ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2003Posttraumatische Belastungsstörungen: Subjektives Erleben entscheidend

WISSENSCHAFT

Posttraumatische Belastungsstörungen: Subjektives Erleben entscheidend

PP 2, Ausgabe Januar 2003, Seite 36

Dlubis-Mertens, Karin

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LNSLNS Nicht alle, die nach einer Katastrophe um Unversehrtheit oder Leben fürchten mussten, benötigen Hilfe.

New York, Erfurt und Eschede stehen für gewaltige Unglücke „aus heiterem Himmel“: Viele Menschen verloren gleichzeitig ihr Leben, und zahlreiche Überlebende wurden psychisch traumatisiert. An posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) erkranken aber auch zehn Prozent der Opfer von schweren Verkehrs- oder Arbeitsunfällen und bis zu 50 Prozent der Frauen, die eine Vergewaltigung erleben mussten. Das Störungsbild der PTBS wurde in der Vergangenheit zu sehr mit der Erfahrung von Krieg und Katastrophen verknüpft, betonte Prof. Dr. med. Mathias Berger, Freiburg, auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.
In der Forschung stehe nicht mehr so sehr das traumatisierende Ereignis im Vordergrund, sondern vielmehr das subjektive Erleben. Selbst wenn die eigene Person unversehrt geblieben ist, können beispielsweise Unfallzeugen oder Feuerwehrleute eine PTBS entwickeln. Betroffene leiden unter „flash-backs“, unter quälenden Erinnerungen, die sie bei einem bestimmten Geräusch, einem Geruch, dem Klang einer Stimme plötzlich überfluten, sodass sie Teile der traumatisierenden Situation innerlich wieder erleben müssen – mit psychovegetativen Symptomen wie Schweißausbrüchen und Herzrasen. Häufig versuchen PTBS-Patienten alles zu vermeiden, was solche Erinnerungen auslösen könnte, und ziehen sich extrem zurück.
Bisher wurde eine PTBS meist dann behandelt, wenn sie bereits chronisch war, erklärte Berger. Beim DGPPN-Kongress ging es aber vor allem um die Frage, wie man nach einem Unfall oder auch nach einem schwerwiegenden medizinischen Eingriff psychische Belastungen erkennen kann, „bevor sie zu einer PTBS chronifizieren“. Skeptisch wurde das in den USA eingesetzte „debriefing“ betrachtet: Die Analyse der Erfurter Nachbetreuung hätte gezeigt, dass man nicht zwingend alle Beteiligten unmittelbar nach dem Erlebnis dazu auffordern sollte, über ihre Erfahrungen und Gefühle zu sprechen, zumal sie dabei aufwühlende Berichte anderer anhören müssten. Sinnvoller sei es dagegen, vorsichtig diejenigen zu identifizieren, die ein besonderes Risiko zeigen, und ihnen frühzeitig therapeutische Hilfe anzubieten.
Kognitive Verhaltenstherapie kann helfen
Auf die Diagnostik folgt die Beratung: Zunächst wollen die Patienten verstehen, was mit ihnen geschehen ist und warum ihr Körper oder ihre Psyche „wie betäubt“ reagieren. Wichtig sei, ihnen zu vermitteln, „dass sie nicht verrückt werden“, betonte Prof. Dr. med. Martin Driessen, Bielefeld. In der Behandlung würde neben Psychopharmaka häufig die Kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt. Zum einen gehe es darum, sich gedanklich mit der erlebten Situation auseinander zu setzen. Denn eine große Belastung geht laut Driessen von den wiederkehrenden Bruchteilen der Erinnerung aus, die die Patienten in der Regel nicht zu einem Ganzen zusammenfügen könnten. Erst, wenn es ihnen im Verlauf der Psychotherapie gelänge, die Gedächtnisfragmente in eine vollständige Erzählung zu integrieren, sei das Ereignis auch emotional bearbeitbar. Andererseits wird geübt, das massive Vermeidungsverhalten schrittweise abzubauen, um PTBS-Patienten wieder ein soziales Leben zu ermöglichen. Karin Dlubis-Mertens
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