ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2003Autos werden besser behandelt

POLITIK: Die Glosse

Autos werden besser behandelt

Dtsch Arztebl 2003; 100(3): A-86 / B-78 / C-76

Wenderlein, J. Matthias

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Foto: Globus-Press
Foto: Globus-Press
Wer im Krankenhaus arbeitet, sollte zeitweilig einen Blick über den Zaun zu anderen Dienstleistungsbetrieben wagen. Vergleicht man eine Autowerkstatt mit einem Klinikbetrieb, haben es Autos und deren Besitzer manchmal besser als Patienten in der Klinik.
Meine Autowerkstatt-Besuche machen dies verständlich in Analogie-schlüssen. Ich melde mich an der Rezeption, kurz darauf empfängt mich der Meister/Oberarzt und fragt, was er für mich tun kann. Aus dem Hintergrund winkt mir im Vorbeigehen der Autowerkstattbesitzer/Klinikchef zu. Auf ein Handzeichen käme er auf mich zu und würde mir weiterhelfen. Das brauche ich nicht bei acht guten Meistern/Oberärzten. Diese machen zuerst ohne Ausnahme eine gute Anamnese („Wie ist das Geräusch/wo kommt es in etwa her?“), eine Verdachtsdiagnose wird geäußert und das Auto gemeinsam inspiziert/klinisch untersucht bei geöffneter Motorhaube oder auf der Hebebühne. Mit einer Stablampe bekomme ich punktuell gezeigt, wo das Problem liegen könnte.
Ich erhalte eine klare Zeitangabe, wann das Auto fertig sein wird und werde freundlich verabschiedet. Beim Abholen des Autos/Entlassungsgespräch teilt mir der Meister/Oberarzt kurz mit, was alles zu machen war. Das geschieht nicht durch Gesellen/Assistenzärzte.
Ich war anfangs ungläubig bei dieser Behandlung. Ich wollte wissen, ob Kunden ohne Professorentitel genauso kundenorientiert behandelt werden. Dem ist so.
In die Klinik zurückgekehrt, übertrage ich ohne Betriebsblindheit meine Werkstatterfahrungen auf Patienten im Krankenhausbetrieb – mit eher gegenteiligem Ergebnis.
Mit dem morgendlichen Betreten der Klinik treffe ich auf zahlreiche wartende Frauen vor dem Schalter „Stationsaufnahme“. Mein Hinweis an das Anmeldepersonal, einen zweiten Schalter zu eröffnen, wird für nicht machbar erklärt: Die PDL habe dies aus Personalgründen so angeordnet. Warum muss sich ein Dutzend Patienten zwischen acht und neun Uhr zur stationären Aufnahme melden? Warum nicht Termine verteilen auf zwei bis drei Stunden? Patienten mit weiter Anreise wären sehr froh über einen Mittagstermin.
Ich komme auf die Station und sehe im Aufenthalts- beziehungsweise Warteraum mehrere Frauen mit größeren Taschen oder Koffern. Sie warten auf die stationäre Aufnahme. Das geschieht „Stück für Stück“ durch sicher sehr freundliche PJ oder AiP. Sie erheben die Anamnese mehr oder weniger ziel-orientiert. Das Konzept ist dabei oft „learning by doing“ – sicher eine anspruchsvolle Herausforderung – aber keine einfache. Denn alle Patienten haben eine stationäre Facharzteinweisung.
Schließlich taucht der Assistenzarzt/Geselle auf und ordnet Untersuchungsmaßnahmen an, in der Regel kombiniert mit einer allgemeinen körperlichen Untersuchung. Die spezifische Untersuchung obliegt dem Oberarzt, da verständlicherweise zum Beispiel gynäkologische Untersuchungen nicht zweimal am Tag stattfinden sollten. Der Oberarzt steht im OP und wird am späten Nachmittag auf der Station erwartet. Die oberärztlich indizierten diagnostischen Anordnungen werden erst am Folgetag machbar. Bis dahin vorgenommene laborchemische und bildgebende Untersuchungen werden teils vom Oberarzt/Meister auf Effizienz überprüft hinsichtlich schneller, ökonomischer Enddiagnose. Es ist immerhin am ersten Tag einiges „gelaufen“, und der 400-Euro-Tag war nicht umsonst.
Ob der Oberarzt aus Zeitdruck von Assistensärzten und PJ/AiP-Kollegen aus „zweiter Hand“ sämtliche Anamnese- und klinischen Untersuchungsdaten zeitsparend einholt oder ihnen ein Feedback über deren Nutzen gibt, wäre eine Studie wert.
Amüsant sind dazu Anmerkungen von Patienten, die konsiliarisch aus Nachbarkliniken vorgestellt werden. Auf die Frage „Aus welcher Klinik kommen Sie?“ (zum Gesprächseinstieg) die Antwort: „Von Jugend forscht.“
Der Patient will nach dem ersten Tag wissen, wer am zweiten Tag sein Ansprechpartner ist: PJ, AiP, Asssistenzarzt oder Oberarzt? Durch die neuen Arbeitszeitregelungen und mehr Schichtdienst wird es mehr ärztliche Fluktuation und damit innerhalb weniger Hospitalisierungstage mehr Ansprechpartner für den einzelnen Patienten geben. Als Außenstehender hätte ich kaum Vertrauen in dieses System. Auch im Krankenhaus wären einige Abläufe wie in der Kfz-Werkstatt überzeugender: Oberarzt, Assistenzarzt, AiP.
Man muss erwarten, dass dieser umgekehrte Kompetenzeinsatz – erster Kundenkontakt mit dem Berufsanfänger eine teure und wenig ökonomische Medizin verursachen kann. Durch DRG-Abrechung kann sich das ändern – in großen Kfz-Werkstätten erfolgt schon lange die Preisgestaltung analog zu DRG.
Zum Abschluss noch meine Beobachtung in der Rezeption des Autohauses: Dort lese ich die Qualifikationsurkunden für die Werkstatt, die jeweils maximal ein Jahr alt sind. Ich ließ mir die Checkliste geben, die zur erfolgreichen Zertifizierung erfüllt sein muss. Dazu gehört zweimal im Jahr ein unangemeldeter Kontrollbesuch durch die Zertifizierer. Mancher Klinikkollege würde dabei denken: „Davor möge man uns derzeit noch bewahren.“ Prof. Dr. med. J. Matthias Wenderlein
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