ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2003Israel: Erneute Polarisierung

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Israel: Erneute Polarisierung

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-29 / B-27 / C-27

Proske, Harald

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LNSLNS Nachdem ich Ihren Leserbrief kopfschüttelnd und zunehmend enttäuscht gelesen hatte, fragte ich mich, was wohl Ihre Absicht gewesen sein könne, einen solchen Kommentar zu schreiben. Beim besten Willen konnte ich keinen nützlichen Grund erkennen.
Was wollen Sie uns, den Lesern des DÄ, mitteilen? Dass alle Palästinenser gleich seien, keinem zu trauen sei und alle hinterhältig und unversöhnlich seien und nur den Krieg mit Israel wollten? Soll dies ein differenziertes Bild sein? Glauben Sie tatsächlich, der Situation und der Komplexität des Problems in irgendeiner Weise gerecht werden zu können, indem sie, wie übrigens viele andere auch, die Brutalitäten und bösen Absichten der einen, nämlich palästinensischen, Seite und die Machtlosigkeit und Notwehrsituation der anderen, nämlich der israelischen, Seite aufzeigen und damit nichts anderes tun, als erneut zu polarisieren? Polarisierung aber hat noch nie geholfen, einen Konflikt zu lösen, vielmehr helfen Sie mit, neue, trennende Mauern aufzubauen, höher und höher, bis sie irgendwann unüberbrückbar erscheinen, statt die Mauern, die die Menschen trennen, einzureißen.
Glauben Sie denn wirklich, dem Problem näher kommen zu können, wenn Sie das Leid der hochschwangeren Palästinenserinnen als zwar schlimm, aber erträglich darstellen, da es ja nichts gegen den Tod der schwangeren Israelin sei? Wo Sie doch genau wissen müssten, dass sowohl schwangere Israelinnen von einer Bombe getötet werden können als auch hochschwangere Palästinenserinnen und/oder ihre Neugeborenen sterben, weil man sie an einem israelischen Checkpoint nicht passieren lässt. Glauben Sie, Entspannung bewirken zu können, indem Sie aufgrund von irgendwelchen Umfrageergebnissen das ganze palästinensische Volk zu Kriegstreibern abstempeln? Warum schreiben Sie nicht von den Friedensinitiativen, die es auf palästinensischer Seite gibt, vor allem unter den Frauen, die jede Gewalt ablehnen, und warum berichten Sie nicht von den fast 50 verschiedenen Friedensorganisationen in Israel, die die offizielle Politik Israels für wenig hilfreich halten?
Sie haben laut Ihrer Aussage Freunde in Israel, aber noch besser wäre es, Sie würden sich darum bemühen, Freunde auf beiden Seiten zu gewinnen, dann würden Sie erfahren, dass Ihre Darstellung eben nur einen kleinen Teil der Realität wiedergibt, keinesfalls aber der wirklichen Situation gerecht wird, schon gar nicht einer Entspannung dienlich sein kann. Glauben Sie nicht, dass das israelische und das palästinensische Volk den Krieg gründlich satt haben und dass sich Israelis wie Palästinenser nichts sehnlicher wünschen als Frieden, Normalität, Sicherheit und Beständigkeit? Und sehen Sie nicht, dass man in einem Automatismus gefangen zu sein scheint, der immer nur die gleichen Reaktionen hervorbringt? In dieser Situation, in der die Regierenden und Verantwortlichen auf beiden Seiten festgefahren sind und keine neuen Ideen mehr entwickeln, ist es einzig und allein sinnvoll, dass die Völker selbst die Initiative ergreifen und versuchen, sich die Hände zu reichen, denn beide sind müde und können mit schon kleinen Gesten viel bewirken. Insofern hat Ihr Kommentar nicht geholfen, vielmehr hilft er alte Positionen zu verfestigen und damit die Menschen zu trennen. Nicht aber hilft ein solcher Kommentar dem Frieden und der Versöhnung.
Harald Proske,
Leopoldstraße 7B, 76133 Karlsruhe
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