ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2002HIV-Therapie in der Schwangerschaft: Unnötiges Tupfen
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LNSLNS Mit großem Interesse haben wir Ihren Beitrag zur antiretroviralen HIV-Therapie in der Schwangerschaft gelesen. Uns war dabei Ihre Empfehlung für die Erstversorgung von Neugeborenen aufgefallen: „Noch vor dem Absaugen sind Mundhöhle und Naseneingang mit sterilen, in 0,9-prozentiger NaCl-Lösung getränkten Tupfern von eventuell HIV-1-kontaminiertem Fruchtwasser zu reinigen. Nach Stabilisierung der Vitalfunktionen sind alle Körperöffnungen (Ohren, Augen, Anus und Genitale) in gleicher Weise zu säubern.“ Uns sind keine Untersuchungen bekannt, aus denen sich diese Empfehlungen schlüssig ableiten lassen. Weiterhin sind uns diesbezüglich auch keinerlei Empfehlungen seitens der entsprechenden Fachgesellschaften in den USA (zum Beispiel der American Academy of Pediatrics) oder des Centers for Disease Control (CDC) bekannt. Im Falle einer Kontamination des Fruchtwasser mit HIV ist das Kind von Kopf bis Fuß mit HIV besiedelt. Da alle Feten intrauterin Fruchtwasser „atmen“ und schlucken und damit große Mengen Fruchtwasser „aspirieren“ beziehungsweise ingestieren, ist unseres Erachtens davon auszugehen, dass bei kontaminiertem Fruchtwasser sowohl die Lunge als auch der Magen-Darm-Trakt von vorne herein kontaminiert sind. Die von Ihnen empfohlenen Manipulationen an Mund, Nase, Augen, Anus und Genitale könnten zu sicht- oder unsichtbaren Schleimhautschäden führen und damit einer HIV-Transmission geradezu Vorschub leisten. Unseres Erachtens sollten die von Ihnen genannten Maßnahmen nicht empfohlen werden, oder es sollte zumindest darauf verwiesen werden, dass diese Empfehlungen bisher nicht wissenschaftlich überprüft wurden.

Priv.-Doz. Dr. med. Helmut Hummler
Prof. Dr. med. Dipl.-Chem. Frank Pohlandt
Sektion Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin
Universitätskinderklinik Ulm, 89070 Ulm

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