ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2002Tadschikistan – Krebsklinik Duschanbe: Vom Mangel regiert

THEMEN DER ZEIT

Tadschikistan – Krebsklinik Duschanbe: Vom Mangel regiert

Dtsch Arztebl 2002; 99(51-52): A-3451 / B-2907 / C-2707

Lessmann, Robert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Der zwölfjährige Mavlon ersetzt für seinen krebskranken Bruder die Familie.
Der zwölfjährige Mavlon ersetzt für seinen krebskranken Bruder die Familie.
„Ich habe kürzlich selbst Endoxacin gekauft, weil ich es nicht mehr mit ansehen konnte“, sagt ein Arzt der Krebsklinik – ein Ausnahmefall, denn die Ärzte verdienen selbst nicht genug.

Da kommt doch der Kommissar Rex her“, freut sich Ashurova Saodat, als sie hört, dass der Reporter aus Österreich stammt. Ashurova ist ein Fan der vierbeinigen Spürnase, die via russisches Fernsehen täglich auch in Tadschikistan zu sehen ist. Seit elf Monaten ist die Sendung ein absolutes Highlight im Leben der Zwölfjährigen: „Wie gerne würde ich wieder in die Schule gehen und mit meinen Freundinnen spielen“, sagt sie. Doch Ashurova kann nicht gehen. Sie ist im Krankenhaus: Sie hat Rückenmarkkrebs.
Ashurova ist eine von 32 Mädchen und Jungen im Alter zwischen acht Monaten und 14 Jahren, die in der Kinderabteilung des Zentralen Krebskrankenhauses Tadschikistans in der Hauptstadt Duschanbe liegen. Ihr behandelnder Arzt, Dr. Nishonov Dilmurod, meint, sie sei auf gutem Wege, man könne aber noch nicht sicher sagen, ob die Behandlung erfolgreich sein wird. Ashurova kommt nicht aus armen Verhältnissen – daher auch der tragbare Fernseher an ihrem Krankenbett. Weniger Glück hat ihr Zimmernachbar. Seine Familie hat nicht genug Geld, um die Behandlung zu bezahlen. Auch das Essen muss im Normalfall selbst mitgebracht werden. Der Vater bekocht seinen Sohn auf einem Campingkocher.
Seit Hilfe aus Österreich kommt, ist es ein wenig besser geworden. Für
5 000 US-Dollar von einem Privatspender können ein halbes Jahr lang für die Kinder zwei warme Mahlzeiten am Tag bereitet werden. Das Hilfswerk Austria will die Aktion fortführen. Die jüngste Patientin bekommt gerade von ihrer Mutter ein paar Löffel vom Gemüseeintopf. Sie ist acht Monate alt und hat Lymphkrebs – neben Leukämie die häufigste Erkrankung in der Kinderabteilung, wie Dilmurod erklärt. „Wir bräuchten dringend eine Renovierung. Vor allem aber brauchen wir Medikamente für die Chemotherapie“, betont der Arzt.
Saidarchmedov Saidshah, sechs Jahre alt, erhält gerade eine Infusion. Er schläft. Sein großer Bruder Mavlon, zwölf Jahre alt, sitzt neben ihm und hält die kleine Hand. Er ist Tag und Nacht hier. Die Saidshahs kommen vom Dorf. Die Mutter muss sich um die Geschwister kümmern. Der Vater ist in Russland, um Arbeit zu suchen. „Saidarchmedov hat Hautkrebs“, berichtet Dilmurod: „An der Nase haben wir ein Karzinom operativ entfernt, das zwei mal zwei Zentimeter groß und einen Zentimeter tief war. Nach zwei Chemotherapien haben wir ein sehr gutes Resultat bei dem Jungen erzielt. Wir müssten noch mindestens drei Chemotherapien machen, doch wir haben keine Medikamente mehr. Ich habe kürzlich selbst Endoxacin gekauft, weil ich es nicht mehr mit ansehen konnte.“ Doch das kann nur in Ausnahmefällen geschehen. Die Ärzte verdienen selbst nicht genug. Etliche müssen zusätzlich arbeiten, als Taxifahrer zum Beispiel.
Das Nähmaterial geht zur Neige: Nierenoperation im Krebshospital Duschanbe. Fotos: Robert Lessmann
Das Nähmaterial geht zur Neige: Nierenoperation im Krebshospital Duschanbe. Fotos: Robert Lessmann
Das Hilfswerk Austria hat aus Spendenmitteln Medikamente im Wert von 35 000 US-Dollar an das Krebshospital nach Duschanbe geschickt. „Wir haben uns an viele Organisationen gewandt. Die Österreicher waren die einzigen, die reagiert haben“, erzählt Dr. Dilshod Zikirjakhodzaev, der Leiter der Klinik: „Wir haben eine Kapazität von 230 Betten. Davon sind im Augenblick 220 belegt.“ Am häufigsten kommen Speiseröhren- und Magenkrebs vor, bei Frauen Brust- und Gebärmutterkrebs. „Das größte Problem ist die Früherkennung. In der Frühphase können wir 80 Prozent der Patienten heilen, im Spätstadium rund 40 Prozent. Doch 65 Prozent der Patienten kommen bereits im Endstadium zu uns, wo die Heilungschancen gleich null sind“, berichtet der Klinikchef. „Man bräuchte bessere Geräte für Mammographie, Ultraschall, Computertomographie. Doch das haben wir nicht hier in unserer Klinik, geschweige denn in der Provinz. Unsere Klinik ist in sehr schlechtem Zustand.“ Eine Renovierung und Neuausstattung des OP sei am dringlichsten. Das bestätigt auch der operierende Arzt: „Am allerdringendsten benötigten wir Nähmaterial“, sagt Dr. Saidor Khaidarali. Besonders die Kinderabteilung brauche daneben dringend Ausrüstung und Medikamente. „Mit 20 000 Dollar wäre uns fürs Erste schon geholfen“, betont Dr. Zikirjakhodzaev. Eine Renovierung und Neuausstattung der gesamten Klinik würde, so schätzt er, etwa fünf Millionen Dollar kosten – Geld, das die Regierung des zentralasiatischen Sechsmillionenstaates nicht hat. Das Land am Pamir-Gebirge hat sich vom Zerfall der Sowjetunion und einem fünfjährigen Bürgerkrieg (1992 bis 1997) noch nicht erholt, und es ist durch die Wirren im Nachbarland Afghanistan zusätzlich belastet. „Unsere Bestrahlungsgeräte sind so alt, dass wir sie eigentlich nicht mehr benutzen sollten. Aber etwas anderes haben wir nicht“, klagt Zikirjakhodzaev.
Mit Beginn der Militäroperation Enduring Freedom im Oktober letzten Jahres startete das Hilfswerk Austria seine humanitäre Soforthilfe für Afghanistan von Tadschikistan aus. Zunächst gingen zehn Konvois mit Decken, Kleidung, Medikamenten und Nahrung an 110 000 Flüchtlinge, die sich auf die Inseln des Grenzflusses Pandj geflüchtet hatten. Doch Tadschikistan ist selbst bettelarm: „Das Land sollte nicht einfach Sprungbrett für unsere Afghanistanhilfe sein“, erklärt Patrick Hartweg, Projektverantwortlicher des Hilfswerks. Wo immer möglich, wurden Hilfsgüter in Tadschikistan eingekauft und produziert, um Arbeit und Einkommen zu schaffen. So kam auch die Zusammenarbeit mit der Krebsklinik zustande. Dr. Zikirjakhodzaev half als Koordinator vor Ort. Heute arbeiten zwei seiner Klinikärzte im Rahmen des Hilfswerks jeweils für eine Woche im Monat in Afghanistan, wo sie Kurse in Hygiene und Gesundheitsaufklärung für Lehrerinnen und Lehrer geben.

Dr. Robert Lessmann
Pasettistraße 24/11
A-1200 Wien
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema