ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2003Extrakorporale Detoxikation: Künstliche Leber vorgestellt

POLITIK: Medizinreport

Extrakorporale Detoxikation: Künstliche Leber vorgestellt

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-17 / B-15 / C-15

Nickolaus, Barbara

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Mit MARSmini können Pilz- oder Medikamentenvergiftungen bei Kindern ebenso behandelt werden wie Leberversagen nach Virushepatitis. Foto:Verein für Extrakorporale Detoxikation (VED) e.V./Teraklin AG
Mit MARSmini können Pilz- oder Medikamentenvergiftungen bei Kindern ebenso behandelt werden wie Leberversagen nach Virushepatitis. Foto:Verein für Extrakorporale Detoxikation (VED) e.V./Teraklin AG
Das MARS-Verfahren erhöht bei Erwachsenen und Kindern
die Chance auf eine Erholung des geschädigten Organs.

Etwa 70 000 Patienten in Deutschland leiden an einer stationär
behandlungsbedürftigen schweren Lebererkrankung. 20 000 starben infolge eines chronischen Leberversagens, aber nur 757 Lebertransplantationen konnten 2001 durchgeführt werden.
Eine Alternative zur Transplantation bietet ein neues System zur extrakorporalen Detoxikation, das an der Universität Rostock entwickelt wurde. Das Blutentgiftungsverfahren basiert auf der seit 1999 bei Erwachsenen eingesetzten Leberdialyse-Therapie MARS (Molecular Adsorbent Recirculating System). Rund 2 000 Patienten mit schwerem akuten oder chronischem Leberversagen sind inzwischen mit dem Verfahren, das Ende 2001 zum „Deutschen Zukunftspreis“ nominiert wurde, behandelt worden.
Das Problem beim Leberversagen ist eine zu Beginn kaum bemerkbare Giftstoffüberladung der Leber (endogene Intoxikation). Weil Gallensäure, Bilirubin, Prostazykline, Stickstoff und andere nicht wasserlöslich sind und in den Molekülen großer Transporteiweiße (HSA) festsitzen, lassen sie sich nicht einfach durch übliche Dialysemembranen wie bei der Nierendialyse hindurchschicken, um dort entfernt zu werden. Bei MARS müssen Albumine mit freien Bindestellen als „Lockeiweiße“ benutzt werden, um die in den Transporteiweißen fest verankerten Giftstoffe durch die Poren der mit Albumin beschichteten Dialysemembran doch hindurchzubefördern und entsorgen zu lassen. Zugleich werden bei dieser Methode die wesentlichen Blutbestandteile geschont.
Klinisch, sagte Dr. Steffen Mitzner (Rostock), zeige sich durch die Detoxikation, dass der Blutdruck wieder steigt, der hohe Puls fällt und eine Herzentlastung eintritt, die Patienten wachen aus dem Leberkoma wieder auf, die Urinausscheidung normalisiert sich auf 1,5 bis 2 Liter, der quälende therapierefraktäre Pruritus bei primär biliärer Zirrhose vermindert sich. Organdysfunktionen an Haut, Knochenmark, Nieren und Gehirn bessern sich. Die Steigerung der Überlebensrate durch MARS, gerade bei chronischen Leberleiden, wurde mit einer Studie belegt, die demnächst publiziert wird.
Nach Angaben von Prof. Dr. Robert Bartlett (University of Michigan) hat sich das Verfahren in den USA, wo MARS noch nicht zugelassen ist, experimentell seit fünf Jahren auf Intensivstationen zur Überbrückung der Wartezeit auf eine Lebertransplantation oder sogar zur Regeneration einer stark geschädigten Leber bei chronischen Leberfunktionsstörungen bewährt.
Studien mit MARS zeigten, dass die Gesamtüberlebensrate zwischen 42 und 71 Prozent je nach Schweregrad der Erkrankung läge. Zurzeit beginnt eine europäische Multicenterstudie zu MARS. Hierin wird auch zu prüfen sein, ob die Albumin-Dialyse rund um die Uhr (USA) oder – wie in Rostock – täglich nur sechs bis acht Stunden kontinuierlich durchgeführt werden sollte.
Seit Juni ist MARSmini in Deutschland als Leberentgiftungsverfahren beim akuten oder chronischen Leberversagen zugelassen für Neugeborene, Kleinkinder und Kinder. Nach Aussagen von Eurotransplant erhalten circa 70 Prozent der auf eine Transplantation wartenden Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahre einen Organersatz, aber während der Wartezeit sterbe noch immer jeder zwölfte Patient. Diese Zahl ließe sich durch MARSmini verringern, sagte Mathias Klingler (Teraklin AG, Rostock).
Das MARS-Verfahren wird bislang nur in Mecklenburg-Vorpommern als einzigem Bundesland von den gesetzlichen Krankenkassen in Einzelfallentscheidung und rationiert auf 30 Patienten jährlich bezahlt. Weitere, insbesondere private Kran­ken­ver­siche­rungen finanzieren auf Einzelantrag die Therapie als Modell. Dr. Barbara Nickolaus

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