ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1996Nachweis und Bestimmung von Drogen im Urin mittels Immunoassays

MEDIZIN: Kurzberichte

Nachweis und Bestimmung von Drogen im Urin mittels Immunoassays

Külpmann, Wolf-Rüdiger

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LNSLNS Die beim sogenannten Drogen-Screening im Urin verwendeten Immunoassays sind je nach Analyt und Hersteller mehr oder weniger unspezifisch. Die Unspezifität ist bei Gruppentests beabsichtigt, beispielsweise um gleichzeitig möglichst viele verschiedene Barbiturate zu erfassen. Um jedes Barbiturat spezifisch nachweisen zu können, wären rund 20 verschiedene Tests mit jeweils einem anderen Antikörper erforderlich. Die Kreuzreaktivität der Antikörper von Gruppentests für die verschiedenen Substanzen einer Gruppe ist aber sehr unterschiedlich. Nach Angaben eines Herstellers erhält man zum Beispiel ein gleich großes Signal für 40 µg/l Diazepam, 200 µg/l Oxazepam und 1 000 µg/l Lorazepam. Darüber hinaus ändert sich die Kreuzreaktivität in Abhängigkeit von der Konzentration des Analyten zum Teil erheblich (Tabelle).
Über die Kreuzreaktivität von Metaboliten der Drogen, die für die Urinuntersuchung eine große Rolle spielen, da ihre Konzentration die der Ausgangsverbindung weit übersteigen kann, liegen häufig nur sehr unvollständige Angaben vor. Jedoch ist davon auszugehen, daß sie ebenfalls zum Meßsignal beitragen. Das heißt, aus der Größe des Signals kann meist nicht auf die vorliegende Konzentration geschlossen werden, weil
! die im Einzelfall vorliegende(n) Droge(n) nicht bekannt ist (sind);
! die Kreuzreaktivität konzentrationsabhängig ist und je nach Substanz und Test zwischen 0 und » 100 Prozent schwanken kann;
! der Beitrag der Metabolite unbekannt ist und ihr Anteil zum Beispiel je nach Abstand zur Dosierung, je nach Nierenfunktion et cetera nicht vorhersehbar ist.
Die Angabe eines quantitativen Ergebnisses ist damit in der Regel nicht möglich bei den "Gruppentests" für "Amphetamine", "Barbiturate", "Benzodiazepine" und "Opiate", sondern nur ein qualitativer Befund.
Bei Kenntnis der Verbindung (zum Beispiel des Barbiturates) kann ein semiquantitativer Befund nur dann angegeben werden, wenn eine Kalibrationskurve mit dieser Verbindung erstellt wird, die Konzentration der Metabolite in Kenntnis von Metabolismus und Pharmakokinetik als gering einzustufen ist und Störsubstanzen (zum Beispiel andere Barbiturate) sicher ausgeschlossen werden können.
Bei Kenntnis der Verbindung kann ein quantitatives Ergebnis mitgeteilt werden, wenn eine Kalibrationskurve mit der fraglichen Substanz erstellt wird, die möglichen Metabolite als nicht reaktiv bekannt sind und Störsubstanzen sicher ausgeschlossen werden können. Die medizinische Bedeutung quantitativer Analysen im Spontanurin, bei unklarem Einnahmezeitpunkt und eventueller Abhängigkeit der Drogenausscheidung vom Urin-pH ist jedoch häufig gering. Diese Feststellungen gelten auch für die vergleichsweise spezifischen Tests zum Nachweis von Benzoylekgonin (Kokain), Methadon, Methaqualon, Phencyclidin, Proxyphen und Cannabinoiden.
Die Angabe als zum Beispiel Secobarbital-, Oxazepam- oder Morphinäquivalente (einschließlich Maßeinheit) ist bedenklich. Die Gefahr ist zu groß, daß dieser ausschließlich analytisch gemeinte Begriff als pharmakologische Äquivalenz mißverstanden wird. Je nach Kreuzreaktivität von (unbekannter) Muttersubstanz und Metaboliten, je nach Metabolitanteil, je nach pharmakologischer Wirkung kann eine bestimmte Äquivalenzkonzentration als medizinisch bedeutsam oder harmlos einzustufen sein.
Die Verkürzung der – bei instrumenteller Meßwerterfassung – quantitativen Meßwertangabe auf einen qualitativen Positiv-Negativ-Befund ist jedoch bei bestimmten Indikationen ungenügend. Bei stationärer Behandlung wegen Drogeneinnahme soll mittels Drogenscreening erkannt werden, ob die Aufnahme der Droge(n) tatsächlich sistiert oder heimlich fortgesetzt wird. Unter diesen Umständen sollte der qualitative Befund durch den Hinweis ergänzt werden, ob der aktuelle Meßwert im Vergleich zum vorangehenden angestiegen oder abgefallen ist. Aus dem Meßprotokoll muß hervorgehen, ob das Meßsignal oberhalb oder unterhalb der Nachweisgrenze beziehungsweise oberhalb oder unterhalb des cut-off-Wertes liegt. Aus den genannten Gründen kann auch ein Wert zwischen Nachweisgrenze und cut-off-Wert von Bedeutung sein, zumal die Wahl des cut-off-Wertes oft nur für eine bestimmte Fragestellung zutrifft, die für andere Aspekte, zum Beispiel Drogenüberwachung in der Rehabilitation, ungeeignet sein kann. Wenn auch bei vielen Tests das quantitative Ergebnis im Rahmen der medizinischen Beurteilung zu einer qualitativen Aussage verkürzt werden soll, ist die zunächst quantitative Angabe hilfreich für die Qualitätssicherung. Sie erlaubt, die für quantitative Analysen empfohlenen Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer für die Überwachung der Präzision dieser (in ihrer Aussage) qualitativen Tests zu übernehmen. Tests, bei denen eine Qualitätssicherung in dieser Weise nicht möglich ist, zum Beispiel Streifentests ohne instrumentelle Meßwerterfassung, sind (auch abrechnungsmäßig) als qualitative Tests im eigentlichen Sinne anzusehen. Beim gegenwärtigen Stand der Analytik sind vor allem Hoch­leistungs­flüssig­keits­chromato­graphie (HPLC) und Gaschromatographie (GC) in Verbindung mit speziellen Detektoren, wie zum Beispiel Massenspektrometer, einzusetzen, um quantitative Analysen durchzuführen. Diese Methoden erlauben eine Abtrennung der interessierenden Komponenten und schaffen damit (im gleichen Arbeitsgang) die Grundlage für eine zuverlässige quantitative Bestimmung. Aus Kostengründen und wegen der meist geringen medizinischen Bedeutung quantitativer Analysen werden diese Techniken jedoch in der Regel nur bei positivem Testergebnis eines immunchemischen Tests und in Zweifelsfällen für Bestätigungsanalysen eingesetzt sowie zur Erfassung von Substanzen, für die keine Immunoassays zur Verfügung stehen.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2701–2702
[Heft 42]


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Wolf-Rüdiger Külpmann
Institut für Klinische Chemie I
Zentrum Laboratoriumsmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Konstanty-Gutschow-Straße 8
30625 Hannover

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