ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2003Privatstation: All inclusive

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Privatstation: All inclusive

Dtsch Arztebl 2003; 100(1-2): A-64 / B-60 / C-60

Feld, Michael

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Foto: Becker&Bredel
Foto: Becker&Bredel
Der moderne Kettenhund – satt, sicher, sauber, unfrei – heißt Privatassistent: Erfüllungsgehilfe des Chefarztes, Mädchen für alles, was andere wollen. So ging es auch dem Peter. Morgens war er der Erste im Haus, abends der Letzte. Während die Arztkittel der Kollegen immer leicht angegammelt aussahen, war Peters Kittel stets tadellos, weiß, gestärkt und akkurat. Bei ihm achtete der Chef darauf. Peter musste für alles herhalten. Manchmal, wenn es mit dem Bettenwechsel der Patienten schnell gehen musste und die Schwestern keine Zeit hatten (oder keine Lust), putzte Peter auch schon mal selbst das Nachttischchen ab, damit der nächste „Private“ zügig sein Zimmer beziehen konnte. Der Chef sagte immer: „Ein Arzt darf sich für nichts zu schade sein.“ Der Chef wollte vieles von Peter, denn Peter war sein Einkommensgarant. Peters Vorgänger hatte immer gesagt: „Wenn es dem Chef gut geht, dann geht es mir auch gut.“ Bei Peter war das anders. Der Chef hatte sich bei seinem dritten und jüngsten Hauskauf etwas weit aus dem pekuniären Fenster gelehnt, weshalb er Peter
die Poolbeteiligung wegstrich. Ganz. Hatte ihm sein Steuerberater empfohlen.
Peter musste zweimal am Tag Visite machen, einmal mit, einmal ohne den Chef, der aber trotzdem zweimal bei den Privatkassen liquidierte. Den 3,5fachen Satz. Schließlich war er der Chef. Der Chef hatte immer so ein kleines Sauerstoff-Messgerät für den Finger in der Tasche – genau wie Peter. Dem hatte er eines geschenkt. Warum, kapierte Peter früh. Der Chef konnte die Sauerstoffmessung täglich abrechnen. Auch, wenn Peter sie machte. Der Chef machte sie bei allen, egal, ob der Patient wegen Bauchschmerzen oder Schwindel kam. Manchmal kam es vor, dass ein Patient dem Chef den Finger nicht geben konnte oder wollte. Da wur-de der Chef dann schon mal böse und nahm sich den Finger einfach. Der Chef sagte immer: „Salus aegroti suprema lex.“ Die Gesundheit des Kranken ist oberstes Gebot. Und was zur Gesundung gehörte, das bestimmte er selbst. Schließlich war er der Chef.
Ja, manchmal konnte der Chef sauer werden. Zum Beispiel, wenn die Entlassbriefe nicht noch in derselben Woche rausgingen. Eng wurde es immer, wenn die Chefsekretärin, die die Briefe in der Regel tippte, in Urlaub war. Dann musste Peter selber tippen. „Ein Arzt darf sich für nichts zu schade sein.“ Wenn etwas nicht so klappte, wie der Chef es angeordnet hatte, empfand das der Chef als Affront. Er war schließlich der Chef.
Peter kannte sich „auf Station“ gut aus. Er wusste, wo alles war. Auch, wo die Mineralwasserflaschen standen, die stillen, die nur für die „P“ waren. Er wusste es, weil er sie öfters mal holte. Für die „P“. Dann, wenn die Schwestern Übergabe hatten. Oder Frühstück. Oder Mittag. Oder keine Lust. Es war für Peter das kleinere Übel. Wenn sich nämlich eine „P“ auf der Abendvisite beim Chef darüber beschwerte, dass sie eine Stunde auf ihr stilles Wasser warten musste, bekam Peter Ärger. Er war schließlich der Stationsarzt. Der Chef sagte immer: „Voluntas aegroti suprema lex.“ Der Wille des Kranken ist oberstes Gebot.
Dr. med. Michael Feld
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