ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2003Versorgung geriatrischer Patienten: Hüftschutz reduziert Oberschenkelhalsfrakturen

POLITIK: Medizinreport

Versorgung geriatrischer Patienten: Hüftschutz reduziert Oberschenkelhalsfrakturen

Dtsch Arztebl 2003; 100(3): A-90 / B-82 / C-80

Blaeser-Kiel, Gabriele

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Bei dem externen Hüftprotektor (Safehip®) handelt es sich um zwei anatomisch geformte, elastische Polypropylen-Schalen, die in einer Baumwollunterhose fest fixiert sind. Sie schützen den Trochanter major beim Sturz, indem sie das Aufprallareal vergrößern und die Energie absorbieren beziehungsweise auf das umliegende Weichteilgewebe umleiten. Foto: Rölke Pharma
Bei dem externen Hüftprotektor (Safehip®) handelt es sich um zwei anatomisch geformte, elastische Polypropylen-Schalen, die in einer Baumwollunterhose fest fixiert sind. Sie schützen den Trochanter major beim Sturz, indem sie das Aufprallareal vergrößern und die Energie absorbieren beziehungsweise auf das umliegende Weichteilgewebe umleiten. Foto: Rölke Pharma
Ergebnisse einer Untersuchung in 42 Alten- und Pflegeheimen, die vom Bun­des­for­schungs­minis­terium gefördert wurde

Ein Sturz aus dem Stehen oder Gehen führt bei einem alten Menschen häufig zu einer Oberschenkelhalsfraktur. Besonders groß ist das Risiko bei hochbetagten und multimorbiden Bewohnern von Altenheimen. Nur etwa die Hälfte der Betroffenen erreicht danach wieder das vorherige Mobilitätsniveau, und 15 bis 30 Prozent sind ständig pflegebedürftig oder bei einigen Alltagsaktivitäten auf fremde Hilfe angewiesen.
Vermindern lässt sich die Sturzgefährdung im Alter kaum, wohl aber die schwerwiegenden Folgen, das ergibt eine Analyse der Cochrane Collaboration. Ausgewertet wurden sieben randomisierte Studien, in denen die 3 553 Teilnehmer entweder durch einen externen Hüftprotektor geschützt waren oder nicht. Insgesamt war in den Interventionsgruppen die Inzidenz an „Hüftfrakturen“ nur etwa ein Drittel so hoch (2,2 Prozent) wie in den Kontrollkollektiven (6,2 Prozent) – und in mehr als 80 Prozent der Fälle darauf zurückzuführen, dass der Schutz beim Sturz gar nicht getragen wurde.
Ob sich durch eine intensive Aufklärung die Akzeptanz für dieses sehr effektive Hilfsmittel verbessern und damit die Frakturrate weiter senken lässt, war der Ansatzpunkt eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten und durch die „Fachwissenschaft Gesundheit“ der Universität Hamburg, unter der Leitung von Prof. Ingrid Mühlhauser, durchgeführten Projekts. Erste Studienergebnisse wurden in Hamburg vorgestellt. Zur Teilnahme aufgefordert worden waren alle Alten- und Pflegeheime beziehungsweise selbstständige Abteilungen solcher Einrichtungen im Hamburger Raum. 49 Institutionen konnten gewonnen werden, die randomisiert einem Interventions- und einem Kontrollarm zugeordnet wurden.
Intervention bedeutete, dass dem Pflegepersonal in einem interdisziplinär erarbeiteten einstündigen Schulungsprogramm umfangreiche mündliche und schriftliche Informationen an die Hand gegeben wurden. Die Themen reichten von Risiken/Folgen einer Femurfraktur und Wirksamkeit des Hüftprotektors bis hin zu anwendungsrelevanten Fragen wie Ästhetik, Tragekomfort und Handhabung des Hilfsmittels. Damit wollte man das Heimpersonal zum einen selber vom Nutzen des Hüftschutzes überzeugen und ihm zum anderen Argumentationshilfen liefern zum Abbau von potenziellen Akzeptanzbarrieren bei den alten Menschen. Kontrolle bedeutete Standardversorgung mit einer nur kurzen (zehnminütigen) Vorstellung des Hüftprotektors.
Einschlusskriterien waren ein Mindestalter von siebzig Jahren und Gehfähigkeit. Die Heimaufnahme sollte länger als drei Monate zurückliegen. Die Basisdaten der Senioren in der Interventions- (n = 459) und Kontrollgruppe (n = 483) unterschieden sich kaum. Das mittlere Alter lag bei 87 beziehungsweise 86 Jahren, 88 beziehungsweise 85 Prozent waren Frauen, und in 26 beziehungsweise 22 Prozent der Fälle gab es bereits eine hüftnahe Fraktur in der Anamnese. Der durchschnittliche Nachbeobachtungszeitraum lag bei 14,7 beziehungsweise 13,7 Monaten.
Endauswertung
In die Endauswertung seien im Gegensatz zu den bisherigen Untersuchungen die Daten von allen ursprünglich in die Studie aufgenommenen Heimbewohnern im Sinne einer „Intention-to-Treat-Analyse“ eingeflossen, wies Dr. Andrea Warnke (Universität Hamburg) auf den wissenschaftlichen Anspruch hin. In der Interventionsgruppe wurden 946 Stürze bei 237 Personen dokumentiert, im Kontrollkollektiv
waren es 1 409 bei 274 Personen. Oberschenkelhalsfrakturen waren in 4,6 und 8,1 Prozent der Fälle aufgetreten.
Der Unterschied war statistisch signifikant.
Die Differenz hätte noch wesentlich höher ausfallen können, denn rund
ein Drittel der Teilnehmer in der Interventionsgruppe hatte zum Zeitpunkt der Stürze den Hüftschutz nicht getragen. 17 der 21 Femurfrakturen in diesem Kollektiv gehen daher auf das Konto „Noncompliance“ oder „Nichtakzeptanz“ und nur fünf auf das Versagen oder die möglicherweise falsche Anwendung des Protektors zurück. Die
Initiatorinnen hoffen, dass die Ergebnisse ihrer Studie zur Implementierung der Hüftprotektoren in die Versorgungspraxis von Altenheimen beitragen. Voraussetzung ist für sie eine begleitende strukturierte Information sowohl des Pflegepersonals als auch der Senioren. Gabriele Blaeser-Kiel

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