ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2003Präventionspotenzial endoskopischer Vorsorgeuntersuchungen für kolorektale Karzinome: Detaillierte Angaben fehlen

MEDIZIN: Diskussion

Präventionspotenzial endoskopischer Vorsorgeuntersuchungen für kolorektale Karzinome: Detaillierte Angaben fehlen

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-48 / B-46 / C-45

Popert, Uwe

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Als Grundlage für ein neu einzuführendes Massenscreening ist der Artikel leider nicht ausreichend. Es fehlen detaillierte Angaben zu absoluten Risiken, Nutzen und Kosten der vorgeschlagenen Intervention.
Im Gegensatz zu der von den Autoren erwähnten Abstrichuntersuchung der Cervix Uteri handelt es sich bei der Koloskopie um eine Untersuchung mit nicht nur nennenswerten Unannehmlichkeiten, sondern auch potenziellen schweren Zwischenfällen wie Darmperforationen und Blutungen. Gerade wenn – wie die Autoren selbst angeben – bisher keine validen Daten aus randomisierten prospektiven Interventionsstudien vorliegen, so ist die Nennung der bisher besten Evidenzen zu diesen Daten (CONSORT-Kriterien!) für ein Projekt dieser Größenordnung sicherlich ein „Muss“ und für Epidemiologen eigentlich selbstverständlich.
Eine adqäquate Nutzen-Risiko-Aufklärung wird auch von den Juristen gerade bei präventiven Interventionen in höherem Ausmaß gefordert; im Schadensfalle führt eine mangelhafte Aufklärung schnell zu Urteilen zu Ungunsten des Arztes; mindestens aber zu einer Beweislastumkehr.
Aus den mir vorliegenden Daten habe ich die geläufigsten Risikoparameter kalkuliert; sollten die Fachautoren über bessere Zahlen verfügen, so mögen Sie diese bitte an dieser Stelle benennen.
Verbindet man die aus der Literatur bekannte Rate an schweren Komplikationen (1 : 2 000) (1) mit den altersentsprechenden Prävalenzen von Darmkrebs und großen Polypen (Zahlen aus dem Saarland) (2), so ergibt sich in der Altersgruppe von 55 bis 59 Jahren bei Frauen eine Rate von 0,4, beziehungsweise 1,4 bei Männern an schweren Komplikationen je früher entdecktem Darmkrebs. (Schwere Komplikation ist hier als nichttödliche schwere Blutung oder Darmperforation zu verstehen).
Brenner et al. zitieren zwei Kohortenstudien mit Koloskopie-Screening; die von Citarda et al. zeigt eine 66-prozentige Risikoreduktion in zehn Jahren, die andere (von Winawer et al.) zeigt eine 76- bis 90-prozentige Risikominderung in fünf Jahren. (Die Ergebnisse der Fall-Kontroll-Studie von Brenner entsprechen diesen Zahlen.) Nimmt man den bestmöglichen Fall an (75-prozentige Risikoreduktion in zehn Jahren), dann ergibt sich folgende Number-Needed-to-Harm (NNH): 0,4 (0,2) schwere Komplikationen bei 55- bis 59-jährigen Frauen (Männern) für jeden verhinderten Fall von Darmkrebs.
Die Kosten für das Screening liegen in der genannten Hauptzielgruppe bei über 130 000 Euro (bei über 77 000 Euro) je verhindertem Kolonkarzinom bei Frauen (bei Männern) (Kosten je Darmspiegelung mindestens 171,20 Euro [EBM-Ziffer 154 + 156 bei Punktwert 4 Cent]).
Mit zunehmendem Alter werden die Prävalenzen höher und damit die Rate von Komplikationen beziehungsweise die Kosten je Präventionserfolgen günstiger. Allerdings erscheint es wenig sinnvoll, bei einem Alter über 70 Jahren noch derartige Langzeitprävention zu betreiben. Zahlen dazu liegen mir allerdings nicht vor.
Vermutlich sehen realistische Zahlen eher ungünstiger aus, denn entsprechend der Bayesschen Wahrscheinlichkeitsrechnung und unter Alltagsbedingungen verschlechtern sich bei seltenen Erkrankungen die Vorhersagewerte deutlich.

Literatur
1. Scholefield JH: ABC of colorectal cancer. Screening. BMJ 2000; 321: 1004–1006.
2. http://www.rki.de/GBE/KREBS.HTM?/GBE/KREBS/
ALTERSVERTEILUNG/ALTERSVERTEILUNG2002.
HTM&1.

Uwe Popert
Dörnbergstraße 21
34119 Kassel

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige