ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2003EBM 2000plus: „Was die Kassen wollen, ist absurd . . .“

POLITIK

EBM 2000plus: „Was die Kassen wollen, ist absurd . . .“

PP 2, Ausgabe Januar 2003, Seite 10

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Bernhard Eifrig
Foto: Bernhard Eifrig
Weil sich Krankenkassen und KBV nicht auf eine neue
Gebührenordnung einigen konnten, muss jetzt das Schiedsamt entscheiden.

DÄ: Herr Dr. Köhler, die KBV will erstmals eine neue Gebührenordnung über den Erweiterten Bewertungsausschuss, das Schiedsamt auf Bundesebene, durchsetzen. Warum?
Köhler: Kurz gesagt, weil der EBM 2000plus gut ist und weil wir mit den Praxisbudgets nicht mehr leben können.

DÄ: Immerhin gibt es die aber schon seit rund fünf Jahren.
Köhler: Stimmt, aber sie waren von Anfang an nicht richtig konstruiert und immer nur als Übergangslösung gedacht. Heute noch sind ja nur 16 von 39 relevanten Arztgruppen in die Praxisbudgets eingebunden. Außerdem hat uns das Bundessozialgericht gezwungen, die Kostensätze, die auf der Bundesebene festgelegt werden, zu überprüfen und anzupassen.

DÄ: Und das wollen Sie nicht?
Köhler: Nein. Wir haben das überprüft und festgestellt, dass bei nahezu allen Arztgruppen massive Änderungen notwendig wären. Das können und wollen wir den Ärzten nicht zumuten. Man darf auch nicht übersehen, dass den Vertragsärzten im Bundesdurchschnitt schon jetzt 16 Prozent ihrer Leistungen schlicht und einfach nicht vergütet werden. Mit der Neustrukturierung des stationären Vergütungssystems ist zudem voraussehbar, dass sehr viele ärztliche Leistungen in den ambulanten Bereich verlagert werden. Unter den Praxisbudgets würden wir diese Mehrleistungen erbringen müssen, ohne dass es irgendjemand bemerkt oder wir dokumentieren können, welcher Mehrbedarf, der auch finanziell bedient werden muss, entsteht. Das ist nicht tolerabel.

DÄ: Wenn nun aber das Schiedsamt die Verlängerung der Praxisbudgets beschließen würde?
Köhler: Dann würden die Fallpunktzahlen nach einer Anpassung der Kostensätze so niedrig ausfallen, dass viele Vertragsärzte bei der Behandlung eines Patienten nicht einmal mehr die Ordinationsgebühr nach der Nr. 1 vollständig abrechnen könnten. Die Folgen liegen auf der Hand: eine elementare Leistungsverknappung – spürbar vor allem für die Patienten. Würden die Krankenkassen das erkennen, hätten sie selbst kein Interesse mehr daran, die Praxisbudgets fortzuführen.
DÄ: Das Interesse der Krankenkassen am EBM 2000plus scheint aber auch nicht sonderlich hoch zu sein. Sie lehnen den KBV-Entwurf ab.
Köhler: Für uns stehen die Interessen der Ärzte und die Qualität der Gesundheitsversorgung im Vordergrund. Die Krankenkassen orientieren sich hingegen ausschließlich an ihrem Kostenmanagement, an dem Ziel, für möglichst wenig Geld möglichst viele ärztliche Leistungen zu bekommen. Das kann ich ja verstehen, aber sollen wir uns dem beugen?

DÄ: Wer bei Nullrunden für mehr Qualität und bessere Vergütung werben will, muss überzeugende Argumente haben – erst recht vor einem Schiedsamt.
Köhler: Ich denke, die haben wir. Der EBM 2000plus ist ja nicht über Nacht entstanden. Wir arbeiten seit 1998 sehr intensiv an dieser neuen Gebührenordnung. Wie intensiv, das können Sie daran ablesen, dass die jetzt vorgelegte Fassung der 52. Entwurf insgesamt ist. Wir haben den EBM Schritt für Schritt entwickelt. Wesentliches Ziel war und ist es, die Bewertung der ärztlichen Leistungen auf eine durchgängige, systematisch saubere, betriebswirtschaftliche Grundlage zu stellen und zu dokumentieren, was der Wert einer ärztlichen Leistung ist.

DÄ: Und die Vorteile für den Arzt?
Köhler: Der Arzt findet alle Leistungen seiner Arztgruppe in einem Kapitel vor. Es wird nicht mehr einen EBM geben, sondern jede Arztgruppe erhält ihren eigenen EBM. Die Kollegen müssen nicht mehr suchen, auch nicht mehr die Abrechnungsausschlüsse. Wenn sie nach kurzer Zeit in die neue Form der Leistungsbeschreibung eingearbeitet sind, werden sie ganz genau wissen, welche Teilschritte zu erbringen sind, um eine Leistung zu berechnen. Und: Der Arzt kennt künftig auch die Zeit, die mit dieser Leistung verbunden ist. Er weiß, wie sie kalkuliert ist, und kann seine Arbeitsabläufe darauf einstellen. Außerdem haben wir die Beschreibungen der Leistungen wesentlich vereinfacht und präzisiert, um Unwägbarkeiten, die häufig zur Falschanwendung des EBM führten, zu beseitigen.

DÄ: Sie glauben also, dass Ihr EBMKonzept auch von den Ärzten „vor Ort“ akzeptiert wird?
Köhler: Im Allgemeinen schon, insbesondere seit der Kassen-EBM bekannt ist. Wir haben unseren EBM-Entwurf ja immer wieder in allen Stadien in vielen, vielen Gesprächen mit den Berufsverbänden, mit einzelnen Gruppen von Vertragsärzten, sogar mit einzelnen Vertragsärzten und natürlich mit den beratenden Fachausschüssen abgestimmt. Wir sind fest davon überzeugt, dass sich auch der Vertragsarzt mit dieser neuen Gebührenordnung identifizieren kann.

DÄ: Sie erwähnten den Gegenentwurf der Krankenkassen.
Köhler: Ja, die kürzeste Charakterisierung wäre die, dass dieses Kassenkonzept absurd ist. Jegliche Abbildung von Morbidität und Leistungsgeschehen ist darin völlig praxisfern erfolgt. Die Krankenkassen wollen allen Ernstes Leistungsbewertungen, die noch unter denen des derzeit gültigen EBM liegen. Mir verschließt sich zum Beispiel völlig, wie künftig eine Mamma-Sonographie mit 135 Punkten, die im günstigsten Fall derzeit gerade mal 5 Euro darstellen, erbracht werden soll. Die Krankenkassen haben im Grunde genommen kein eigenes Konzept erarbeitet. Sie haben einfach einen unserer ersten, noch sehr unvollständigen Entwürfe genommen und die Bewertungen willkürlich abgesenkt. Wenn Sie eine passende Überschrift für das Modell der Krankenkassen suchen, hier ist sie: „Spar-EBM“!

DÄ: Dennoch wollen die Krankenkassen in naher Zukunft über Direktverträge mit den Ärzten ins Geschäft kommen.
Köhler: Jeder Vertragsarzt sollte sich vorher einmal diesen Kassen-EBM genau ansehen. Dann wird er wissen, wie viel die Kassen bereit sind zu zahlen. Besser gesagt: wie wenig! Das wird ihn dann sehr schnell davon abhalten, einen Direktvertrag abzuschließen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Krankenkassen auf Dauer andere Vergütungen als die, die sie sich jetzt in diesem EBM vorstellen, in Direktverträgen akzeptieren würden. Vielleicht als Lockangebote am Anfang, aber mit der Zeit werden sie das Vergütungsniveau zurückfahren, und am Ende arbeitet der Vertragsarzt im Direktvertrag mit einem Hilfsarbeitergehalt.

DÄ: Das Schiedsamt muss aber nun entscheiden, ob es einen neuen EBM geben wird und welcher es denn sein soll. Nennen Sie doch einmal zwei, drei gute Gründe, warum man an Ihrer Vorlage nicht vorbeikann.
Köhler: Den wichtigsten Grund habe ich schon erwähnt: Wir können eine saubere, durchgängige Bewertungssystematik nachweisen. Das sind die Krankenkassen schuldig geblieben. Wir erfüllen den gesetzlichen Auftrag – auch im Hinblick auf die Komplexierung. Unser EBM ist an der Versorgungsqualität ausgerichtet. Schließlich berücksichtigen wir auch die Kritik des Sachverständigenrates weitaus stärker, als es die Krankenkassen tun.

DÄ: Außer der KBV und den Kassen befasst sich derzeit noch jemand mit einer neuen Vergütungsordnung: Die Bundesregierung denkt an Fallpauschalen für Fachärzte und Kopfpauschalen für Hausärzte.
Köhler: Wir sind vorbereitet. In unserem Entwurf sind die fachärztlichen Leistungen bereits stark fallpauschaliert. Auch das Gros der hausärztlichen Leistungen ist in eine fall- beziehungsweise kopfzahlabhängige Pauschale eingebettet. Früher oder später wird auch die Bundesregierung erkennen, dass mehr und stärker zu pauschalieren gar nicht geht. Deswegen entspricht unser EBM schon dem Konzept, das die Regierung will. Wir wären zwar in der Lage, noch stärker zu pauschalieren – dann allerdings zulasten der Transparenz, die aber wiederum von der Politik gewünscht wird.

DÄ: Die Fallpauschalen im Krankenhaus und die Systematik des EBM 2000- plus sind demnach kompatibel?
Köhler: Früher oder später werden wir eine durchgängige Vergütungssystematik haben. Bei den ambulanten Operationen haben wir das jetzt schon abgebildet. Wir werden allerdings die Bewertungsfindung noch angleichen müssen. Wir arbeiten mit normativen Kosten; bei den DRGs im Krankenhaus wird mit Ist-Kosten gearbeitet. Da müsste noch ein Konsens gefunden werden. Ansonsten sind die beiden Systeme sehr gut anpassbar.

DÄ: Das heißt, die Vergütungssätze im Krankenhaus werden höher sein?
Köhler: Bei der Bewertungsfindung, den den DRGs zugrunde liegt, zurzeit eindeutig ja. Das zeigt aber auch die Leistungsfähigkeit der ambulanten Versorgung, insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit in einer durchgängigen Vergütungssystematik.

DÄ: Herr Dr. Köhler, bald ist Weihnachten. Wenn bei Ihnen ein schön verpacktes EBM-Paket unter dem Tannenbaum liegen würde, was müsste da denn drin sein?
Köhler: Das ist nicht schwer zu beantworten. Da müsste der Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses drin sein, dass der EBM 2000plus am 1. Januar 2004 in Kraft tritt.Und da müsste noch ein verbindlicher Vermerk zu finden sein, wonach die vertragsärztlichen Leistungen aufgrund der sauberen betriebswirtschaftlichen Kalkulation der neuen Gebührenordnung fortan mit 5,11 Eurocent vergütet werden. Die Fragen stellte Josef Maus.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema