MEDIZIN

Methylphenidatgebrauch in Deutschland: Versichertenbezogene epidemiologische Studie über die Entwicklung von 1998 bis 2000

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-41 / B-39 / C-38

Ferber, Liselotte von; Lehmkuhl, Gerd; Köster, Ingrid; Döpfner, Manfred; Schubert, Ingrid; Frölich, Jan; Ihle, Peter

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Zusammenfassung
Der Stimulanziengebrauch wird auf der Grundlage der pseudonymisierten 18,75 Prozent Zufallsstichprobe „Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen“ für 1998 bis 2000 dargestellt. Die Untersuchungspopulation umfasste rund 64 000 ganzjährig Versicherte unter 20 Jahren. Es zeigte sich ein Anstieg der Verordnungshäufigkeit um das Zweieinhalbfache. Das Hauptbehandlungsalter lag zwischen 7 und 13 Jahren (Prävalenz 2000: 1,10 Prozent; männlich: 1,44 Prozent, weiblich: 0,23 Prozent). Überwiegend wurde kurz beziehungsweise niedrig dosiert: Etwa die Hälfte der Patienten erhielt den Wirkstoff für weniger als vier Monate, ein Fünftel nur ein Rezept. Eine Hochdosisbehandlung fand sich nur in vier Prozent der Fälle. An der Behandlung mit Methylphenidat sind nur wenige Arztgruppen beteiligt, überwiegend Kinderärzte, Allgemeinärzte und Kinder- /Jugendpsychiater. Zu klären bleibt für Folgeuntersuchungen, ob die Kinder, die Verordnungen erhalten, sie, diagnostisch gesehen, benötigen.

Schlüsselwörter: Methylphenidat, hyperkinetisches Syndrom, Arzneimittelverordnung, Epidemiologie, pädiatrische Erkrankung

Summary
Methylphenidate Usage in Germany
The study investigates the use of the stimulant methylphenidate based on the anonymised random sample “Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen“ for the period 1998 to 2000. The sample consisted of about 64 000 members aged under 20, who were insured for the whole calendar year. The study shows that the number of methylphenidate prescriptions increased two-and-a-half times. The largest number of patients treated was between 7 and 13 years of age (prevalence 2000: 1.1 per cent; m: 1.44 per cent; f: 0.23 per cent). Medication was given mainly for short periods and/or in low dosages: about half the patients received medication for less than four months. Treatment with methylphenidate is employed mainly by pediatricians, GPs and child and adolescent psychiatrists. It remains to be investigated whether the methylphenidate treatment was consistent with diagnostic guidelines.

Key words: methylphenidate, hyperkinetic syndrome, drug prescription, epidemiology, pediatric disease

Die hohe Zunahme der Verbrauchsmengen von Methylphenidat, einem Psychostimulanz, mit dem Kinder behandelt werden, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, hat eine breite und intensive Diskussion über die Zahl der beteiligten Kinder sowie über die Notwendigkeit, die Indikationsgerechtigkeit und die Leitlinientreue dieser Therapie ausgelöst (4, 11).
Wie Schubert et al. (2001) anhand der Daten des Arzneiverordnungs-Reportes zeigen konnten, stieg die Anzahl der verordneten Tagesdosen von 1991 bis 1999 auf das 21fache an (13). Die Autoren schätzten mit aller Vorsicht, die eine derartige Schätzung aus nichtpersonenbezogenen globalen Verordnungsmengen verlangt, dass im Jahr 1999 in Deutschland 41 791 Kinder und Jugendliche einer Dauerbehandlung mit Methylphenidat hätten unterzogen werden können. Das entspräche, würde man diese Zahlen auf die in Deutschland lebenden 6- bis 18-Jährigen beziehen, einer Behandlungsprävalenz von 0,4 Prozent für 1999.
In den USA wurde mit ähnlicher Methode (13) eine Dauertherapie mit Methylphenidat für das Jahr 1995 auf 2,8 Prozent der 5- bis 18-Jährigen geschätzt. Für die zentrale Altersgruppe der 5- bis 14-Jährigen wurde 1995 eine Behandlungsprävalenz von 4,6 Prozent beobachtet (Baltimore Public schools) (12). 1987 betraf die Stimulanzientherapie in den USA nur 0,6 Prozent der unter 18-Jährigen (10), dies entspricht etwa der in Deutschland erst 1999 beobachteten Behandlungsprävalenz von 0,4 Prozent. Die Diskrepanz zu der deutschen Schätzung ist groß. Demnach wäre in den USA von etwa sechsmal so vielen mit Stimulanzien behandelten Kindern auszugehen. Andererseits zeigt eine epidemiologische Studie in North Carolina (USA) von Angold et al. (2000), dass die Mehrzahl der Kinder, denen Stimulanzien verschrieben wurden, die klinischen Kriterien für die ADHS nicht erfüllten (2). Angold schloss daraus, dies deute auf eine ungenügende Diagnosestellung und ungenügende Qualitätsstandards der Indikationsstellung für die Therapie. Auch in Deutschland wird diese Diskussion zurzeit geführt (siehe Bundestagsdrucksache 14/8912), sodass die Drogenbeauftragte der Bundesregierung die Formulierung fachspezifischer Mindestanforderungen als Voraussetzung für die Erstverschreibung von Methylphenidat und die Erarbeitung entsprechender Leitlinien zur Diagnostik und Therapie fordert. Die aktuelle Verschreibungspraxis wirft viele Fragen auf, deren Beantwortung eine Voraussetzung für die Verbesserung der Versorgungssituation ist:
- Wie viele Kinder und Jugendliche haben Kontakt mit Methylphenidat (auch diejenigen eingerechnet, die zu kurze oder zu niedrig dosierte Behandlungen erhalten)?
- Welche weiteren Psychostimulanzien werden Kindern und Jugendlichen in Deutschland verordnet?
- Welche Kinder werden behandelt (Alters- und Geschlechtsgruppen)?
- Wie hat sich die Zahl der Methylphenidatempfänger in den Jahren 1998 bis 2000 entwickelt?
- Werden zunehmend auch ältere Jugendliche behandelt?
- Wie sah das erste Behandlungsjahr aus?
- Welche Facharztgruppen sind an der Behandlung beteiligt?
- Wie hoch ist der Anteil der Hoch- oder Überdosierten?
Die gestellten Fragen sollen mithilfe pseudonymisierter Daten einer gesetzlichen Krankenkasse beantwortet werden.
Datenbasis
Stichprobe und Datenmaterial
Die Versichertenstichprobe der AOK Hessen und der KV Hessen ist als 18,75 Prozent Zufallsstichprobe aus circa 1,9 Millionen Versicherten der AOK konzipiert; Austritte der Versicherten werden durch Nachziehungen kompensiert (konstanter Auswahlsatz). Die Stichprobe wird seit dem
1. 1. 1998 beobachtet. Jedes Kalenderjahr können rund 320 000 durchgängig Versicherte, deren Daten für das gesamte Jahr zur Verfügung stehen, beobachtet werden.
Die Daten stehen pseudonymisiert zur Verfügung, das heißt sie sind versichertenbeziehbar, ohne dass die konkrete Person zu identifizieren ist. Es handelt sich dabei um Stammdaten (hierzu gehören Alter, Geschlecht), Krankenscheindaten mit Diagnosen (quartalsbezogen), Leistungsziffern (mit Tag der Leistungserbringung) und abrechnender Arzt (Fachgruppe), die Verordnungsdaten (Verordnungsdatum) mit verordnendem Arzt (Fachgruppe) sowie Krankenhausdaten und Arbeitsunfähigkeiten (Dauer, Diagnose), Heil- und Hilfsmittel und Leistung „Pflege“.
Die Erhebung der Versichertenstichprobe wurde durch den Hessischen
Datenschutzbeauftragten datenschutzrechtlich geprüft und mit den Datenschutzbeauftragten der AOK Hessen und der KV Hessen durchgeführt.
Die folgenden Daten wurden für diese Untersuchung herangezogen:
- Alter und Geschlecht des Versicherten,
- der verordnende Arzt mit der Facharztgruppe,
- Verordnungsdaten wie Name, Darreichungsform und Packungsgröße des verordneten Präparates sowie Verordnungsdatum.
- ICD-10-Diagnosen auf den Krankenscheinen.
Die Verordnungsdaten werden nach ATC-Klassifikation kodiert (7). In die Auswertung einbezogen werden Verordnungen von Methylphenidat (ATC N06BA04). Der Arzneiverbrauch wird nach der international festgelegten Einheit, der defined daily dosis (DDD) ermittelt. Eine definierte Tagesdosis entspricht 30 mg Methylphenidat.
Zurzeit stehen die Daten für den Beobachtungszeitraum 1. 1. 1998 bis 31. 12. 2000 zur Verfügung. Die Versichertenstichprobe umfasst jährlich im Durchschnitt 79 000 Kinder und Jugendliche im Alter unter 20 Jahren (inklusive Geburten, Todesfälle, Krankenkassenein- und austritte). Davon können jedes Kalenderjahr rund 64 000 durchgängig versicherte Kinder und Jugendliche, deren Daten für das gesamte Jahr zur Verfügung stehen, beobachtet werden. Je nach Fragestellung werden unterschiedliche Teilstichproben untersucht. Die erste Teilstichprobe umfasst eine Kohorte von n = 63 115 Kindern und Jugendlichen im Alter unter 20 Jahren (Geburtsjahrgänge 1981 bis 1999; n = 32 497 Jungen und n = 30 618 Mädchen),
die während des Beobachtungsjahres 2000 durchgängig in der AOK Hessen versichert waren.
Für diese Kinder und Jugendlichen ist sichergestellt, dass die Verordnungsdaten vollständig für den einjährigen Beobachtungszeitraum zur Verfügung stehen. Durch diese Definition werden zum Beispiel im Jahr 2000 geborene Kinder ausgeschlossen. Für weitere Auswertungen werden entsprechend für die Vorjahre 1998 und 1999 zwei weitere Kohorten von Kindern und Jugendlichen im Alter unter 20 Jahren (bezogen auf das Beobachtungsjahr) in die Auswertung einbezogen (Teilstichprobe 1998 vom Umfang n = 65 412 und Teilstichprobe 1999 n = 64 701). Für Längsschnittuntersuchungen über den Beobachtungszeitraum 1. 1. 1998 bis 31. 12. 2000 werden die Daten von n = 49 612 in diesem Zeitraum durchgängig Versicherten der Geburtsjahrgänge 1981 bis 1997 einbezogen. (Zur Methodik der Versichertenstichprobe siehe auch von Ferber, Behrens [1997] [6]).
Verteilung der Methylphenidatempfänger nach Alter und Geschlecht
Bezogen auf das Jahr 2000 finden sich in der Stichprobe von n = 63 115 Kindern und Jugendlichen im Alter unter 20 Jahren insgesamt 330 Empfänger von Methylphenidat. Das ergibt eine Behandlungsprävalenz von 0,52 Prozent. Es zeigen sich erhebliche Unterschiede nach Geschlecht (Jungen: 0,88 Prozent versus Mädchen: 0,15 Prozent; p < 0,001) und Altersjahrgängen im Anteil der Personen, die mit Psychostimulanzien behandelt wurden (Grafik 1).
Andere Psychostimulanzien wurden der beobachteten Population nur in geringfügigem Maße verordnet. So erhielten zwei Methylphenidatempfänger zusätzlich Fenetyllin (ATC N06BC05) und ein weiteres Kind Pemolin (ATC N06BA05). Andere Stimulanzien wurden der beobachteten Population nicht verordnet.
Das Hauptbehandlungsalter liegt zwischen 6 und 16 Jahren. In dieser Altersgruppe beträgt die Prävalenz 0,85 Prozent (Jungen: 1,44 Prozent versus Mädchen: 0,23 Prozent). Am häufigsten behandelt werden Jungen im Alter zwischen 7 und 13 Jahren mit 1,90 Prozent. Sie sind 7- bis 8-mal so stark belastet wie Mädchen dieser Altersklasse, von denen nur 0,25 Prozent mit Methylphenidat therapiert werden.
Entwicklung der Behandlungsprävalenz
(1998 bis 2000)
Jahresprävalenzen nach Alter
Grafik 2 sowie Tabelle 1 zeigen in unterschiedlichen Darstellungsformen den Anstieg der Prävalenz der mit Methylphenidat behandelten Patienten nach Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen von 1998 bis 2000. Die Behandlungsprävalenz nimmt von 1998 auf 2000 in allen Altersjahrgängen zwischen 6 und 16 Jahren um mehr als das Doppelte zu. Am stärksten belastet sind in allen drei Beobachtungsjahren die 7- bis 13-Jährigen.
Der Anteil der älteren Kinder und Jugendlichen unter den Methylphenidatempfängern (15 Jahre und älter) unterscheidet sich zwischen den drei Beobachtungsjahren nicht signifikant. Es findet also keine Zunahme der Behandlung der älteren Jugendlichen statt.
Quartalsprävalenzen nach Geschlecht
Die Grafik 3 zeigt für den dreijährigen Beobachtungszeitraum von Quartal I/1998 bis IV/2000 die Entwicklung des Anteils der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 7 und 13 Jahren, denen Methylphenidat verordnet wurde. Es sind Quartalsprävalenzen dargestellt. Sie steigen in den zweieinhalb Jahren von Quartal I/1998 bis II/2000 auf mehr als das Dreifache an, um dann in der zweiten Hälfte des Jahres 2000 nur noch geringfügig zuzunehmen.
Verordnende Ärzte
Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen, die im Jahr 2000 mit Methylphenidat behandelt wurden (n = 330 = 100 Prozent), erhält ihre Verordnungen von Kinderärzten (52 Prozent). In der Verordnungshäufigkeit folgen praktische Ärzte/Allgemeinärzte mit 25 Prozent der behandelten Kinder, Kinder- und Jugendpsychiater mit 23 Prozent, Ärzte in Polikliniken und Instituten mit 10 Prozent, Nervenärzte mit 9 Prozent und Internisten mit 3 Prozent. Weniger als 2 Prozent der Kinder erhielten Verordnungen von anderen Fachgruppen, darunter jeweils ein Kind/Jugendlicher vom Neurochirurg, Psychotherapeuten, Hautarzt, HNO-Arzt und Notdienst.
Rund 69 Prozent der Methylphenidatempfänger (n = 330 = 100 Prozent) erhalten ihre Verordnungen von nur einem Arzt, 26 Prozent von zwei Ärzten und 5 Prozent von drei oder mehr Ärzten. Da Verläufe noch nicht untersucht wurden, ist nicht bekannt, ob die Behandlung durch mehrere Ärzte nacheinander oder gleichzeitig geschah. Die Zahlen sprechen gegen ein häufiges Doctor-Hopping, um zusätzliche Rezepte zu erlangen.
Verordnete Wirkstoffmenge im ersten Behandlungsjahr
Legt man eine mittlere Tagesdosis von 0,75 mg Methylphenidat/kg Körpergewicht je Tag zugrunde (14), so brauchen zum Beispiel 12-Jährige mit einem mittleren Gewicht von 40 kg eine mittlere Tagesdosis von 30 mg, 7-Jährige mit einem mittleren Gewicht von 23 kg benötigen entsprechend eine kleinere (17,25 mg) und 16-Jährige mit einem durchschnittlichen Gewicht von 55 kg eine größere Tagesdosis (41,25 mg). Grafik 4 zeigt, wie lange Kinder und Jugendliche mit der ihnen jeweils im ersten Behandlungsjahr verordneten Wirkstoffmenge therapiert werden könnten, wenn man eine mittlere altersspezifische Tagesdosis zugrunde legt. In diese Auswertung wurden 154 Kinder und Jugendliche der Geburtsjahrgänge 1981 bis 1997 einbezogen, die im Drei-Jahres-Zeitraum 1998 bis 2000 durchgängig versichert waren und de-
ren erste Methylphenidatverordnung im Zeitraum 1. 7. 1998 bis 31. 12. 1999 lag.
Auffällig ist, dass rund ein Fünftel (20 Prozent) der behandelten Kinder nur ein Rezept erhält. Weitere 35 Prozent erhalten Wirkstoffmengen, mit denen sie höchstens vier Monate durchgängig behandelt werden können. Oder anders ausgedrückt, damit erhält nur knapp die Hälfte der mit Methylphenidat Behandelten eine Wirkstoffmenge, die für eine mehr als viermonatige Behandlung ausreichend wäre.
Vier Prozent der Methylphenidatempfänger erhalten mehr als eine mittlere Tagesdosis über das ganze Jahr. Es sind die Hochdosisempfänger. Die Hälfte dieser Kinder (2 Prozent, n = 3) bekommt über ein Jahr eine Wirkstoffmenge, die für eine Behandlung mit mehr als der Maximaldosis von 1,0 mg/kg Körpergewicht ausreichend wäre (nicht dargestellt). Diese zwei Prozent der Methylphenidatempfänger sind wahrscheinlich überdosiert.
Diskussion
Die Untersuchung wurde auf der Basis einer pseudonymisierten Versichertenstichprobe der AOK Hessen und der KV Hessen durchgeführt. Es handelt sich um eine randomisiert gezogene Stichprobe aus einer „natürlichen“ Bevölkerung, das heißt sie unterliegt keiner krankheitsbezogenen Selektion (wie zum Beispiel praxisbezogene oder krankenhausbezogene Erhebungen) und keiner Selbstselektion [Antwortverweigerer]). Die Daten liegen für jeden Versicherten kontinuierlich aus allen aufgesuchten medizinischen Einrichtungen vor, ein Erinnerungsbias entfällt. Die Daten sind pseudonymisiert, ein Rückschluss oder Rückgriff auf den konkreten Patienten (zum Beispiel Nachuntersuchung) ist nicht möglich. Jede der gesetzlichen Krankenkassen hat bestimmte Schwerpunkte ihrer Klientel, so auch die AOK, als die größte Primärkasse.
Der Vergleich der Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung mit den Verbrauchsdaten des Arzneiverordnungs-Reports, der eine repräsentative Stichprobe von Rezepten aus allen GKV-Kassen der Bundesrepublik aufarbeitet, zeigt, dass der Methylphenidatgebrauch von 1998 auf 2000 im gleichen Verhältnis (um das Zweieinhalbfache), angestiegen ist, wie im Bundesdurchschnitt (15). Auswertungen auf der Basis von Daten der GEK (Gmünder Ersatzkasse) kommen bei Kindern zu einer Behandlungsprävalenz vergleichbarer Größenordnung (8). Man kann also davon ausgehen, dass der hier geschilderte Methylphenidatgebrauch für Deutschland verallgemeinbar ist. Aus Arzneimitteldaten der GKV wird weiterhin ersichtlich, dass der Methylphenidatgebrauch in Hessen nur leicht unter dem entsprechenden Bundesdurchschnitt liegt. Damit ist auch ein regionaler Bias auszuschließen.
Der Verbrauchsanstieg betrifft alle Altersbereiche zwischen 6 und 15 Jahren gleichermaßen. Es zeigt sich aber, dass im Vorschulalter eine Methylphenidatbehandlung kaum erfolgt und die Indikation hier entsprechend den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sehr zurückhaltend gestellt wird. Der gleiche Befund gilt für ältere Jugendliche und junge Erwachsene. Dies bedeutet, dass für diese Altersgruppe noch eine unklare Indikationsstellung besteht, und sowohl diagnostische als auch therapeutische Leitlinien speziell für diesen Altersbereich entwickelt werden müssten (1).
Die hier vorgestellten Behandlungsprävalenzen mit Methylphenidat stehen in einem nachvollziehbaren Verhältnis zu Angaben zur Erkrankungshäufigkeit des ADHS in repräsentativen Stichproben. Auf der Basis von ICD-9 stellten Esser et al. (1990) in einer deutschen Stichprobe für Jungen im Alter von 8 Jahren bei 8,3 Prozent und fünf Jahre später im Alter von 13 Jahren bei 3 Prozent aller Jungen eine hyperkinetische Störung fest (5). In einer bundesweit repräsentativen Stichprobe wurden die hyperkinetischen Kernsymptome wie Unruhe, Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität im Urteil der Eltern bei 3 Prozent bis knapp 10 Prozent aller 4- bis 10-jährigen Kinder als deutlich ausgeprägt vorhanden eingestuft (9). Brühl et al. (2000) ermittelten bei deutschen Kindern im Altersbereich von 6 bis 10 Jahren für eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung nach DSM-IV eine Diagnoseprävalenz von 6 Prozent und für eine hyperkinetische Störung nach ICD-10 von 2,4 Prozent (3). Insofern geht es vor allem darum, auch für den deutschsprachigen Raum die von Angold (2000) angestoßene Diskussion aufzunehmen, ob die richtigen Kinder die Medikation erhalten (2).
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass für die Kinder mit Methylphenidatverordnung im Jahr 2000, für die Krankenscheine mit Diagnosen (ICD-10) vorliegen (n = 239), gefragt werden kann, mit welcher Diagnose der Arzt seine Verordnung begründet hat. 88 Prozent erhielten die Diagnose F90 hyperkinetische Störung, die als Indikation für die Verordnung gilt, weitere 2 Prozent erhielten Diagnosen aus F91 oder F92 Störung des Sozialverhaltens. Immerhin 10 Prozent erhielten Diagnosen, die nicht als Indikation angesehen werden können. Auch für die 88 Prozent behandelter Kinder mit der Diagnose eines Vollbildes HKS auf dem Krankenschein gilt noch die von Angold et al. (2000) und Döpfner, Lehmkuhl (2002) gestellte Frage, ob denn die diagnostischen Kriterien für eine hyperkinetische Störung erfüllt sind (2, 4), denn nur dann ist die Indikation für eine Methylphenidatverordnung gegeben. Diese Frage lässt sich jedoch mit dem hier zur Verfügung stehenden Datensatz nicht beantworten.
Neben dem Problem der Indikationsstellung sind auch Verlaufskontrolle und Compliance von entscheidender Bedeutung für eine gute Behandlung. In der Stichprobe der Autoren wurde einem Fünftel der Kinder nur ein Rezept ausgestellt, und nur knapp die Hälfte der Methylphenidatempfänger erhielt im Verlauf des ersten Behandlungsjahres eine Wirkstoffmenge, die für mehr als vier Monate ausreichte. Daher sollten Compliance und Verlaufskontrolle gezielt untersucht werden. Auch die Frage der Hochdosisempfänger, die in dieser Stichprobe knapp vier Prozent und die der Maximaldosisempfänger, die knapp zwei Prozent ausmachen, ist nicht zu vernachlässigen und legt eine Überprüfung der Praxis nahe, wie Stimulanzien titriert und hinsichtlich ihrer Effekte im Verlauf kontrolliert werden. Döpfner und Lehmkuhl (4) schlagen ein Gesamtkonzept
für ein integriertes Gesundheitsmanagement für Kinder und Jugendliche und Erwachsene mit ADHS vor, das neben evidenzbasierten Leitlinien zur Früherkennung, Prävention, Diagnostik und Therapie vor allem individuelle therapeutische Interventionen auf der Grundlage evidenzbasierter Behandlungsansätze beinhalten müsste (4).

Die Autoren danken der AOK Hessen und der KV Hessen, die ihre Daten für eine wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung gestellt haben und Zeit sowie know-how in die Datenerfassung für die „Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen“ investierten. Die Autoren danken dem Begleitgremium, dem Vertreter der AOK Hessen, der KV Hessen und des hessischen Sozialministeriums für anregende Fragestellungen und konstruktive Diskussionen.

Manuskript eingereicht: 17. 6. 2002, revidierte Fassung angenommen: 17. 9. 2002

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 41–46 [Heft 1–2]

Literatur
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 2. Angold A, Erkanli A, Egger HL, Costello EJ: Stimulant treatment for children: A community perspective: J AM ACAD Child Adolesc. Psychiatry 2000; 39: 8: 975–984.
 3. Brühl B, Döpfner M, Lehmkuhl G: Der Fremdbeurteilungsbogen für hyperkinetische Störungen (FBB-HKS) – Prävalenz hyperkinetischer Störungen im Elternurteil und psychometrische Kriterien: Kindheit und Entwicklung 2000; 9: 115–125.
 4. Döpfner M, Lehmkuhl G: Editorial: ADHS von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter – Einführung in den Themenschwerpunkt. Kindheit und Entwicklung 2002; 11: 67–72.
 5. Esser G, Schmidt M, Woerner W: Epidemiology and course of psychiatric disorders in school age children – Results of a longitudinal study. J Child Psychol Psychiat 1990; 31: 243–263.
 6. Ferber L von, Behrens J, eds.: Public Health Forschung mit Gesundheits- und Sozialdaten – Stand und Perspektiven. Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 11. Sankt Augustin: Asgard-Verlag 1997.
 7. Fricke U, Günther J: Methodik der ATC-Klassifikation und DDD Festlegung für den deutschen Arzneimittelmarkt, eds. WIdO, Bonn 2001.
 8. Glaeske G, Janhsen K: GEK-Arzneimittel-Report 2001. Auswertungsergebnisse der GEK-Arzneimitteldaten aus den Jahren 1999–2000. Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 20. Sankt Augustin: Asgard-Verlag 2001.
 9. Lehmkuhl G, Döpfner M, Plück J et al.: Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten und somatischer Beschwerden bei 4- bis 10- jährigen Kindern in Deutschland im Urteil der Eltern – Ein Vergleich normorientierter und kriterienorientierter Modelle. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 1998; 26: 83–96.
10. Olfson M, Marcus SC, Weissman MM, Jensen PS: National trends in the use of psychotropic medications by children: J Am Acad Child Adolesc. Psychiatry 2002; 41: 514–520.
11. Resch F, Rothenberger A: Editorial. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie 2002; (im Druck).
12. Safer DJ, Zito JM, Fine EM: Increased Methylphenidate usage for attention deficit disorder in the 1990s: Pediatrics 1996; 98: 1084–1088.
13. Schubert I, Lehmkuhl G, Spengler A, Döpfner M, Ferber L von: Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen. Verordnungen in den 90er-Jahren. Dtsch Arztebl 2001; 98: A 541–544 [Heft 9].
14. Stellungnahme der Fachverbände für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Deutschland zur Behandlung hyperkinetischer Störungen im Kindesalter mit Methylphenidat (Ritalin) 25. 5. 2001 http://www.bkjpp.de/forum/for199/stnrital.htm
15. Schwabe U, Paffrath D, eds.: Arzneiverordnungs-Report 1999, 2000, 2001. Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag.

Anschrift für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Liselotte von Ferber
Forschungsgruppe Primärmedizinische Versorgung
der Universität zu Köln
Herderstraße 52
50931 Köln

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