POLITIK

Wissenschaftsrat: „Medical Doctor“ in der Diskussion

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-15 / B-13 / C-13

Lenze, Susanne

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Alle Universitäten sollen Promotionskollegs einrichten,
um die mangelnde Betreuung des akademischen Nachwuchses zu verbessern.

Eine international konkurrenzfähige Doktorandenausbildung ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems“, sagte Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, bei der Präsentation der Empfehlungen zur Reform der Doktorandenausbildung in Berlin. Um den bisherigen, kritikwürdigen Zustand der Promotionswege zu verbessern, plädierte er für die flächendeckende Einführung von Promotionskollegs, bei denen die Doktoranden von mehreren Hochschullehrern ausgewählt und ausgebildet werden. „Derzeit ist die Betreuung eher etwas Zufälliges“, sagte Einhäupl. Die Kollegs sollten zudem ein anspruchsvolles Studienprogramm anbieten.
Der Rat kritisiert das hohe Alter derjenigen, die den Doktorhut endlich erhalten. In Deutschland sind die Absolventen – nach einer durchschnittlichen Promotionszeit von fünf bis sieben Jahren – durchschnittlich 33 Jahre alt. „Die Studierenden sollten sich nicht länger als drei Jahre mit einer Promotion beschäftigen“, sagte Einhäupl. Der Wissenschaftsrat geht davon aus, dass eine verbesserte Betreuung im Kolleg dazu beitrage, die Promotionszeiten zu verkürzen.
Die meisten Promotionen erfolgen in der Medizin
Sorge bereitet den Mitgliedern des Wissenschaftsrates die demographische Entwicklung. „Bereits heute stellen wir fest, dass der wissenschaftliche Nachwuchs an den Forschungseinrichtungen und Hochschulen knapp wird“, erläuterte er. Hinzu komme der Trend, dass die Neigung zum Promovieren nachlasse. Vor zwei Jahren schlossen nur 26 000 Studenten in Deutschland eine Promotion ab, wobei die meisten Doktorarbeiten an den medizinischen Fakultäten absolviert werden. An zweiter Stelle folgten Mathematik und Naturwissenschaften mit 7 600 Abschlüssen.
Einhäupl betonte, dass die Doktorarbeiten in der Medizin oft nicht einmal die Qualität von Diplomarbeiten anderer Studiengänge erreichten. „Medizinische Promotionen werden meistens während des Studiums geschrieben“, sagte er. Deshalb diskutiere der Medizinausschuss des Rates zurzeit über die Einführung eines „Medical Doctors“ für Praktiker in der Medizin.
Wie in den USA und Österreich solle diese Auszeichnung durch eine kleine Arbeit mit dem Staatsexamen erworben werden können. Der Erwartung eines Titels an den Arzt könne dann zunächst der „Medical Doctor“ dienen. „Die Doktorarbeit soll sich jedoch deutlich von der Zusatzarbeit des Medical Doctors unterscheiden“, sagte der Vorsitzende.
Der Wissenschaftsrat legte auch Empfehlungen für die weitere Entwicklung von zwei medizinischen Universitäten in Baden-Württemberg vor: Freiburg und Ulm. „Die beiden Universitäten genießen ein hohes Ansehen“, sagte Einhäupl. Stellungnahmen zu den drei übrigen hochschulmedizinischen Standorten in Baden-Württemberg – Heidelberg, Mannheim und Tübingen – sollen bald folgen. Erst danach will sich der Rat zur Gesamtsituation der Hochschulmedizin in diesem Bundesland äußern.
Die Universität in Freiburg bildet mit 3 000 Medizinstudenten (Human- und Zahnmedizin) die größte hochschulmedizinische Ausbildungsstätte in Baden-Württemberg. Der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg empfiehlt der Rat, die Vernetzungen mit den Naturwissenschaften zu verstärken und die geographische Lage im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Schweiz für länderübergreifende Forschungskooperationen zu intensivieren. Erwartet werde, dass die Fächerverteilung der Transplantationszentren begrenzt werde. In der Lehre werde der Freiburger Fakultät hinsichtlich der Prüfungsnoten ein stark überdurchschnittliches Engagement bestätigt.
Intensive Zusammenarbeit mit Nachbarfakultäten bescheinigt
Gleichwohl sollte die Fakultät die Reformen zur Verbesserung der medizinischen Ausbildung konsequent weiterverfolgen. Der vor einem Jahr eingerichtete Diplomstudiengang „Molekulare Medizin“ sollte in eine Bachelor- und Masterstruktur überführt werden. Der Rat mahnte jedoch an, dass die Bettenkapazität von 1 700 zu hoch sei und reduziert werden müsse.
Gewürdigt wurde auch die – von Beginn an – intensive Zusammenarbeit der medizinischen Einrichtungen der Universität Ulm mit den Nachbarfakultäten – vor allem mit den Naturwissenschaften. In den vergangenen Jahren habe eine deutlich erkennbare Profilbildung der Medizinischen Fakultät stattgefunden, urteilt der Rat.
Die Medizinstudierenden in Ulm haben bislang in ihren Prüfungen eher durchschnittlich abgeschnitten. Die begonnenen Maßnahmen der Medizinischen Fakultät zur Verbesserung der Qualität der Lehre zeigten erste Erfolge. Alle künftigen Reformen in diesem Bereich sollten sich nach Auffassung des Wissenschaftsrates an einem zuvor klar definierten übergeordneten Ausbildungskonzept orientieren. Susanne Lenze
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