ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2002Weihnachten im Wartezimmer

VARIA: Post scriptum

Weihnachten im Wartezimmer

Dtsch Arztebl 2002; 99(50): [80]

Demmer, Ulrike

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Einmal im Jahr fuhr die ganze Familie in die Klinik. Am Heiligen Abend, dem Abend der Rituale. Für die sechs Maskes bestand das Ritual im Wesentlichen aus einem Krankenhausbesuch, denn Busso Maske wollte allen seinen Patienten ein gesegnetes Weihnachtsfest wünschen. So gegen Mittag, wenn andere Familien gerade die letzten Weihnachtsgeschenke einpacken, brachen sie auf. Von Berlin-Zehlendorf bis ins Lazarus-Krankenhaus in der Bernauer Straße brauchten sie fast eine Stunde. Vier kleine Maskes rein in den Kombi und wieder raus aus dem Kombi – das konnte dauern.
Also mussten sie zeitig los, um den Gottesdienst in der kleinen Krankenhauskapelle nicht zu verpassen. Dann kamen die Stunden in Bussos Wartezimmer. Während der Chefarzt seine Patienten beglückte, saßen die Kinder, beaufsichtigt durch ihre Mutter, ruhig gestellt mit einer großen Tüte Kekse, auf Vaters Krankenliege. Das war kein Fest, aber auch nicht weiter schlimm. So ein Heiliger Abend verbindet; vor allem die Rückfahrt durch die leer gefegten Straßen Berlins war schön. Sie zählten die erleuchteten Weihnachtsbäume in den Wohnzimmern und freuten sich auf ihr Bett. Zu Hause angekommen, gab es nur ein paar belegte Brote. Total erschöpft wollten alle nur schnell die Bescherung hinter sich bringen und dann schlafen.
Bis sich irgendwann ein Nachbar der Misere annahm. Sechs Maskes am Heiligen Abend ohne warme Mahlzeit, ein unhaltbarer Zustand für den Zahnarzt aus Zehlendorf. Der ehemalige Patient spendierte nun alljährlich einen Präsentkorb aus dem KaDeWe. Busso bekam viele Präsentkörbe von dankbaren Patienten zu Weihnachten, aber der Zahnarzt ließ jedes Jahr eine warme Hummersuppe schicken. Das war ein Fest. Ein etwas anderes zwar, eben das Weihnachtsfest eines Chefarztes. Aber keiner mochte es missen. Am wenigsten die Hummersuppe, die auch nach dem Tod des Zahnarztes noch jahrelang pünktlich geliefert wurde. Der dankbare Patient hatte es testamentarisch so verfügt. Ulrike Demmer
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