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Wartezeit ist höchstens dann mit Freude verknüpft, wenn man einen etwas jungfräulichen Bordeaux im Keller hütet. Ansonsten macht sie erfinderisch, wie jede Arzthelferin zu berichten weiß. Patienten untereinander betrachten sich als erbitterte Konkurrenten im Kampf um des Doktors Ohr. Der Einwand „Ich stehe aber im Parkverbot!“ ist ein Klassiker. „Ich habe einen kranken Mann/Frau zu Hause!“ appelliert ans Helfersyndrom, und „der Termin bei der Fußpflege!“ lässt Zweifel an der Wichtigkeit des eigenen Tuns aufkommen. „Muss pünktlich essen, bin Diabetiker!“ legt den Finger auf die schlechte Nahrungsmittelversorgung in bundesdeutschen Wartezimmern. „Bin extra früher gekommen, damit es schneller geht!“ bringt mich ins Grübeln: Sind wir umso langsamer, je später der Tag? Werden in der Morgendämmerung Sekundendiagnosen und abends nur grippale Verschleppungen geboren?
Nun, diese kämpferische Stimmung passt so gar nicht zu meiner pazifistischen Einstellung, daher stellte ich auf Termingeschäfte um. Bloß wollte sich keiner dran halten, entweder: „Bin früher gekommen, also auch früher dran!“ Darauf meine Arzthelferin: „Termin ist Termin!“ „Na, dann können Sie mich ja auch vorziehen!“ oder: „Bin später gekommen, also bin ich sofort dran!“ Weiterhin drang ein lautes Murren aus dem Wartezimmer. Um Schadenersatzforderungen aus dem Weg zu gehen, versuchte meine Helferin, auf die notfallmäßige Versorgung von Patienten hinzuweisen. Das zog aber nicht: „Ich habe den Doktor gerade ohne ,Devibrator‘ rumlaufen sehen, also was soll das?“
Um dieser Ellenbogenkultur die Schärfe zu nehmen, hatte ich mir etwas Geniales einfallen lassen: Alle Omas, Opas, Tanten und Onkel wurden zur Verbesserung der Wartezimmeratmosphäre abkommandiert. Sie mussten nur dasitzen und den Übereiligen den Vortritt lassen. Und schon besserte sich das Klima, blitzte so etwas wie gegenseitige Rücksichtnahme auf.
Bis plötzlich der Opa vor mir sitzt: „Das Wartezimmer ist leer, ich komm’ mal rein, damit du was zu tun hast!“ Erschrocken ziehe ich die Helferin zu Rate. „Die Leute meinen, dass Sie nichts taugen, weil niemand zu Ihnen ins Sprechzimmer will!“
Jetzt quillt das Wartezimmer wieder über; jeder, der ins Sprechzimmer reinkommt, mosert erst mal über die unzumutbaren Wartezeiten.
Da muss ich durch. Dr. med. Thomas Böhmeke
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