ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2003Präimplantationsdiagnostik: Konflikte programmiert

POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: Konflikte programmiert

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-14 / B-12 / C-12

Rabbata, Samir

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Stammzellabstimmung im Deutschen Bundestag: Trend zu einer „pragmatischen“ Haltung Foto: dpa
Stammzellabstimmung im Deutschen Bundestag: Trend zu einer „pragmatischen“ Haltung Foto: dpa
Die Ärzteschaft spricht sich gegen Gen-Checks an Embryonen aus. Im Bundestag sind die Mehrheitsverhältnisse indes unklar.

Knapp ein Jahr nach der heftig geführten Debatte über die Einfuhr embryonaler Stammzellen und der Entscheidung des Gesetzgebers, einen solchen Import unter Auflagen zu erlauben, zeichnet sich ein weiteres bioethisches Konfliktfeld ab. Noch in dieser Legislaturperiode dürfte der Bundestag über die Zulässigkeit von Gentests an Embryonen, der Präimplantationsdiagnostik (PID), entscheiden.
Wie bei der Stammzellfrage scheint auch im Streit um die PID eine Diskussion quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen programmiert. Längst rüsten sich Politiker, Ethik-Experten und Ärzte für die Auseinandersetzung um das hochbrisante Thema. So laufen im Bundestag die Planungen für die Neuauflage einer entsprechenden Enquete-Kommission auf Hochtouren. Schon Ende Januar will sich der Nationale Ethikrat zu Wort melden. Beobachter glauben, dass sich das Gremium für eine begrenzte Zulassung der umstrittenen Diagnostik aussprechen wird.
Eindeutig positioniert hat sich dagegen der 105. Deutsche Ärztetag im Mai vergangenen Jahres in Rostock. Er kam zu dem Ergebnis, dass die PID ethisch nicht vertretbar und medizinisch höchst fragwürdig sei. Vor Journalisten in Berlin bekräftigte jetzt der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, die restriktive Haltung der Ärzteschaft: „Wir plädieren nach wie vor für ein Verbot der PID.“
Nach Einschätzung Hoppes ist das Missbrauchspotenzial der PID zu groß. Eine Begrenzung auf wenige Fälle erscheine kaum möglich und könne nicht garantiert werden. Erfahrungen aus dem Ausland zeigten, dass der Kreis derjenigen, die PID in Anspruch nehmen dürfen, beständig ausgeweitet werde. Der Ärztepräsident befürchtet außerdem, dass die bewusste Tötung genetisch belasteter Embryonen und damit auch potenziell behinderten Lebens zu einer verminderten Akzeptanz von Behinderten in der Gesellschaft führen könnte. Schließlich bestehe der Zweck des embryonalen Gen-Checks darin, aus einer bestimmten Anzahl befruchteter Eizellen einen vermeintlich gesunden Embryo auszuwählen und andere weniger gut ausgestattete abzutöten. Hoppe: „Damit wird menschliches Leben zur Disposition gestellt, weil es bestimmte, jedoch individuelle Kriterien nicht erfüllt.“
Ob der Bundestag der vom Ärztetag formulierten PID-kritischen Haltung folgt, ist fraglich. Seit der Entscheidung für den begrenzten Import von embryonalen Stammzellen habe sich der Trend zu einer „pragmatischen“ Haltung gegenüber medizin-ethischen Fragen unter den Parlamentariern verfestigt, berichten Insider. Dass die mithilfe der PID aussortierten Embryonen zumindest theoretisch auch als „Rohstoff“ für die Stammzellforschung bereitstünden, könnte zudem die PID-Entscheidung von Befürworten der Stammzellforschung erleichtern. Bezeichnend findet Hubert Hüppe, Ethik-Experte der CDU-Bundestagsfraktion, dass ausgerechnet Forschungsministerin Edelgard Bulmahn der Präimplantationsdiagnostik offen gegenüberstehe. Die PID öffne die Tür zur Stammzellforschung. Dies könne man nicht mehr von der Hand weisen. Von der CDU-Fraktion erwartet Hüppe eine klare Haltung. Jeder Parlamentarier müsse sich darüber bewusst sein, für was das „C“ im Namen seiner Partei stehe, sagte Hüppe.
Ob die Arbeit der letzten Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“, die sich mehrheitlich gegen die PID ausgesprochen hatte, auch in dieser Legislaturperiode weitergeführt wird, war lange unklar. Jetzt gaben Abgeordnete von CDU und SPD auf Nachfrage bekannt, dass eine neue Ethik-Enquete noch im Januar beantragt werden soll. Der SPD-Gesundheitsexperte Dr. med. Wolfgang Wodarg geht davon aus, dass man einige Themen der letzten Enquete ein weiteres Mal diskutieren müsse. Neben der Fortpflanzungsmedizin gehörten auch die Stammzellforschung, die Lebendspende sowie die Nanotechnologie auf die Agenda der Enquete.
Wodarg wies darauf hin, dass eine neue Bundestagskommission als parlamentarisches Gegengewicht zu dem von Bundeskanzler Gerhard Schröder eingesetzten Nationalen Ethikrat von großer Wichtigkeit sei. Der SPD-Politiker sieht aber keine Konkurrenzsituation zwischen Ethikrat und Parlament. Vielmehr ließen sich Synergieeffekte nutzen, wenn beide Institutionen bei der Vielzahl der zu behandelnden Themen zusammenwirkten. Samir Rabbata
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