ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2002Wallis/Schweiz: Sonne über den Eisflanken

VARIA: Reise / Sport / Freizeit

Wallis/Schweiz: Sonne über den Eisflanken

Dtsch Arztebl 2002; 99(51-52): A-3485 / C-2738

Hamberger, Rainer W.

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Saas-Fee: Blick vom Kreuzboden auf die Skipisten Fotos: Rainer W. Hamberger
Saas-Fee: Blick vom Kreuzboden auf die Skipisten Fotos: Rainer W. Hamberger
Schweizer Schneevergnügen und Winterstimmung. Dazu gehört mehr als eine pünktliche Uhr oder Schoggi. Neben verlässlicher Organisation wird eine gehörige Portion „Savoir-vivre“ geboten. „Bühne der Lebenslust“ verspricht der Winterprospekt. Zermatt unterhalb des Horns im benachbarten Tal und Saas-Fee wetteifern dabei um die Gunst der internationalen Touristen. Dabei lockt Saas-Fee mehr die jüngere Generation und die Snowboarder. Hier werden Techniken und Trends geboren, hier geht es eher um Sport als darum, gesehen zu werden. Regelmäßig treffen sich die Freaks bei der Halfpipe, und wer die englische Fachsprache mit Schweizer Akzent nicht versteht, wird auch am Abend nicht glücklich, wenn sich die Szene in den In-Lokalen trifft. Einen Vorgeschmack bekommen wir tagsüber im „Popcorn“, dem bekanntesten Snowboardladen der Schweiz.
Zum 3 000 m hohen Gipfel
Direkt im Zentrum des Bergdorfes liegt dieses Mekka der wilden Jungen. Im Stil einer nostalgischen amerikanischen Kneipe ist der Wintersportladen hergerichtet.
Bei strahlendem Winterwetter lockt aber die Höhe. Auf der 3 000 m hoch gelegenen Gondelbahnstation am Felskinn steigt man in die Metro Alpin um, die den Skifan innerhalb weniger Minuten auf den obersten Punkt von Saas-Fee befördert. Hier liegt an der Bergstation Mittelallalin das höchstgelegene Drehrestaurant Europas, wo „Rösti und Knöpfli“ in 3 500 m Höhe serviert wird.
Gletscherlift zum Mittelallalin
Gletscherlift zum Mittelallalin
Bei der Ankunft entscheiden wir uns, zunächst den größten Eispalast der Welt zu besichtigen, dessen Eingang sich im Gesamtkomplex Bergbahn und Restaurant befindet. Welch ein Aufwand muss es im Jahr 1990 gewesen sein, bis man 70 Meter lange Gänge in das Gletschereis gemeißelt hatte, um in die Tiefen des Eises vorzudringen, wo eine 5 000 Quadratmeter große Grotte entstand. Schaudernd stehen wir vor fast bodenlosen Spalten, die von unten und der Seite aus zu sehen sind. Diese ungewöhnliche Sehenswürdigkeit befindet sich etwa zehn Meter tief im Gletscher unter einem der höchstgelegenen Sommerskigebiete Europas.
Gleißendes Licht empfängt den Skifahrer beim Verlassen des Gebäudes über dem Eispalast. Zwischen Felskinn und Allalinhorn ziehen Wolkenfetzen von Italien über den Gletscher. Dazwischen blitzen immer wieder Sonnenstrahlen durch, lassen das blanke Eis aufleuchten, dort, wo der Sturm den Neuschnee weggeblasen hat. Beliebt sind von hier aus auch Skiwanderungen auf den Gipfel des Allalinhorn mit 4 027 m, weil man sich am Ausgangspunkt bereits in großer Höhe befindet.
In den Sportgeschäften von Saas-Fee werden Touren jeden Schwierigkeitsgrades mit gut ausgebildeten Bergführern angeboten. Man bemüht sich aber nach Kräften, für alle Generationen ein Angebot zu präsentieren, denen die Halfpipe oder der Viertausender keine Herausforderung sind. Schlittelbahnen, geräumte Winterwanderwege, ein modernes Hallenbad.
Heimat von Carl Zuckmayer
Der 1 800 m hoch gelegene Ort ist von Lärchenwäldern umgeben. Typische Walliser Häuser aus sonnengebräunten Balken ducken sich eng aneinander. Rund um den tausend Jahre alten historischen Ortskern entstanden schon vor knapp 120 Jahren Beherbergungsbetriebe. So baute die Gemeinde 1881 das Hotel Dom und zwei Jahre später das Bellevue. Hier hielten sich früher bevorzugt Engländer auf. Aus ihren Reihen stammten auch die ersten Besteiger der Eisriesen des Wallis. Zu jener Zeit reichte der Feengletscher vom Dom ganzjährig bis an den Ortsrand Saas-Fees. Um sein Einkommen aufzubessern, bemühte sich mancher zu Fuß an den Eisrand, um von dort Gletschereis in Körben auf dem Rücken gegen bescheidenen Lohn zu den Hotels zu bringen, als es noch keine Eisschränke gab. Noch im Jahr 1940 war dies üblich. Sehr eindrücklich sind die Ereignisse dieser Epoche im Saaser Museum dargestellt – beinahe jeder Tag ein Kampf ums Dasein. Bis 1951 gab es nur Sommertourismus. Danach wurde von Saas Grund herauf die Straße fertig gestellt, und mit den Wintergästen begann der Aufschwung.
Einer der bekanntesten Bürger Saas-Fees war der deutsche Dichter Carl Zuckmayer. Als er im Anschluss an seine Emigration nach Amerika hier 1957 im Haus Vogelweid ein neues Zuhause fand, entwickelte sich zwischen ihm und den Einheimischen ein sehr persönliches Verhältnis. Täglich spazierte der Dramatiker mit seinem Hund den Höhenweg am Südhang über dem Ort entlang, an dessen Fuß sein Wohnhaus noch heute steht. 1977 starb Zuckmayer in einem Spital in Brig im Rhônetal. Er ist auf dem Friedhof Saas-Fees beerdigt. Der Kapellenweg „Zur Hohen Stiege“ von Saas Grund hinaus nach Saas-Fee ist ihm gewidmet. Sanft ansteigend und durch einige Naturtreppen unterbrochen, führt er an einigen Wallfahrtsstationen unter uralten Lärchen vorbei. Auch und gerade im Winter hat der einstündige Spaziergang auf diesem Weg von Saas-Fee hinab nach Saas Grund seinen Reiz.
Rainer W. Hamberger
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