ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2002Die Marburger Medizinische Fakultät im „Dritten Reich“

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Die Marburger Medizinische Fakultät im „Dritten Reich“

Dtsch Arztebl 2002; 99(51-52): A-3461 / B-2917 / C-2717

Aumüller, Gerhard; Grundmann, Kornelia; Krähwinkel, Esther; Lauer, Hans H.; Remschmidt, Helmut

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Medizingeschichte
Akribische Quellenarbeit
Gerhard Aumüller, Kornelia Grundmann, Esther Krähwinkel, Hans H. Lauer, Helmut Remschmidt: Die Marburger Medizinische Fakultät im „Dritten Reich“. Academia Marburgensis. Beiträge zur Geschichte der Philipps-Universität Marburg, Band 8, K. G. Saur Verlag, München, 2001, 736 Seiten, gebunden, 50 €
Immer wieder wird darum gestritten, ob man Befunde aus der NS-Zeit grundsätzlich wertend darzustellen hat oder ob man sich vor allem anderen um eine differenzierte Befunderhebung bemühen muss. Die Autoren des vorliegenden Werkes liefern ein Musterbeispiel dafür, wie notwendig Letzteres ist, um die Strukturen und Bedingungen für das Verhalten einer Medizinischen Fakultät in der NS-Zeit herauszuarbeiten.
Es gibt bisher sehr wenige und sehr unterschiedliche Fakultätsgeschichten über diese Zeit; keine jedoch wurde mit so intensiver Durcharbeitung vorgelegt. Unter der spürbar maßgeblichen Federführung des Marburger Anatomen Gerhard Aumüller und mit einem kompetenten Team von Historikern, Doktoranden, Mitgliedern der Medizinischen Fakultät und anderen Spezialisten wurde das Projekt seit 1994 mit Unterstützung der DFG bearbeitet. Es resultiert das Bild einer 1933 im Wesentlichen konservativen Fakultät, die sich ohne erkennbaren Widerstand gleichschalten ließ. Einzelne Ordinarien, vor allem auch jüngere Oberärzte und Dozenten stellten sich kritiklos in den Dienst des Regimes, während sich die meisten Mitglieder angepasst verhielten. Die Entlassung der vergleichsweise wenigen von der rassischen und politischen Verfolgung betroffenen Fakultätsangehörigen, Studenten und Patienten wurde reibungslos durchgeführt. Ebenso wurde das Lehrangebot auf den Gebieten der Rassenhygiene, der Erbgesundheitspflege entsprechend den ideologischen Vorgaben umgesetzt. Berufungen, Habilitationen, Forschungsaktivitäten, die Einflüsse des Krieges auf Lehre und Krankenversorgung, die besondere Situation der Psychiatrischen Klinik – alles, was in der vorgelegten Studie erarbeitet worden ist, beruht auf akribischer Quellenarbeit. Nichts wird ausgesagt, was nicht in umfangreichen Anmerkungen belegt ist.
Wer in Zukunft gleichsinnige Projekte unternimmt, muss sich an der Umsicht und Sorgfalt dieser Untersuchung messen lassen. Als einziger Mangel ist das fehlende Sachregister zu nennen. Eduard Seidler
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