ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2002Humanitäre Hilfe: „Kein Tummelplatz für Gutmenschen“

POLITIK

Humanitäre Hilfe: „Kein Tummelplatz für Gutmenschen“

Dtsch Arztebl 2002; 99(51-52): A-3443 / B-2899 / C-2699

Korzilius, Heike

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Humanitäre Hilfe in einem Flüchtlingslager in Zaire im April 1997: Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen misst den Oberarm-Umfang von unterernährten ruandischen Flüchtlingskindern. Foto: dpa
Humanitäre Hilfe in einem Flüchtlingslager in Zaire im April 1997: Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen misst den Oberarm-Umfang von unterernährten ruandischen Flüchtlingskindern. Foto: dpa
Humanitäre Hilfe ist kein Akt der Barmherzigkeit, sondern ein Völkerrecht. Über ihre Möglichkeiten und Grenzen angesichts neuer politischer Entwicklungen diskutierten Experten in Berlin.

Auffallend war, dass überwiegend junge Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinstudierende den Weg zur Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin gefunden hatten, um sich ein Wochenende lang mit den Möglichkeiten und Grenzen der humanitären Hilfe zu beschäftigen. „Humanitäre Hilfe ist eine politische Botschaft. Es muss denen geholfen werden, die Hilfe nötig haben“, betonte Dr. med. Günter Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, bei der Eröffnung des Kongresses „Medizin, Macht und Moral“ am 29. November. Veranstaltet wurde das Forum von der Ärztekammer, der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, dem Tropeninstitut Berlin und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.
Humanitäre Hilfe, darüber waren sich Referenten und Teilnehmer einig, ist kein Akt der Barmherzigkeit. Sie verlangt Professionalität und einen Unterbau von Normen und Verhaltensregeln, um effektiv sein zu können. Für umso bedauerlicher hielt es Prof. Dr. Wolf-Dieter Eberwein vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, dass die gesellschaftliche Debatte über das Thema in Deutschland völlig unterentwickelt ist. „Humanitäre Hilfe basiert auf humanitärem Völkerrecht“, betonte Eberwein. Die Genfer Konvention leiste damit einen wesentlichen Beitrag zur Zivilisierung der Gewalt.
Doch die Kriege haben sich verändert. Der „klassische“ zwischenstaatliche Konflikt, für den das völkerrechtliche Regelwerk entwickelt wurde, findet immer seltener statt. An seine Stelle sind kriegerische Auseinandersetzungen getreten, deren Akteure Rebellengruppen, marodierende Truppen oder Clans mit je nach Interessenlage wechselnden Allianzen sind. „Konflikte werden nicht mehr nach Normen und Regeln ausgetragen. Sie werden beherrscht von illegalen Formen der Gewalt, wobei Zivilisten zunehmend im Kreuzfeuer stehen“, beschrieb Dr. Sven Chojnacki vom Wissenschaftszentrum die Situation – mit erheblichen Folgen für die humanitären Helfer.
„Wie können wir solche Kriegsparteien dazu bewegen, humanitäres Völkerrecht zu respektieren und den Hilfsorganisationen Zugang zu den Opfern der Gewalt zu gewähren?“ fragte Pierre Gassmann vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Neben der persönlichen Gefährdung ging er auch auf die drohende Instrumentalisierung humanitärer Hilfe ein. „Einige
dieser Gruppen hoffen, internationale Glaubwürdigkeit und politische Legitimität zu erreichen, indem sie zeigen, dass sie das Völkerrecht respektieren und humanitäre Hilfe zulassen.“ Kritisch beurteilte Gassmann in diesem Zusammenhang die Entwicklung der „Helferszene“. Inzwischen tummele sich eine Vielzahl kleiner regierungsunabhängiger Organisationen in den Krisengebieten. Diesen Organisationen fehle es mangels Geld und Medienmacht an Einflussmöglichkeiten. „Je kleiner sie sind, desto besser kann man sie zum Spielball der Krieg führenden Parteien machen“, warnte Gassmann. „Man müsste zu größeren Organisationen oder Verbünden zurückfinden, um schlagkräftig zu sein.“
Die Voraussetzungen, um humanitäre Hilfe leisten zu können, sind Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Diese Grundsätze sehen jedoch viele Hilfsorganisationen angesichts neuer politischer Entwicklungen gefährdet. „Unser Problem ist, dass sich das Militär beispielsweise bei internationalen Einsätzen humanitär betätigt. Für die Hilfsorganisationen und Opfer ist das extrem gefährlich“, warnte Dr. Ulrike von Pilar, Geschäftsführerin der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. „Humanitäre Hilfe muss von unabhängigen Hilfsorganisationen geleistet werden. Wie sollen die Leute sonst unterscheiden, wer was tut?“ pflichtete ihr Jürgen Lieser von caritas international bei. Auch Gassmann betonte die Neutralität der humanitären Helfer: „Es ist unvermeidlich, dass sich ein Staat dazu verleiten lässt, dort humanitäre Hilfe zu leisten, wo er politische Interessen hat.“ Deshalb sei es wichtig, dass Hilfsorganisationen die Opfer unabhängig und unparteiisch versorgten.
Sich nicht in Konflikte einzumischen, aber dennoch für die Opfer einzutreten, ist häufig ein schwieriger Spagat für die Hilfsorganisationen. „Humanitäre Hilfe ist kein Tummelplatz für notorische Gutmenschen. Sie ist mehr als die Summe aus gutem Willen, Geld und Logistik. Sie muss ein Zeichen gegen die Barbarei des Krieges und eine menschenverachtende Politik setzen“, beschrieb Lieser den umfassenden Ansatz, den die Caritas mit anderen Hilfsorganisationen teilt. Den Konflikt mit der selbst verordneten Neutralität der Helfer brachte Gassmann auf den Punkt: „Nichtregierungsorganisationen müssen politisch tätig werden. Doch Politik ist wie Wasser: man muss darin schwimmen können, aber man darf nicht davon trinken.“
Einen Einblick in die Praxis und die Überzeugungskraft medizinischer Daten lieferte Mit Philips von Ärzte ohne Grenzen. Die Ärztin arbeitete in einem Ernährungszentrum der Hilfsorganisation in Angola. Das südafrikanische Land blickt auf einen mehr als 20-jährigen Bürgerkrieg zurück. Gezielt und systematisch hatte sich die Gewalt gegen die zivile Bevölkerung gerichtet. Hilfsorganisationen war jahrelang der Zugang zu den Hilfebedürftigen verwehrt. „Diese Geschichten der Gewalt konnten wir jetzt mit medizinischen Daten belegen“, so Philips. Zwischen April und Juli habe Ärzte ohne Grenzen in seinem Ernährungszentrum rund 30 000 mangelernährte Menschen betreut. Haupttodesursache bei den Erwachsenen seien Krieg und Gewalt, bei den unter 15-Jährigen sei es Mangelernährung.
Das Beispiel Angola verdeutlicht ein weiteres Problem der humanitären Hilfe: die Abhängigkeit von den Medien. Die humanitäre Katastrophe in Angola hat es nie auf die Titelseiten geschafft – das bedeutet weniger Spendengelder, weniger öffentlichen Druck. „Wir würden uns wünschen, weniger medienabhängig, sondern bedarfsorientiert arbeiten zu können“, sagte Dr. med. Peter Schmitz vom Malteser Auslandsdienst. Einen weiteren Wunsch richtete Ulrike von Pilar an die Chefärzte der deutschen Krankenhäuser: „Sie sollten sich fragen, ob humanitäres Engagement nicht eine moralische Verpflichtung ist.“ Denn den Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, die helfen wollten, müsse es im Rahmen einer flexibleren Arbeitsgestaltung ermöglicht werden, auch helfen zu können. Heike Korzilius
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