ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2003Richtlinien: Falsches Argument
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In dem Bericht über die Diskussion zur Arbeit des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) wird als Kritik am WBP das immer wieder vorgetragene Argument genannt, dass „die unter Praxisbedingungen festgestellte Wirksamkeit und die nach kontrolliert randomisierten Studien ermittelte Wirksamkeit“ als gleichwertig angesehen werden müssen bzw. die Praxiserfahrungen eher höherrangig einzuordnen seien.
Dieses Argument ist falsch, es steht im Widerspruch zu einer langjährigen Forschungstradition hinsichtlich der Wertigkeit von Anwendungsbeobachtungen, und es wird auch dadurch nicht richtig, dass es immer wieder erneut ins Feld geführt wird. Es gibt in der Therapieevaluationsforschung eine jahrzehntelange Erfahrung und Diskussion bezüglich der Frage, inwieweit Daten von Anwendungsbeobachtungen, d. h. sog. „Praxiserfahrungen“, als Wirksamkeitsbeleg für eine Therapiemethode verwendet werden können. Anwendungsbeobachtungen können fraglos sehr wichtige Informationen im Rahmen der Therapieevaluation liefern, beispielsweise zur Versorgungsepidemiologie. Auf diese Art kann aber kein gesicherter Wirksamkeitsnachweis geführt werden. Jeder einschlägig Erfahrene weiß, dass auch bei Nichtbehandlung relevante Besserungen im Zustand von Patienten über die Zeit hin zu beobachten sind (z. B. Placebowirkungen in kontrollierten Studien) und es gelegentlich auch Patienten trotz Besserung mit Therapie schlechter geht als ohne. So werden bei Praxis- oder Anwendungsbeobachtungen grundsätzlich Erfolgsraten von über 80 bis 90 % berichtet, gleichgültig, was beobachtet wird. Es wurde von Herstellern von Arzneimitteln mit nicht nachweisbarer Wirkung immer wieder versucht, Praxisbeobachtungen an die Stelle kontrollierter Therapieprüfungen zu setzen. Es spricht nicht für die Dignität der Diskussion über die Wirksamkeit von Psychotherapie, wenn dieselben Argumente jetzt mit Blick auf die Psychotherapie ins Feld geführt werden. Die Evaluation von Therapieverfahren ist ein zentrales Element des Patientenschutzes. Es ist nachvollziehbar, dass gelegentlich Verkaufsinteressen hinsichtlich bestimmter Methoden die Diskussion mit prägen. Dies darf aber nicht Entscheidungen eines Gremiums wie des WBP bestimmen.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. Michael Linden, Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation am UKBF der Freien Universität Berlin, Rehabilitationsklinik Seehof der BfA, Lichterfelder Allee 55, 14513 Teltow/Berlin
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige