ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2003Homöopathie: Ein fruchtbarer, kein furchtbarer Irrtum

THEMEN DER ZEIT

Homöopathie: Ein fruchtbarer, kein furchtbarer Irrtum

Dtsch Arztebl 2003; 100(3): A-107 / B-98 / C-96

Lüdke, Hans-Werner

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Samuel Hahnemann verstand sich als Wissenschaftler und geißelte das unwissenschaftliche Vorgehen seiner ärztlichen Kollegen. Quelle: Homöopathie-Archiv des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart
Samuel Hahnemann verstand sich als Wissenschaftler und geißelte das unwissenschaftliche Vorgehen seiner ärztlichen Kollegen. Quelle: Homöopathie-Archiv des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart
Will man die lange Erfahrung der Homöopathie nutzen, müssen unwirksame Arzneien eliminiert werden, die aufgrund magischer Vorstellungen oder falscher Annahmen in die materia homoeopathica aufgenommen wurden.

Hans-Werner Lüdke


Die Homöopathie besitzt einen einzigartigen Arzneimittelfundus, der in den letzten zwei Jahrhunderten durch Beobachtung einer Vielzahl von Substanzen geschaffen wurde. Auch der „schulmedizinisch“ orientierte Arzt wird früher oder später mit der Homöopathie konfrontiert, weil deren Arzneien auch für Beschwerden, Zustände und „sonderliche und eigenheitliche“ Symptome bestimmt sind, die in der „schulmedizinischen Lehre“ gar nicht vorkommen – aber sehr wohl in der Praxis.
Das Problem der Homöopathie: Sie hat eine dogmatisch-religiöse und eine naturwissenschaftliche Seite. Beide Seiten bestanden von Anfang an, das heißt, sie gehen zurück auf den Begründer der Homöopathie, Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755 bis 1843). Davon ausgehend sind die Auseinandersetzungen zwischen „naturwissenschaftlichen“ und „orthodoxen“ Homöopathen zu erklären. Vertreter beider Seiten haben Krankheitssymptome und Wirkungen von Arzneimitteln beobachtet, Erfahrungen mit Krankheitsverläufen und Heilungen gemacht. Man kann das ganz pragmatisch sehen: Der richtigen Beobachtung ist es gleich, wes Geistes Kind der Beobachter ist.
„Wer heilt, hat Recht.“ Wenn Hahnemann sich mit diesem Pragmatismus und seiner Arzneiprüfungs- und Anamnesetechnik zufrieden gegeben hätte, wäre die Homöopathie – die es als Doktrin dann gar nicht gäbe – viel erfolgreicher. Nun aber gibt es eine Doktrin, und die Homöopathie ist nicht in hohem Maß erfolgreich. In Wirklichkeit stehen einige leuchtende Beispiele von Therapieerfolgen – nämlich prompten und staunenswerten Heilungen, die die „Schulmedizin“ nicht zuwege bringen konnte – einer Unzahl von Misserfolgen und Spontanheilungen gegenüber. Dies führt zu Selbstzweifeln und Diskussionen, ob richtig „repertorisiert“ oder ein zielführendes Symptom übersehen worden sei. Am Fundament wird nicht gerüttelt.
Die Ähnlichkeitsregel und die Potenzierungsvorschrift sind die Säulen der Homöopathie. Diese Säulen stehen auf dem schwachen Fundament einer unzulässigen Schlussfolgerung. Foto: phalanx
Die Ähnlichkeitsregel und die Potenzierungsvorschrift sind die Säulen der Homöopathie. Diese Säulen stehen auf dem schwachen Fundament einer unzulässigen Schlussfolgerung. Foto: phalanx
Viele Ärzte sehen den Vorteil der Homöopathie nur darin, dass sie dem Patienten auf ungefährliche Weise eine Gelegenheit bietet, von selbst gesund zu werden. Aber jeder homöopathische Arzt kann über Beispiele von Heilungen berichten, die ihn selbst so überrascht haben, dass er einen Placeboeffekt oder eine Spontanheilung ausschließt.
Es gibt aber auch Heilungen durch Arzneizubereitungen, die sich zwar homöopathisch nennen, aber den Grundsätzen der Homöopathie eindeutig widersprechen. Dazu gehören die „Komplexmittel“, die mehrere arzneiliche Bestandteile enthalten. Das ist nach § 273 des Organons (1) „nicht zulässig“. Derartige Arzneien werden von fast allen Firmen angeboten, die der Homöopathie verpflichtet sind. Dies ist umso verwerflicher, als es das erklärte Ziel Hahnemanns war, die zusammengeschütteten Arzneien seiner Zeit aus der Medizin zu verbannen.
Chinarinde erzeugt kein Fieber
Ein Beispiel für ein solches Arzneimittel ist Vertigoheel. Es besteht aus Anamirta cocculus D4, Conium maculatum D3, Ambra grisea D6, Petroleum D8 und den Hilfsstoffen Lactose und Magnesiumtartrat. Gegen die Vorschrift des Organons werden hier nicht nur mehrere homöopathische Mittel gemeinsam potenziert, sondern auch noch mit einer Urtinktur versetzt – nämlich mit dem Hilfsstoff Magnesiumtartrat.
Nach der orthodoxen Lehre müssten die Patienten nach Verwendung dieser „Komplexmittel“ schwer krank werden oder sogar subito tot umfallen. Aber ganz im Gegenteil: Vertigoheel ist ein gutes Mittel. Bei unsystematischem Schwindel erzielt es gute klinische Prüfungsergebnisse und ebensolche Umsätze. Mit synthetischen Schwindelmitteln kann es sich messen (2). Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?
Die Erfindung der Homöopathie beruhte auf einem Irrtum, dem Samuel Hahnemann in seinem berühmten Selbstversuch mit Chinarinde im Jahr 1790 erlegen ist (3). Chinarinde war eines der zuverlässigsten Arzneimittel der damaligen Medizin, und die Wirkung des Chinins bei Malaria („Wechselfieber“) gehört zu den am besten bestätigten medizinischen Erkenntnissen.
Hahnemann stellte nach wiederholter Selbstanwendung von Chinarinde fest, dass er durch das Arzneimittel Fieber bekam. Aus dieser Ähnlichkeit des Fieber erzeugenden Arzneimittels mit der Fieber erzeugenden Krankheit entwickelte er in einem längeren geistigen Prozess den Grundgedanken der Homöopathie „similia similibus curentur“: Stimmen die Symptome einer Arzneimittelvergiftung mit denen einer Krankheit überein, so wird diese Krankheit durch dieses Arzneimittel in höherer – das heißt ungiftiger – Verdünnung („Potenz“) geheilt. Die Ähnlichkeitsregel und die Potenzierungsvorschrift sind die Säulen der Homöopathie.
Nun stehen diese Säulen auf dem schwachen Fundament einer unzulässigen Schlussfolgerung. Chinarinde erzeugt im Normalfall nämlich kein Fieber. Hahnemann hatte sich selbst sensibilisiert. Im Rahmen einer multizentrischen klinischen Arzneimittelprüfung wäre Hahnemann dieser Irrtum erspart geblieben.
Das Faktum, dass Chinarinde normalerweise kein Fieber erzeugt, kann von der Homöopathie nicht geleugnet werden. Deswegen dient folgendes Konstrukt zur Rettung der Simile-Regel: Durch die Sensibilisierung werden die roten Blutkörperchen zerstört und durch die Malaria auch. Beides erzeugt Fieber – und Hahnemann habe demzufolge doch Recht (3). Dies würde aber bedeuten, dass der gesamte homöopathische Arzneimittelschatz erst zur Sensibilisierung führen muss, um heilen zu können; diesen Gedanken wird niemand ernsthaft in Betracht ziehen.
Ein weiterer grundlegender Irrtum Hahnemanns betrifft die Arzneizubereitung. Er war überzeugt, dass die Wirksamkeit durch Verdünnen der „Urtinktur“ nicht nur gesteigert, sondern überhaupt erst ermöglicht werde. Der Vorgang wird als „Dynamisieren“ oder „Potenzieren“ bezeichnet.
Pharmakologisch betrachtet beginnt der Vorgang (§ 269 ff. Organon) zunächst ganz einleuchtend mit dem Reiben und Schütteln der Urtinktur; dadurch werden die Zellen gesprengt und geben ihren Inhalt frei, und die Kontaktflächen von Mineralien vergrößern sich. Wie allgemein bekannt ist, gibt es für jedes Medikament eine optimale Dosierung, die man durch Verdünnung und Einnahmevorschriften erzielt.
Dies entspricht aber nicht den Vorstellungen Hahnemanns. Danach wird durch den Potenzierungsvorgang erst der „Geist der Arznei“ befreit und kann so auf die geschwächte Lebenskraft einwirken. Hahnemann war Vitalist. Er glaubte an eine eigenständige, geistartige Lebenskraft (§ 9 ff. Organon), die „der ganz unendlichen Güte des allweisen Lebenserhalters des Menschen gemäß“ im Menschen wirkt. Entfleucht diese Lebenskraft, stirbt der Mensch; wird sie geschwächt, wird der Mensch krank.
Die Krankheit entsteht, indem schädliche „Potenzen“ die Lebenskraft anfallen. Diese Potenzen, auch Miasmen (Dünste) genannt, sind ebenfalls geistartig. Also kann die Krankheit auch nur geistartig geheilt werden. Das Ziel des „Potenzierens“ der Substanzen ist es, durch immer höheres Verdünnen den „Geist“ der Medizin zu befreien. Verdünnt wird im Extremfall so lange, bis nicht einmal mehr ein einziges Molekül der Urtinktur vorhanden ist. Tatsächlich soll der ältere Hahnemann es für ausreichend gehalten haben, den Patienten am Medizinfläschchen riechen zu lassen.
Der Vorgang der Heilung ist nach Hahnemanns Vorstellung eine Art Teufelsaustreibung – dem Exorzismus sehr ähnlich. Der böse Geist der Krankheit befällt die geistartige Lebenskraft und schwächt sie. Der gute Geist der Arznei treibt den bösen Geist der Krankheit aus. Es gibt so viele böse Geister, wie es Krankheiten gibt, und es gibt so viele gute Geister, wie es Arzneien gibt. Das homöopathische System der Arzneimittelprüfungen und die Symptomerfassung dienen dem Ziel, den richtigen guten „Geist aus der Flasche“ zu finden. Nur dieser kann den bösen Geist der Krankheit vertreiben.
Wirksamkeit homöopathischer Dosierungen
Hahnemann war keineswegs ein abseitiger Spinner. Die grundlegenden Vorstellungen über das Wesen der Krankheit entsprangen den religiösen Überzeugungen seiner Zeit. Ärzte wussten noch nichts von Bakterien, Viren und Immunerkrankungen. Über Aufbau und Funktion des menschlichen Organismus herrschten abenteuerliche Vorstellungen.
Hahnemann hat sich selbst als Naturwissenschaftler verstanden und das unwissenschaftliche Vorgehen seiner ärztlichen Kollegen gegeißelt. Er zeichnete sich aus durch kritische Arzneimittelprüfung und penibles Erfassen des Krankheitsbildes. Nur dadurch wurde er Begründer eines Arzneimittelfundus, aus dem man heute noch zum Nutzen der Patienten schöpfen kann.
Wichtig wäre nunmehr eine erneute Auseinandersetzung zwischen „naturwissenschaftlichen“ und „orthodoxen“ Homöopathen, allerdings auf dem Informationsniveau des 21. Jahrhunderts. Hier geht es nicht um die Negierung eines immateriellen Prinzips in der Natur schlechthin. Aber diejenigen Homöopathen, die im Hahnemannschen Weltbild der miasmatischen geistartigen Potenzen und der geistartigen Lebenskraft verharren möchten, dürften konsequenterweise keine Krankheiten behandeln, von denen wir heute definitiv wissen, dass sie nicht geistartige, sondern materielle Auslöser haben: bakterielle und Viruserkrankungen, Vergiftungen, Strahlenkrankheiten, Autoimmunkrankheiten, Krebs und so weiter. Sie müssten sich dann wohl auf psychische Krankheiten beschränken, und dort wieder nur auf diejenigen, bei denen eine organische Ursache nicht bekannt ist. Das ist nicht die Absicht Hahnemanns gewesen. Er betrachtete sich durchaus als zuständig für Gonorrhö und Syphilis, er kannte nur die Erreger nicht.
Es ist an der Zeit, eine Validierung des homöopathischen Arzneimittelfundus durch ordentliche Prüfung der Wirksamkeit und Verträglichkeit in Angriff zu nehmen. Der Grund dafür ist, dass es homöopathische Arzneien für Beschwerden gibt, zu denen der „Schulmedizin“ nichts einfällt.
Es ist heute keine intellektuelle Zumutung mehr, eine Wirksamkeit von Wirkstoffen in den homöopathischen Konzentrationsbereichen für möglich zu halten. In diesen Bereichen arbeiten Transmitter, Enzyme oder essenzielle – also lebensnotwendige – Spurenelemente.
Dies zeigt ein Vergleich des täglichen Spurenelementebedarfs mit einer üblichen homöopathischen Tablettendosierung (eine 250-mg-Tablette D3 enthält 250 µg Wirksubstanz):
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Die Angaben für den Tagesbedarf folgen den Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr 2000 (4).
Die Ultraspurenelemente arbeiten teilweise in noch geringeren Konzentrationen, die den homöopathischen Potenzen D4, D5, D6 entsprechen. Hier sind die exakten Werte für den Bedarf jedoch noch nicht bekannt. Sämtliche Elemente von Aluminium bis Wolfram sind übliche homöopathische Mittel in einer Dosierung, die den Tagesbedarf deckt.
Nützlicher Erfahrungsschatz
Seit 200 Jahren befassen sich also homöopathische Ärzte mit der therapeutischen Anwendung von chemischen Elementen, deren Lebensnotwendigkeit die Schulmedizin erst in neuerer Zeit erkannt hat. Es wurden Symptome gesammelt, bei denen diese Elemente einen günstigen Einfluss haben. Darunter befinden sich auch Symptome, die wir heute als Mangelerscheinungen bezeichnen würden. Dieser Zusammenhang war diesen Ärzten unbekannt; trotz einer falschen Theorie haben sie jedoch richtig beobachtet. Die Liste von homöopathischen Medikamenten, die keine homöopathische Theorie zur Erklärung ihrer Wirksamkeit brauchen, ließe sich beliebig fortsetzen.
Die Homöopathie verfügt über Arzneimittel, die die „schulmedizinischen“ Mittel sinnvoll ergänzen. Jedoch ist dieser Fundus nicht nur das Ergebnis exakter Beobachtung, sondern auch von Aberglaube, falscher Theorie und Irrtümern. Dadurch hat die homöopathische Therapie eine hohe Fehlerquote; um die Trefferquote zu erhöhen, muss eine „evidence based homoeopathy“ entwickelt werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 107–109 [Heft 3]

Literatur
1. Hahnemann S: Organon der Heilkunst. Heidelberg: Haug Verlag 1983.
2. Weiser M, Strösser W: Behandlung des Schwindels. Homöopathikum versus Betahistidin. Der Allgemeinarzt 2000; 22: 13.
3. Bayr G: Hahnemanns Selbstversuch mit der Chinarinde im Jahre 1790. Heidelberg: Haug Verlag 1989.
4. DGE, ÖGE, SGE, SVE: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Frankfurt: Umschau Braus Verlag, 2000.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Hans-Werner Lüdke
Department Arzneimittelforschung
Geriatrisches Institut
Alemannenstraße 70 a
79117 Freiburg

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