfolgte eine Phenotypisierung der Aktivität des Cytochrom P450 2D6 mit Debrisoquin als Substrat (9), wobei der Krankheitsverlauf einer Patientin bereits früher beschrieben worden war (13). Bei dieser Patientin war ein Reexpositionstest mit dem zuvor eingenommenen Kava-Extrakt positiv ausgefallen. Beide Patientinnen zeigten eine erniedrigte Aktivität des Zytochrom P450 2D6 und waren daher als langsame Metabolisierer einzustufen (9). Da die Prävalenz der Zytochrom-P450-2D6-Defizienz bei 9 Prozent liegt, wurde die Wahrscheinlichkeit, dass zwei konsekutive Patientinnen bezüglich dieses Enzyms defizient sind, auf weniger als 0,01 Prozent geschätzt. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass eine Zytochrom-P450-2D6-Defizienz als ein Risikofaktor für eine hepatotoxische Reaktion nach Anwendung von Kava-Extrakten anzusehen ist. Da zahlreiche Arzneimittel und auch Alkohol über das Zytochrom P450 2D6 abgebaut werden und als mögliche Inhibitoren fungieren können (14, 15), kann die Einnahme dieser Substanzen einschließlich Betablocker und Paroxetin (Tabelle 1) einen zusätzlichen Risikofaktor für die Entstehung einer hepatotoxischen Reaktion durch Kava-Extrakte darstellen.
Reexposition
Eine ungewollte Reexposition ist bei einer Patientin beschrieben worden (13), bei einer weiteren Patientin ist eine solche wegen fehlender Dokumentation nicht beurteilbar (Tabelle 1). Eine Reexposition mit Kava-Extrakten bei bekannter oder vermuteter hepatotoxischer Reaktion gilt als erheblicher Risikofaktor, da die Latenzzeit verkürzt und das hepatotoxische Potenzial wesentlich gesteigert ist. Reexpositionsteste sind aus ärztlicher Sicht heute obsolet.
Herstellungsverfahren
Zunächst war vermutet worden, dass vor allem azetonische Extrakte von Kava-Kava zu einer toxischen Leberschädigung führen würden (12). Es zeigte sich jedoch, dass auch ethanolische Extrakte hepatotoxische Nebenwirkungen verursachen können (1, 2, 7, 13).
Häufigkeit
In den Jahren 1991 bis Mitte 2002 ist in der Schweiz und in Deutschland über acht Patienten berichtet worden, die eine normale Dosierung von Kava-Extrakten eingenommen und eine möglicherweise hierdurch verursachte toxische Leberschädigung erlitten hatten (Tabelle 2). In den Jahren 1991 bis 1999 sind von ethanolischen und acetonischen Kava-Extrakten schätzungsweise 240 Millionen Tagesdosen abgegeben worden (6, 12), bis Mitte 2002 insgesamt wahrscheinlich mehr als 300 Millionen Tagesdosen entsprechend 10 Millionen Monatsdosen. Bei acht Patienten mit einer normalen Dosierung von Kava-Extrakten und 16 Patienten mit überhöhter Dosierung (Tabelle 2) ergibt sich daraus eine Häufigkeit von jeweils 1 : 1,25 Millionen beziehungsweise 1 : 0,625 Millionen Monatsdosen für toxische Leberschäden durch Kava-Pyrone. Wenn jedoch die Beurteilung der Kausalität durch die MCA berücksichtigt wird (Tabelle 1), ergibt sich eine noch niedrigere Häufigkeit. Andererseits ist aber auch die übliche Dunkelziffer in Betracht zu ziehen.
In den letzten Jahren ist in Deutschland ein allgemeiner Anstieg von toxischen Leberschäden zu beobachten, die möglicherweise durch Kava-Extrakte verursacht wurden (Tabelle 3) (1). Der Anstieg betrifft jedoch allein Patienten mit Überdosierung und nicht solche mit normaler Dosierung von Kava-Extrakten. Deren Zahl war mit ein bis zwei Fällen pro Jahr konstant.
Klinische Symptomatik
Patienten mit einer toxischen Leberschädigung durch Kava-Extrakte gaben eine Reihe von Beschwerden wie Übelkeit, Oberbauchbeschwerden, Inappetenz, Gewichtsabnahme und Gelbverfärbung der Skleren und der Haut an
(1, 2, 4, 6, 7, 9, 10, 12, 13). Gelegentlich wurde auch eine Dunkelverfärbung des Urins bemerkt (4, 7). Die nach Einnahme von Kava-Extrakten beobachtete Symptomatik im Rahmen einer toxischen Leberschädigung ist relativ einheitlich, unspezifisch und unabhängig davon, ob die Medikation in überhöhter oder normaler Dosierung eingenommen wurde und ob die Therapiedauer kurz oder lang war. Ähnliche Symptome finden sich auch bei toxischen Leberschäden durch chemisch-definierte Arzneimittel (14, 15) und andere pflanzliche Mittel (14). Aufgrund der klinischen Symptomatik lässt sich daher oft nicht entscheiden, ob bei einer Komedikation mit anderen potenziell hepatotoxischen Arzneimitteln diese als alleinige oder beteiligte verursachende Substanzen für die toxische Lebererkrankung verantwortlich sind oder ob der Einnahme des Kava-Extraktes die alleinige Ursache zuzuschreiben ist (1, 12). Daher kann bei Komedikation meist nur ein möglicher Kausalzusammenhang zwischen Kava-Einnahme und toxischer Lebererkrankung angenommen werden.
Die übliche Latenzzeit bis zur Entstehung einer toxischen Leberschädigung durch Kava-Extrakte ist für einen Zeitraum bis zu zwei Jahren beschrieben worden (Tabelle 1 ) (1). Die zweijährige Latenzzeit ist für eine arzneimittelbedingte Leberschädigung möglich aber eher untypisch. Bei einzelnen anderen Medikamenten ist allerdings eine Latenzzeit von bis zu zehn Jahren beschrieben worden (15). Die Latenzzeiten bei den übrigen Patienten erlauben prinzipiell die Einschätzung eines mutmaßlichen Zusammenhangs zwischen der Medikamenteneinnahme und der Ausbildung der toxischen Leberschädigung. Selbst wenn aufgrund der Latenzzeit eine toxische Leberschädigung durch Kava-Extrakte prinzipiell infrage kommt, so kann die Diagnose nur nach sicherem Ausschluss anderer Lebererkrankungen einschließlich nichttoxischer Genese gestellt werden (14, 15), was nur vereinzelt vollständig beschrieben wurde, häufig aber nicht möglich war (1, 12).
Laborbefunde
Patienten mit einer durch Kava-Extrakte hervorgerufenen Leberschädigung zeigen meist nur eine geringe Erhöhung der g-GT (g-Glutamyltransferase) (13), während die Transaminasen oft deutlich gesteigert sind (9, 12, 13) mit höheren Werten für die GPT (Glutamat-Pyruvat-Transaminase) im Vergleich zur GOT (Glutamat-Oxalacetat-Transaminase) (4,9, 13). Das Bilirubin kann wechselnd erhöht sein (12), der Quick-Wert ist normal (12) oder pathologisch erniedrigt (3, 12, 13).
Ein Lymphozytentransformationstest wurde lediglich bei einer einzigen Patientin mit vermuteter toxischer Leberschädigung durch ein Kava-Präparat durchgeführt, nachdem die Zeichen der Leberschädigung nicht mehr vorhanden waren (9). Dieser Lymphozytenstimulationstest zeigte eine starke und konzentrationsabhängige T-Zell-Reaktivität gegenüber dem eingesetzten Präparat. Dies ist kompatibel mit einer immunologischen Reaktion, die möglicherweise durch reaktive Metabolite von Kava-Pyronen hervorgerufen wurde.
Histologische Befunde
Die meisten histologischen Befunde der Leber zeigen eine nekrotisierende Hepatitis (1, 12), gelegentlich findet man auch eine Eosinophilie (4, 12). Eine Eosinophilie in der Leber ist jedoch nicht typisch für eine arzneimittelbedingte Leberschädigung und findet sich auch bei anderen Lebererkrankungen einschließlich Hepatitis B, Hepatitis C und Alkohol-Hepatitis. Die histologische Diagnose einer kavabedingten Leberschädigung ist nur dann möglich, wenn aufgrund der Anamnese sowie laborchemischer und serologischer Untersuchungen arzneimittelunabhängige Lebererkrankungen und Leberschäden durch potenziell hepatotoxische, chemisch-definierte Arzneimittel bei nachgewiesener Komedikation sicher ausgeschlossen sind (14, 15).
Verlauf und Therapie
Ähnlich vielen chemisch-definierten Arzneimitteln (14, 15) kann auch die Einnahme von Kava-Extrakten zu einer leichten bis mäßigen Erhöhung der Transaminasen im Serum führen, die rasch rückläufig ist (1). Leichte Erhöhungen der Leberwerte findet man allerdings auch bei vielen allgemei-
nen Erkrankungen, sodass die Ursache von leicht erhöhten Leberwerten letztendlich oft nicht geklärt werden kann.
Sofern unter der Einnahme von Kava-Extrakten eine schwere toxische Lebererkrankung auftritt, ist sie nach Absetzen der Medikation meist reversibel (1, 12). Allerdings sind auch lebensbedrohliche Lebererkrankungen beobachtet worden (Tabelle 1) (1, 12), die bei einer Patientin ohne vorangegangene Lebertransplantation zum Tode geführt hat, während zwei weiteren Patientinnen trotz Lebertransplantation nicht geholfen werden konnte. Darüber hinaus war bei fünf Patienten eine Lebertransplantation notwendig, bei einem von ihnen sogar eine zweimalige. In Einzelfällen ist eine Therapie mit Cortison durchgeführt worden (1).
Prävention
Kava-Extrakte können toxische Leberschäden auslösen, wobei eine metabolisch-idiosynkratische Genese vorherrschend ist und zusätzlich überhöhte Dosierungen und eine lange Therapiedauer maßgeblich beteiligt sind. Da Kava-Extrakte weltweit vertrieben und eingenommen werden und ein Vertriebsverbot nur in wenigen Ländern ausgesprochen wurde, sollten wegen der sehr seltenen, aber lebensbedrohlichen hepatotoxischen Nebenwirkungen eine Reihe von Empfehlungen diskutiert und beachtet werden (Textkasten).
Resümee
Toxische Lebererkrankungen durch Kava-Extrakte sind sehr selten, aber potenziell lebensbedrohend. Strikte Einhaltung der empfohlenen Dosierung, kurze Therapiedauer und regelmäßige Kontrollen der Leberwerte sind mögliche und wichtige Maßnahmen der Prävention.

Manuskript eingereicht: 7. 8. 2002, revidierte Fassung angenommen: 15. 10. 2002

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 3411–3418 [Heft 50]
Literatur
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Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Rolf Teschke
Medizinische Klinik II
Klinikum Stadt Hanau
Leimenstraße 20
63450 Hanau
E-Mail: rolf_teschke@klinikum-stadt-hanau.de

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