ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2002Wissenschaftliches Publizieren - Umstritten, aber etabliert – der Impact Factor: Die Besten erkennen und nennen

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Wissenschaftliches Publizieren - Umstritten, aber etabliert – der Impact Factor: Die Besten erkennen und nennen

Dtsch Arztebl 2002; 99(51-52): A-3455 / B-2911 / C-2711

Lehrl, Siegfried

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LNSLNS . . . Die Entwicklung durch die Integration der Forschung von BRD und DDR scheint abgeschlossen. Mit 7,9 % Weltanteil an qualitativ gehobener Forschung bleibt Deutschland deutlich hinter den USA (32,7 %) und sogar hinter dem kleineren Großbritannien (9,3 %) zurück. Bezogen auf die Köpfe der Einwohner sowie auf das Bruttosozialprodukt, liegt Deutschland hinter Schweiz, Schweden, Dänemark, Kanada, Niederlande usf. an 15. Stelle. Demnach würde (etwas) mehr Geld, wie es Politiker immer wieder in Aussicht stellen, kaum Wesentliches ändern.
Gegenwärtig ist offenbar das rohstoffarme Land Deutschland, das auf die Leistung der Köpfe seiner Bürger angewiesen ist, mit seinem Zugpferd für die Zukunft, die Wissenschaft, dem globalen Konkurrenzdruck nur mittelmäßig gewachsen. Deutschlands Steuerausgaben für die Wissenschaft sind nicht gut angelegt.
Um aus dieser Lage herauszukommen, wäre es jedoch falsch, Oehm & Lindner zu folgen und nicht zu objektivieren. Denn dies bewirkte einen Rückfall in alte Zeiten, in denen subjektive Bewertungen vorherrschten. Sie waren hauptsächlich durch einen Mangel an validen objektiven Indikatoren gerechtfertigt und dadurch, dass man als Wissenschaftler noch fast jeden Wichtigen im eigenen Fachgebiet kannte sowie ganze Fächer überschaute und vermutlich verantwortungsvoller als gegenwärtig urteilte. !
Heute, wo noch etwa 80 % aller Wissenschaftler der Menschheitsgeschichte leben, ist es kaum noch möglich, nur die Habilitierten und Professorierten des eigenen Faches und die Breite ihres wissenschaftlichen Arbeitsgebietes zu kennen. Nicht zu objektivieren wäre zusätzlich ein Fehler, weil wichtige Grundwerte der Gesellschaft, die sich auf subjektive Bewertungen auswirken, aufzuweichen scheinen. Insbesondere macht das Denken für das Wohl der Gemeinschaft und die Fürsorge für andere zunehmend dem Egoismus Platz. Die Wissenschaften sind von dieser Tendenz nicht ausgenommen. In ihnen bestehen zusätzliche Gefährdungen dadurch, dass häufig Kollegen ihre Kollegen bzw. deren Forschungsarbeiten bewerten. Sie entscheiden über Rivalen oder Freunde.
Auf derartige Gefährdungen subjektiver Bewertungen von Kollegen durch Kollegen hatte H. H. Kornhuber bereits 1988 mit seiner Arbeit „Mehr Forschungseffizienz durch objektive Beurteilung von Forschungsleistung“ aufmerksam gemacht. Außerdem darauf, warum gerade die besten Forscher und ihre Leistungen systematisch behindert werden. Ein wichtiger Grund sind viele Begutachter von Forschungsarbeiten, und Forscher haben schon wegen ihrer großen Zahl zwangsläufig zur Erhaltung eigener Vorteile und des eigenen Ansehens kein Interesse daran, die „Besseren“ zu fördern.
Als Schutz forderte Kornhuber die objektive und valide Messung von Forschungsqualität. Die Objektivierung entspricht intersubjektiv nachvollziehbaren Messungen und erhöht die Transparenz und Fairness, schützt gegen Korruption, und der Beurteilte weiß, warum er wie bewertet wurde. Doch Objektivität bedeutet noch nicht Validität: die Messung von dem, was gemessen werden soll, nämlich die Ausprägung von Forschungsqualität. Erst mit validen objektiven Indikatoren wird man hervorragende Forscher und Forschung erkennen, die das Land so nötig braucht.
Was ist seit Kornhuber geschehen? Die Objektivierung ist durch den IF erfolgt. Mit seiner Hilfe haben die Medizinischen Universitätsfakultäten, die ohnehin die Hälfte aller wissenschaftlichen Publikationen produzieren, eine wichtige Entwicklung durchgemacht: von der Subjektivität zur Objektivität. Ohne ihn hätte die Integration der Wissenschaft beider deutscher Staaten wahrscheinlich etwas weniger als 7,9 % Weltanteil gebracht. Aber jetzt, wo die Objektivierung zur Selbstverständlichkeit wurde, muss man sich mehr um die Validität der Indikatoren kümmern. Kornhuber hatte bereits viel geeignetere als den IF angeführt. Sie leiten sich aus Zitationsraten her, wie der „Science Impact Index“. Er erreicht für Anwendungen auf Wissenschaftler der deutschen Medizin mindestens das Validitätsniveau psychodiagnostischer Tests wie Intelligenz-, Persönlichkeits- oder Demenztests.
Falls uns die Validität der herkömmlichen Indikatoren noch nicht ausreicht, sollten wir lieber an deren Erhöhung herumfeilen. Doch schon der SII eignet sich, die besten Forscher und die beste Forschung zu identifizieren, um sie weiter zu fördern und anderen als Vorbilder anzubieten, damit sie sich daran orientieren. Die breite Anwendung derartiger Indikatoren könnte Deutschland in wenigen Jahren im internationalen Vergleich einen Sprung nach vorne sichern . . .

Literatur beim Verfasser

Dr. Siegfried Lehrl, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Erlangen-Nürnberg, Schwabachanlage 6, 91054 Erlangen
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