ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2003Barrierefreies Bauen: Architekt mit Sozialtick

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Barrierefreies Bauen: Architekt mit Sozialtick

Dtsch Arztebl 2003; 100(3): A-102 / B-93 / C-91

Lenze, Susanne

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Treppen stellen für Rollstuhlfahrer ohne technische Hilfen nahezu unüberwindbare Hindernisse dar. Ein Reha-Lifter schafft Abhilfe. Foto: epd
Treppen stellen für Rollstuhlfahrer ohne technische Hilfen nahezu unüberwindbare Hindernisse dar. Ein Reha-Lifter schafft Abhilfe. Foto: epd
Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sich Erhard Böttcher
mit Wohnungsanpassungen für Behinderte.

Der Zugang zum Hauptgebäude der heutigen Berliner Humboldt-Universität (HU) war immer ebenerdig, einst geschaffen, um mit einer Pferdekutsche vorzufahren. Seit 1949 hat die Universität dort ihren Hauptsitz. Alte Stiche aus dem 18. Jahrhundert zeigen den niveaugleichen Zutritt. Doch der Zugang zu dem 250 Jahre alten Haus wurde immer wieder verändert. Im Jahr 1935 wurde diese ebenerdige Pferdekutschenzufahrt des einstigen Prinzenpalais Heinrich von Preußen mit zwei Stufen versehen. Für Rollstuhlfahrer, die dann später die Universität besuchen wollten, legte man über diese Barriere eine provisorische Holzrampe. Nach Diskussionen mit der Denkmalbehörde, die den Zugang wie in den 30er-Jahren belassen wollte, wurde der Zutritt Ende der Neunziger behindertengerecht umgestaltet – das Provisorium Holzrampe wich einem „gepflasterten sanften Übergang, vom Bürgersteig ebenerdig als Rollstuhlfahrer befahrbar“, sagte Ingrid Graubner von der Informationsstelle der HU.
Was heißt barrierefrei?
Dies ist eine der vielen baulichen behindertengerechten Veränderungen, die Erhard Böttcher, Architekt für barrierefreies Bauen in Berlin, in den vergangenen Jahren auffielen. Was bedeutet für ihn barrierefrei? „Barrierefrei definiert einen ebenerdigen Zugang für Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen und ältere Menschen. Vor ein paar Jahren wurde das Wort behindertengerecht durch barrierefrei ersetzt“, erläutert der Architekt.
Böttcher erkundet seit mehr als 15 Jahren sein Umfeld: Bahnhöfe, Eingänge von Praxen, Läden und Restaurants sowie öffentliche Einrichtungen. Seine Eindrücke unter dem Blickwinkel von Barrierefreiheit: Arztpraxen befinden sich häufig im ersten Stock und sind manchmal nur durch Stufen zu erreichen. Die Gegensprechanlagen an Häuserwänden sind zu weit oben angebracht, es existieren häufig keine elektrischen Türöffner, erste und letzte Treppenhausstufen sind nicht mit Kontrastzeichen für Sehbehinderte gekennzeichnet.
Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Welche Veränderungen sind in Räumen häufig nötig? Innerhalb der Wohnungen sind die häufigsten Umbauten in Küche und Bad sowie an Türschwellen erforderlich. In vielen Wohnungen seien kleine Anpassungsmöglichkeiten mit großer Wirkung möglich, sagt Böttcher. „Duschen müssen für Rollstuhlfahrer stufenlos befahrbar sein, Badarmaturen benötigen häufig Bügelgriffe, oder Spülbecken werden so versetzt, dass sie für Rollstuhlfahrer zugänglich sind.“
Erfahrungen mit solchen Wohnungsanpassungen sammelte der Architekt erstmals 1980 als Vorstandsmitglied der „PINEL-Gesellschaft e.V.“, einer Initiative für psychisch Kranke. Er richtete für sie die erste therapeutisch betreute Wohngemeinschaft in Berlin ein. „Das Besondere an der ersten Wohngemeinschaft für die zwölf psychisch kranken Menschen war, ihnen ein Leben außerhalb der geschlossenen Anstalt zu ermöglichen“, so Böttcher. Unter Anleitung von Therapeuten wurden dort Gruppensitzungen veranstaltet. Eine Voraussetzung sei der Gruppenraum gewesen. Sonst unterschied sich die Wohnung nicht von konventionellen Wohngemeinschaften. Der Architekt war für die Suche nach den Räumlichkeiten und der Organisation der Inneneinrichtung wie Errechnung der Materialien verantwortlich – der ständige Ansprechpartner für technische Probleme.
Mit dem Thema Wohnungsanpassung beschäftigte sich Böttcher 1987 erneut. Er begleitete ein Forschungsprojekt der Technischen Universität Berlin (TU) zusammen mit Dr.-Ing. Christa Kliemke, der Gründerin der Krankenwohnung in Berlin. „Krankenwohnung bedeutet, dass Betroffene in Zeiten der Abwesenheit von Angehörigen zu Hause von Betreuern gepflegt werden können“, erklärt der Architekt. Das gemeinsame Projekt von Kliemke und ihm hieß: „Wohnungsanpassung – Anpassung an die Wohnung“ bei zunehmender Hilfsbedürftigkeit am Institut für Krankenhausbau – dem heutigen Institut für Gesundheitswissenschaften an der TU. Dabei begutachtete er zusammen mit einer Ergotherapeutin Wohnungen und wies wieder auf die Anpassungsmöglichkeiten hin.
Leitlinien
Seit wann beschäftigen sich Architekten verstärkt mit barrierefreiem Bauen in Berlin? Ende der 80er-Jahre formulierte der Sozialsenat „Leitlinien für ein behindertengerechtes Berlin“ – dadurch wurde für Böttcher und andere Kollegen ein klares Signal für barrierefreies Bauen in Berlin gesetzt. Bei der Landesarchitektenkammer arbeiten zurzeit acht Architekten im Ausschuss „Barrierefreie Stadt- und Gebäudeplanung“, berichtet Architekt Herwig Loeper, Leiter des Ausschusses. Wie viele Architekten sich mit dem Thema in Berlin oder auch bundesweit beschäftigen, lässt sich nicht beziffern. Loeper wünscht sich, dass das Thema in alle Architekturbereiche – nicht nur beim Bau von Altenheimen oder Krankenhäusern – integriert werde.
Welche Widerstände hatte Böttcher bei seinen Beratungen und Anpassungen zu überwinden? Die meisten Widerstände waren finanzieller Art, blickt Böttcher auf seine Erfahrungen zurück. Bei alten Gebäuden sei es häufig zu teuer, diese barrierefrei zu gestalten. Oft behinderten zum Beispiel Leitungen den nachträglichen Anbau einer Rampe.
Der 71-Jährige ist immer noch aktiv. Wöchentlich informiert er in der Arbeitsgruppe „Bauen und Verkehr – BauRad“ des Berliner Behindertenverbandes. Außerdem gibt er Restaurants, Läden und auch Einzelpersonen Auskünfte, wie die jeweils vorhandenen oder geplanten Räumlichkeiten barrierefrei gestaltet werden können. So beriet er mit anderen Experten auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die Haltestangen in den BVG-Fahrzeugen sollten eine kontrastreiche Farbe haben, wurde befunden. Die Haltestangen sind jetzt gelb und für Sehbehinderte dadurch besser zu erkennen. Bis heute vertritt der Architekt den Berliner Behinderten-Verband in verschiedenen ehrenamtlichen Arbeitsgruppen und Vereinen. Er arbeitet auch mit Seh- und Hörbehindertenverbänden zusammen. „Mein Erfolg resultiert daraus, dass ich mich mit den verschiedenen Behinderungsarten gut auskenne und sie gut verknüpfen kann.“ Er lächelt, als er das sagt. Sein Engagement für barrierefreies Bauen begründet der in der Lutherstadt Wittenberg geborene Architekt mit seinem ganz persönlichen Sozialtick.
Ausgezeichnet
„Böttcher hat sich als Architekt bei der Gestaltung von Bauten als auch bei der Beratung über barrierefreien Zutritt zu diesen Einrichtungen in Berliner Fachkreisen einen Namen gemacht“, lobte Dr. Petra Leuschner, Staatssekretärin für Soziales in Berlin. Sie verlieh Böttcher im September die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Der Orden ist verliehen, und die Arbeit geht weiter: Mit Interesse verfolgt Böttcher unter anderem auch die Tatsache, dass die oberirdische Gesamtanlage der Holocaust-Gedenkstätte noch nicht barrierefrei ist. Susanne Lenze


Wohnungsberatungsstellen
Wer Rat und Informationen für behindertengerechte Veränderungen in Praxen und Wohnungen sucht, kann die Internetadresse „www.wohnungsanpassung.de“ aufrufen. Unter dem Link „Kontakte“ findet man Zugang zu einer Liste mit bundesweiten Wohnungsberatungsstellen. Wer keinen Internetzugang hat, dem hilft das Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln, Telefon 02 21/9 31 84 70 bei Holger Stolarz, die zuständige Wohnungsberatungsstelle zu erfragen. Bundesweit gibt es etwa 200 Wohnraumberatungsstellen.
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