ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2003Kongress „Klinische Emotionsforschung“: Bedeutung der Emotion noch zu wenig beachtet

WISSENSCHAFT

Kongress „Klinische Emotionsforschung“: Bedeutung der Emotion noch zu wenig beachtet

PP 2, Ausgabe Januar 2003, Seite 33

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Gesichtsmimik kann als Indikator für die Beziehungsregulation zwischen Therapeut und Patient sowie auch zur Diagnose psychischer Störungen eingesetzt werden.

Über die große Bedeutung einer funktionierenden Beziehung zwischen Patient und Therapeut für den Verlauf und Erfolg der Psychotherapie sind sich alle Therapieschulen einig. Doch was eine „gute“ Beziehung ist und wie sie zustande kommt, wird kontrovers diskutiert. Zur Einschätzung der Beziehungsqualität werden verschiedene Verfahren herangezogen, wie zum Beispiel die Analyse sprachlicher Mitteilungen in Interaktionen oder Interviews, der Körperhaltung oder physiologischer Messwerte. Jedes Verfahren erbringt seine eigene Systematik von Emotionen. Einige Verfahren sind eng mit der jeweiligen Perspektive von Patienten, Therapeuten oder Beobachtern verknüpft. Ein Problem, das mit Verfahren der Selbst- und Fremdbeobachtung einhergeht, ist die hohe Subjektivität. Höhere Objektivität bei der Einschätzung der Beziehungsqualität und einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet die Analyse nonverbaler Zeichen, insbesondere der Gesichtsmimik. Emotionen im psychotherapeutischen Prozess, insbesondere in der Interaktion von Therapeut und Patient war ein Schwerpunktthema des Internationalen Kongresses „Klinische Emotionsforschung“ zu dem sich Anfang Oktober 2002 Emotionsforscher aus verschiedenen Ländern an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken versammelten. Ausgerichtet wurde der Kongress vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie unter der Leitung von Prof. Dr. Rainer Krause.
Es wird angenommen, dass zwischen inneren Zuständen und gezeigtem Verhalten eine sehr enge Verbindung besteht. Die Gesichtsmimik ist deshalb besonders aufschlussreich, weil sich in ihr die emotionalen Grundmuster und ihre Nuancen direkt und unmittelbar widerspiegeln. Die Messung der Gesichtsmimik erfolgt in der Regel über Video- und Computeraufzeichnungen (Split-Screen-Verfahren). Kurze Sequenzen werden dann mit dem Emotional Facial Action Coding System (EMFACS beziehungsweise FACS) ausgewertet. Dieses Verfahren beinhaltet zunächst eine detaillierte Beschreibung einzelner Muskelaktivitäten im Gesicht. In einem zweiten Schritt werden die so entstandenen Konfigurationen einzelner Muskelaktivitäten von einem Computerprogramm bestimmten Affekten zugeordnet.
Gesichtsausdruck kann auch gefälscht werden
An diesem Verfahren ist zu kritisieren, dass ein Gesichtsausdruck auch gefälscht werden kann. Doch es gehört einige Übung und schauspielerisches Talent dazu, um die Gesichtsmimik vollständig zu kontrollieren und gezielt zu verstellen. Da die meisten Therapiepatienten über solche Fertigkeiten nicht verfügen, gilt die Analyse des Gesichtsausdrucks als relatives valides Verfahren. Auf dieser Basis konnte die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Rainer Krause bereits einen eindeutigen Zusammenhang zwischen gegenseitiger Beziehungsregulation von Therapeut und Patient durch mimische Affekte und dem Erfolg von Psychotherapie belegen.
Die Gesichtsmimik eines Patienten wird aber nicht nur als Indikator für die Beziehungsregulation und -qualität, sondern auch zur Diagnose psychischer Störungen eingesetzt. So variiert die Übereinstimmung zwischen negativen Gefühlen und ihrem mimischen Ausdruck in Abhängigkeit von der jeweiligen mentalen Störung, wie Dr. Jörg Merten von der Universität Saarbrükken darstellte. Prof. Dr. Heiner Ellgring, Psychologisches Institut der Universität Würzburg, zeigte in seinem Vortrag auf, dass Abspaltungen von Gesichtsausdruck, innerem Erleben und emotionalem Ausdruck auf dissoziative Störungen hinweisen. Bei Psychosen stimmt wiederum der Gesichtsausdruck mit der Sprache nicht überein. Zu den emotionalen Auffälligkeiten bei psychotischen Störungen gehört außerdem, dass die Betroffenen die eigenen Gefühle nur in reduziertem Maß ausdrücken können und die Gefühle anderer Personen kaum verstehen. Bei nichtpsychotischen Störungen stehen hingegen Verschiebungen im Affektspektrum im Vordergrund. Die Betroffenen zeigen ein Übermaß an negativen Affekten wie Ärger und Angst bei gleichzeitigem Mangel an positiven Affekten wie Freude. Patienten mit psychosomatischen Störungen wird hingegen eine generelle Reduzierung emotionaler Qualitäten unterstellt (emotionale Blindheit oder Alexithymie). „Bei neurologischen Störungen weicht der mimische Affektausdruck vom inneren Erleben ab“, berichtet Ellgring und benennt als Beispiel Parkinson-Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht in der Lage sind, ihre Gefühlswelt adäquat auszudrücken.
Über die Funktion von Emotionen, Emotionsstörungen und ihre Therapie referierte Prof. Dr. Gerd Rudolf, Psychoanalytiker und Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg. „Für Psychotherapeuten der meisten Schulrichtungen – vor allem für psychoanalytisch orientierte Therapeuten – ist es selbstverständlich, dass der therapeutische Prozess sehr viel Emotionales beinhaltet“, sagt Rudolf. So müssten sich Patienten mit neurotischen Störungen mit ihren beiseite gehaltenen Affekten konfrontieren und sie aushalten. Patienten mit persönlichkeitsstrukturellen Störungen hätten zu lernen, abgespaltene Affekte zu integrieren und verschleierte Affekte wahrzunehmen. In diese Prozesse werden auch die Therapeuten unmittelbar einbezogen. Sie müssten häufig sehr heftige negative Impulse und Affekte, die von den Patienten ausgehen, annehmen und akzeptieren.
Rudolf berichtete auch über Ergebnisse aus dem Graduiertenkolleg „Klinische Emotionsforschung“ und ging dabei auf eine Studie ein, die die Grenzen der Mimikanalysen aufzeigt. Danach zeigen psychisch gestörte Patienten viele Emotionen, die mit den gängigen Listen der Grundaffekte nicht ermittelt werden können. „Das bedeutet, dass die im Rahmen von Mimikanalysen gefundenen Affektqualitäten alleine nicht ausreichen, um die typische Emotionalität psychisch Gestörter zu erfassen“, meint Rudolf. Die Befunde der Emotionsforschung weisen darauf hin, dass psychische Störungen in starkem Maße durch emotionale Auffälligkeiten gekennzeichnet sind. Sie sind nach Rudolf besser zu verstehen, wenn sie nicht als isolierte Veränderung einzelner Affekte, sondern als Bestandteil des Beziehungsgeschehens gesehen werden. Da sie in engem Zusammenhang mit primären psychischen Störungen stehen und sich unmittelbar und evident mitteilen, können sie als Indikatoren und Outcome-Kriterien für Psychotherapien herangezogen werden.
Erkenntnisse zum Verständnis psychischer Störungen
Zusammenfassend zeigte der Kongress, dass die Emotionsforschung ihren Kinderschuhen bereits entwachsen ist. Dennoch werden die Bedeutung und Rolle der Emotionen für die kognitiven
Funktionen und die Verhaltensregulation immer noch zu wenig beachtet, sowohl von den psychologischen Disziplinen als auch von anderen Fachgebieten. Viele Verfahren befinden sich noch in der Erprobungsphase, doch die Berichte der Forscher zeigen auch, dass bereits einige wichtige Erkenntnisse gewonnen werden konnten, die das Verständnis psychischer Störungen und des therapeutischen Prozesses in Zukunft maßgeblich verbessern könnten. Marion Sonnenmoser

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Rainer Krause, Telefon: 06 81/3 02–32 53,
E-Mail: r.krause@mx.uni-saarland.de
Internet: emotions.psychologie.uni-sb.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema