ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2003Kunsthalle Emden: Konstanten, Brüche und Innovationen

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Kunsthalle Emden: Konstanten, Brüche und Innovationen

Krannich, Stephanie

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Hermann Max Pechstein, Hängematte I, 1919
Hermann Max Pechstein, Hängematte I, 1919
Die Ausstellung gibt einen umfassenden Überblick über den Akt in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Mit ihrer bislang umfangreichsten Sonderschau widmet sich die Kunsthalle in Emden dem wohl ältesten, reizvollsten und „brisantesten“ Thema der bildenden Künste: der Darstellung des nackten menschlichen Körpers. Die Ausstellung gibt einen umfassenden Überblick über den Akt in der Kunst des 20. Jahrhunderts, über eine bis dahin ungeahnte Erweiterung der inhaltlichen und formalen Ausdrucksmöglichkeiten dieses Genres.
Mehr als 200 Leihgaben aus internationalen Museen und aus Privatbesitz zeigen die Vielfalt der Aktkunst von der Klassischen Moderne bis zur Gegenwart von mehr als 90 Künstlern. Man findet dort große Namen wie Cé-zanne, Renoir, Picasso, Munch, Kirchner, Dix, Schiele, Mail-lol, Moore und Giacometti, zum Teil aber auch weniger bekannte Künstler. Die Variationsbreite ihrer künstlerischen Ausdrucksmittel spiegelt sich in Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Fotografien, Videoarbeiten und Installationen wider. Sie lassen die unterschiedlichsten Auseinandersetzungen der Künstler mit diesem Thema und den sie beschäftigenden Fragen erkennen. Dabei offenbaren sich Konstanten, Brüche und Innovationen.
Die Ausstellungsorganisatoren sahen bewusst von einer chronologischen oder stilistischen Gliederung ab, um spannungsreichere Gegen-
überstellungen ganz unterschiedlicher Kunstwerke zu inszenieren. Die sieben Themenbereiche: Akt und Tradition, Akt als Sprache des Körpers, Akt und Natur, Neuerfindung des Aktes, Akt und Gesellschaft, Essenz des Aktes, Akt als Selbstreflexion führen den Besucher durch die Ausstellung und offenbaren, wie different Ähnliches darstellbar sein kann. Die Ausstellung schaut aus verschiedenen Perspektiven auf den Akt. Sie umfasst die gesamte Palette seiner künstlerischen Darstellungen vom naturalistischen Bild bis zum „Körperbewusstseinsbild“, von der Vergewisserung des eigenen Körpers bis zum entgrenzenden Experiment.
In der Vergangenheit sorgten Aktdarstellungen enttabuisierend für manchen Eklat. Etwa Auguste Rodin mit der Bronzeplastik „Iris, die Götterbotin“, die mit gespreizten Schenkeln den Blick auf die intimste Stelle freigibt. Er war wohl der erste Bildhauer, der mit dieser gewagten Darstellung eine Brücke von der Tradition zur Moderne schlug. Otto Schiele schockierte ebenfalls seine Zeitgenossen mit bis dahin nie gesehenen (Selbst-)Darstellungen des nackten Körpers. Insbesondere während der letzten Dekaden der Konsumgesellschaft avancierte der menschliche Körper zum „Statussymbol“ und wird zu fast jedem Zweck werbewirksam vermarktet. Er erfährt zunehmend den Wunsch nach Perfektionierung, Idealisierung auch durch plastisch-chirur-gische Eingriffe, deren „Indi-kationsstellungen“ durchaus nicht selten zu hinterfragen sind.
Dem aktuellen Schönheitsideal stehen in der Ausstellung die Positionen mancher zeitgenössischer Künstler zum Teil krass entgegen: So begann John Coplans erstmals mit 64 Jahren seinen alternden Körper systematisch Jahr für Jahr mit dem Selbstauslöser festzuhalten. Schonungsloser kann man mit seinem Ich nicht umgehen.
Wechselnde Ausstellungen sind neben den eigenen Beständen der Sammlung Henri Nannen und der Schenkung Otto van de Loo die dritte Sparte der Emder Kunsthalle. Mit großem Engagement führt Eske Nannen die Museumsaktivitäten ihres verstorbenen Mannes fort. Erstmals steht für diese Ausstellung die gesamte Museumsfläche, die sich nach dem Erweiterungsbau der Emder Kunsthalle im Oktober 2000 verdoppelte, zur Verfügung. Darüber hinaus ist im Chor der ehemaligen Großen Kirche Emden/Johannes a Lasco Bibliothek die Video-Installation „The Messenger“ (Der Sendbote) von Bill Viola als Bestandteil dieser Ausstellung zu sehen.
Der 284 Seiten starke Ausstellungskatalog mit mehr als 200 Farbabbildungen bestätigt die immense Vielfalt der Aktdarstellungen des 20. Jahrhunderts bis heute. Reflexionen der Herausgeber zu den ausgestellten Werken runden die unterschiedlichsten Betrachtungsweisen auf vielfältige Weise ab.
Dr. med. Stephanie Krannich
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