ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2003Versorgungswerke: Unappetitlicher Sozialneid

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Versorgungswerke: Unappetitlicher Sozialneid

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-30 / B-28 / C-27

Priesack, Wolfhart

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LNSLNS Beide großen Volksparteien haben 1948 per Gesetz Ärzte als „Freiberufliche“ von der staatlichen Rentenfürsorge ausgeschlossen! Durch die Währungsreform mittellos, mussten Ärzte noch 1945 bis ins hohe Alter ohne Rentenanspruch ihren Lebensunterhalt durch harte Arbeit verdienen. Mit ihren Steuern finanzierten sie „solidarisch“ für Beamte, Angestellte und Arbeiter anteilig auch die staatliche Rentenkasse.
Nach dem Vorbild der Bayerischen Ärzteversorgung entschlossen sich diese Ärzte, ein eigenes, kapitalgedecktes Versorgungswerk nach dem Krieg aufzubauen. Sozialpolitiker aller Regierungen vergeudeten in der Folgezeit die hohen Rentenüberschüsse als Wahlgeschenke für versicherungsfremde „Sozialwohltaten“, wohlwissend, dass diese Rücklagen dereinst zum Ausgleich für die bekannten demographischen Veränderungen ab der Jahrtausendwende dringend benötigt werden würden. Wider alle versicherungsmathematische Vernunft und besseres Wissen wurde von ihnen stets vollmundig verkündet, die Rente sei „sicher“! Wer dumm genug war, hat diesen Schwachsinn geglaubt. Nun aber zeigt sich, dass das staatliche Rentensystem praktisch bankrott ist. Um diese Wahrheit weiter verschweigen zu können, schielen diese hilflosen Sozialpolitiker nun auf die erfolgreichen berufsständischen Versorgungswerke und schüren mit ihren Vorhaben einen unappetitlichen Sozialneid.
Als angestellter Krankenhausarzt habe ich nun nach 35 Berufsjahren mit meinen Pflichtbeiträgen zur Ärzteversorgung einen Altersruhegeldanspruch von knapp 55 % meines letzten Brutto-Einkommens. Als freiwillig in der GKV Versicherter zahle ich weiter den vollen Beitrag. Die Ausbildung meiner sechs Kinder aus eigenem Einkommen ist nur finanzierbar, weil meine jüngere Frau nach 20 Jahren Kindererziehung als praktische Ärztin mit einem Nettostundenlohn von sieben Euro weiter tätig ist, ohne einen Rentenanspruch zu erwerben. Während meiner Lebensarbeitszeit habe ich bei 65 Stunden pro Woche sechs Jahre mit Bereitschaftsdienst im Krankenhaus verbracht bei einem Brutto-Stundenlohn wie für einen angelernten Facharbeiter! Mit weit über 5 000 unbezahlten Überstunden, entsprechend einer zweieinhalbjährigen Arbeitsleistung zum Gotteslohn, habe ich mich wie die Mehrzahl meiner Kollegen „solidarisch“ beteiligt. Kein Berufsstand in unserer Republik hat nur annähernde Solidarbeiträge erbracht! Kalter Sozialneid ist stets das erbärmliche Eingeständnis einer verfehlten Lebensplanung.
Dr. med. Wolfhart Priesack, Städtisches Krankenhaus, Chirurgische Klinik, Chemnitzstraße 33, 24116 Kiel
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