ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1996Herzrhythmusstörungen/ICD-Implantation: Wann sind die Patienten fahrtauglich?

POLITIK: Medizinreport

Herzrhythmusstörungen/ICD-Implantation: Wann sind die Patienten fahrtauglich?

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Arrhythmie-Patienten verursachen extrem selten Verkehrsunfälle. Das ergab eine europaweite Umfrage bei Delegierten der europäischen Herzschrittmacher-Arbeitsgruppen. Fast nie konnte man bisher einen Unfall eindeutig dem Auftreten von malignen Rhythmusstörungen oder der Schockabgabe eines implantierten Defibrillators (ICD) zuordnen.
Fahren Arrhythmie-Patienten besonders vorsichtig, oder haben sie einfach nur Glück? Auch dies läßt sich der Umfrage entnehmen: Etwa die Hälfte setzt sich entgegen der ärztlichen Anweisung vor dem abgesprochenen Termin wieder ans Steuer. Die besondere Gefährdung dieser Patienten ist aber seit langem bekannt. In dem Gutachten "Krankheit und Verkehr" des Gemeinsamen Beirats für Verkehrsmedizin bei den Bundesministern für Verkehr und Gesundheit heißt der entsprechende Passus: "Wer unter Herzrhythmusstörungen leidet, die anfallsweise zu wiederholter Unterbrechung der Sauerstoffversorgung des Gehirns führen und damit zur Ursache von Bewußtseinsstörungen oder Bewußtlosigkeit werden können, ist zum Führen eines Fahrzeuges aller Klassen ungeeignet."
Als gefährliche Rhythmusstörungen werden im einzelnen aufgeführt: Überleitungsstörungen zweiten und höheren Grades, Vorhofflattern, Vorhofflimmern, ventrikuläre Extrasystolie und nichtanhaltende Kammertachykardien (Lown III bis V), paroxysmale Tachykardien, Karotis-Sinus-Syndrom. Eine Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen kann dann bedingt gegeben sein, wenn die Patienten unter einer antiarrhythmischen Therapie mindestens drei Monate symptomfrei waren. Mindestens sechs Monate sollten dagegen die Patienten mit dem Autofahren warten, die bereits komplexe Kammertachykardien, Synkopen oder eine Reanimation erlebt haben.
Wie sich aus einer Untersuchung von Larsen und Mitarbeitern ergibt, die über zehn Jahre 501 solcher Patienten nachbeobachtet haben (JAMA 271: 1335–1339), ist das Risiko für ein Rezidiv in den ersten vier Wochen nach dem Ereignis mit 4,2 Prozent am höchsten und liegt nach dem achten Monat bei 0,63 Prozent.
Weder in Deutschland noch in anderen europäischen oder außereuropäischen Ländern gibt es aber bisher einheitliche Richtlinien für Patienten mit einem ICD. Das war einer der Gründe, warum von der Studiengruppe "ICD and Driving" der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie ein Fragenkatalog erarbeitet wurde, anhand dessen untersucht werden sollte, wie die Praxis in den einzelnen Ländern aussieht.
Maßgeblich beteiligt an der Erhebung war Prof. Bernd Lüderitz (Bonn). In die Auswertung konnten 39 Antwortprotokolle aus 24 europäischen Ländern einbezogen werden, was in etwa das Vorgehen bei zehn Prozent der weltweit insgesamt rund 60 000 ICD-Patienten repräsentiert. Eine Empfehlung zum Verzicht auf das Autofahren wurde nur von 56 Prozent der Delegierten stets und von den übrigen gelegentlich ausgesprochen.
Beim Mindestzeitraum variierten die Angaben von drei bis achtzehn Monaten. Am häufigsten wurden sechs Monate (31 Prozent) und permanent (33 Prozent) genannt. 72 Prozent der Delegierten sprachen sich dafür aus, den Zeitraum des jeweils vorgeschlagenen Fahrverbots zu verlängern, wenn im Langzeitverlauf nach ICDImplantation Synkopen oder Präsynkopen auftreten. Angesichts der ungeklärten gesetzlichen Situation und der Heterogenität der ärztlichen Empfehlungen erscheint es, so Lüderitz, dringend notwendig, allgemein anerkannte und verbindliche Richtlinien zur Fahrtauglichkeit von ICD-Patienten zu erarbeiten, zumal diese Therapiemöglichkeit wahrscheinlich in Zukunft noch wesentlich häufiger eingesetzt werden wird. Eine entsprechende Verlautbarung wird von der Arbeitsgruppe "ICD and Pacing" zur Zeit vorbereitet, die in etwa das von Lüderitz als pragmatisch genannte Vorgehen (siehe Kasten) beinhalten könnte. Gabriele Blaeser-Kiel

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