ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2002Psychiatrie und Psychotherapie: Depressive schlecht versorgt

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Psychiatrie und Psychotherapie: Depressive schlecht versorgt

Dtsch Arztebl 2002; 99(51-52): A-3445 / B-2901 / C-2701

Dlubis-Mertens, Karin

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LNSLNS Die Psychiater und Nervenärzte fordern eine bessere Vernetzung von Hausärzten, Fachärzten und Kliniken bei psychischen Erkrankungen. Mit den Fachärzten für psychotherapeutische Medizin soll ein gemeinsames Profil gefunden werden.

Ein Viertel der Patienten in einer allgemeinmedizinischen Praxis leidet unter psychischen Erkrankungen. Jeder dritte Notarzteinsatz hat mit psychiatrischen Krisen zu tun: Suizidversuche, Drogen-Zusammenbrüche, Angstsyndrome, Alkoholrauschzustände und Psychosen. Außerdem werden jährlich „von 850 000 psychiatrischen Fällen rund 150 000 in somatischen Abteilungen behandelt“, betonte Prof. Dr. med. Jürgen Fritze, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), beim Berliner Kongress seiner Fachgesellschaft.
Mindestens 20 Prozent der somatisch Kranken weisen behandlungsbedürftige psychische Begleitkrankheiten auf. Fritze vermutet, dass somatische Einrichtungen diese Komorbiditäten dazu nutzen könnten, die Kranken „frühzeitig in psychiatrisch-psychotherapeutische und psychosomatische Einrichtungen zu verlegen“. Ein „Ansturm infolge Verlegungen“ sei jedoch in Anbetracht der Nullrunde kaum zu bewältigen.
Die Bedeutung der Psychiatrie und Psychotherapie auch für Ärzte anderer Fachrichtungen zeige sich insbesondere bei der steigenden Zahl der Depressionen, so der Präsident der DGPPN, Prof. Dr. med. Max Schmauß: Die Lebensqualität der Patienten sei stark beeinträchtigt – bis hin zur Suizidalität (siehe Textkasten „Langfristige Suizidprävention“). Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 12 000 Menschen das Leben, rund die Hälfte im Zusammenhang mit einer Depression. Da 80 Prozent der depressiv Erkrankten regelmäßig ihren Hausarzt aufsuchen, sei es wichtig, für eine gute Vernetzung von Allgemeinärzten, Fachärzten und Kliniken zu sorgen und gemeinsame Versorgungsleitlinien zu entwickeln. Denn bisher würden weniger als 50 Prozent der Depressionen diagnostiziert und weniger als ein Viertel der Patienten langfristig angemessen behandelt. Deshalb forderte Fritze während des Kongresses, „die Aus- und Weiterbildung von Ärzten viel stärker auch auf psychiatrische Inhalte auszurichten und die Stellung des Psychiaters und Psychotherapeuten in der Versorgungslandschaft zu stärken“.
Cannabis im Verdacht, Schizophrenie auszulösen
Den aktuellen Stand der neurobiologischen Forschung erläuterte Prof. Dr. med. Peter Falkai, Sprecher der DGPPN, am Beispiel Schizophrenie. Trägt ein Mensch bestimmte Varianten des Disbindin-, Neuregulin- oder COMT-(Katechol-o-methyl-transferase-)Gens in sich, so hat er nach Untersuchungen der Universität Bonn ein erhöhtes Schizophrenie-Risiko. Bricht jedoch die Erkrankung aus, so wird die genetische Prädisposition oft von externen Faktoren aktiviert. Man nimmt an, dass starker sozialer Druck dazu führe, dass Migranten achtmal häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt an einer Schizophrenie erkranken.
Eine Kölner Studie mit schizophrenen Jugendlichen ergab: Cannabiskonsum könnte einer der auslösenden Faktoren sein, die eine genetische Veranlagung zur Schizophrenie aktivieren. Hintergrund ist, dass Anandamid eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung einer Schizophrenie-Erkrankung spielt, einer der zentralen Botenstoffe des körpereigenen Cannabinoid-Systems. Im Nervenwasser von unbehandelten Schizophrenie-Patienten wurde ein um das Achtfache erhöhter Anandamidwert gefunden. „Wer regelmäßig Haschisch oder Marihuana konsumiert, hat ein vierfach höheres Schizophrenie-Risiko als ein Nicht-Konsument“, hieß es in Berlin.
Ebenfalls alarmierend sind die Ergebnisse einer Untersuchung am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf: Von 100 Jugendlichen, die regelmäßig Ecstasy einnahmen, berichtete mehr als ein Viertel von psychotischen Störungen, wie Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, im Verlauf des letzten Jahres. Deutlich wurden auch Konzentrationsstörungen und eine verlangsamte Psychomotorik. Nach Prof. Dr. med. Mathias Berger, Vizepräsident der DGPPN, kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Gehirn durch den Konsum dieser „Partydroge“ auf Dauer geschädigt wird. Ecstasy kann im Gehirn von Primaten sogar die Wirkung eines Nervengiftes haben – darauf weisen Tierexperimente hin. Karin Dlubis-Mertens
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