ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2003Kinderherzchirurgie in Ostafrika: Humanitäre Hilfe für Kinder in Eritrea

THEMEN DER ZEIT

Kinderherzchirurgie in Ostafrika: Humanitäre Hilfe für Kinder in Eritrea

Dtsch Arztebl 2003; 100(3): A-110 / B-101 / C-99

Schwidtal, Peter

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Das Team nach der ersten erfolgreichen Herz-OP am Bett der neunjährigen Yerusalem: Selam Keleta (Krankenschwester), Jörg Bechtold (Kardiotechniker), Karin Adam (OP-Schwester), Dr. med. Bernd Kowald (Anästhesist), Priv.-Doz. Dr. med. Boulos Asfour (Kinderherzchirurg), Dr. med. Peter Schwidtal (Hammer Forum), Sandy Krauss (Intensivschwester) Foto: privat
Das Team nach der ersten erfolgreichen Herz-OP am Bett der neunjährigen Yerusalem: Selam Keleta (Krankenschwester), Jörg Bechtold (Kardiotechniker), Karin Adam (OP-Schwester), Dr. med. Bernd Kowald (Anästhesist), Priv.-Doz. Dr. med. Boulos Asfour (Kinderherzchirurg), Dr. med. Peter Schwidtal (Hammer Forum), Sandy Krauss (Intensivschwester) Foto: privat
Viele herzkranke Kinder, die eine teure Operation im Ausland benötigen, sterben auf der Warteliste. Die Chirurgen des Hammer Forums operieren seit April letzten Jahres vor Ort.

Eritrea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Das Land am Horn von Afrika ist mit vier Millionen Einwohnern etwa so groß wie Österreich. Es blickt zurück auf die italienische Kolonialzeit sowie einen 30-jährigen Bürgerkrieg (1961 bis 1991) nebst Dürre- und Hungerkatastrophen. Seit 1993 ist Eritrea unabhängig, wurde aber von 1998 bis 2000 erneut von einem Grenzkrieg erschüttert, der wiederum Zehntausende Opfer forderte. Die noch stark italienisch geprägte Hauptstadt Asmara liegt im Hochland von Abessinien und verfügt über ein Krankenhaus mit 700 Betten. Der Betrieb des Mekane Hiwot Hospitals wurde 1998 zu Renovierungszwecken an den Stadtrand ausgelagert. Nur die Pädiatrie blieb am alten Ort, allerdings ohne OP.
Seit 1995 ermöglicht das Hammer Forum, eine ärztliche Hilfsorganisation für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten, verletzten Kindern aus Eritrea eine Behandlung in Deutschland und schickt regelmäßig Chirurgenteams ins Land. Der 2001 verstorbene Augenarzt Achim Belger baute dort die Augenchirurgie aus und etablierte die ersten Laserbehandlungen. Der kurz nach ihm verstorbene Unfall- und Handchirurg Priv.-Doz. Frank Albrecht erweiterte das Spektrum in seinem Fach. Der Verbrennungschirurg Karl Brandt errichtete eine Verbrennungsstation mit OP. Viele weitere Spezialdisziplinen wie Handchirurgie (Prof. Dr. med. Abdul Martini, Heidelberg), Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie (Prof. Dr. med. Dieter Voy, Interplast Hattingen), Orthopädie (Prof. Dr. med. Hanas Andrian) und zahlreiche Kinderchirurgen hinterließen nicht nur geheilte Kinder, sondern auch ihr Wissen bei den eriträischen Kollegen.
Ein Problem blieb jedoch ungelöst: Die vielen herzkranken Kinder, die eine teure Operation im Ausland benötigten, starben meist auf einer Warteliste. Die Liste verzeichnete zuweilen mehr als 100 Kinder im Alter von zwei bis 15 Jahren mit rheumatischer oder angeborener Herzkrankheit. Die Kosten von bis zu 30 000 Euro für eine Operation
in Deutschland sind für einen kleinen Ärzteverein wie das Hammer Forum nicht finanzierbar. Aus dieser Not wurde 1996 die Idee geboren, herzkranke Kinder vor Ort zu operieren. Der Gedanke war bestechend, aber die Umsetzung mühsam. Erst durch die Kooperation mit dem Deutschen Kinderherzzentrum in
Fotos: Peter Schwidtal Dr. med. Bernd Kowald und sein in St. Augustin weitergebildeter Assistent Quatro am Krankenbett
Fotos: Peter Schwidtal Dr. med. Bernd Kowald und sein in St. Augustin weitergebildeter Assistent Quatro am Krankenbett
St. Augustin und dessen Chefarzt Dr. Andreas Urban kam Dynamik in die Planung. Die großzügige Unterstützung der „Karl-Bröcker-Stiftung“ („Zukunft für Kinder“) sicherte die Finanzierung. Es sollte allerdings bis April 2002 dauern, bis die erste Herzoperation durchgeführt werden konnte. Der Ge­sund­heits­mi­nis­ter Eritreas hatte dem Hammer Forum dazu ein altes OP-Gebäude aus der Kolonialzeit (Baujahr 1940) zur Verfügung gestellt, 20 mal 50 Meter groß, solide gebaut, aber mit völlig veralteter Technik ausgestattet. Die Hauptsicherung bestand aus zwei simplen Kupferdrähten, ständiger Stromausfall, kein Wasserdruck, kein funktionierender Steri, keine Druckluft, keine Klimatechnik. Die Konzeption zur technischen und baulichen Grundsanierung wurde von dem Krankenhaus-Architekten Hans Haff und dem St. Augustiner Kardiotechniker Jörg Bechtold erstellt. Mit großzügiger Unterstützung des Technischen Hilfswerks und eigenen Technikern gelang es, ein funktionstüchtiges OP-Zentrum mit drei Operationssälen, einer Intensiv- sowie einer Wachstation einzurichten.
Am 8. April letzten Jahres traf das erste Operationsteam in Asmara ein. Mit dem vierköpfigen Team des Kinderherzzentrums aus St. Augustin (eine OP- und eine Intensivschwester, ein Kardiotechniker und ein Anästhesist) sowie drei weiteren Medizin-, Gas- und Elektrotechnikern standen wir in unserem Operationszentrum vor einem Berg von Kartons, vielen Strippen und Bauschutt, umgeben von Fliegen, Pfützen und 20 sehr aktiven einheimischen Handwerkern. Bis zum 13. April schufteten wir teilweise bis Mitternacht, um das Chaos zu beseitigen. Danach konnte Priv.-Doz. Dr. med. Boulos Asfour
Die neunjährige Yerusalem wurde als erstes Kind am Herzen operiert.
Die neunjährige Yerusalem wurde als erstes Kind am Herzen operiert.
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(Universität Münster) zusammen mit der in St. Augustin weitergebildeten Kinderkardiologin Dr. med. Tzegereda Ghebrehiwat aus Asmara die Kinder für die geplanten Herzoperationen untersuchen. Einen Herzkatheter gibt es vor Ort nicht, aber immerhin steht ein Echogerät aus St. Augustin zur Verfügung.
Um die Risiken möglichst gering zu halten, begannen wir mit den „kleinen“ Eingriffen. Offene Fragen waren: Funktioniert die Technik, das Equipment, das gemischte Team mit einheimischen Assistenten? Sonntag, der 14. April, war der große Tag. Die neunjährige Yerusalem – welch symbolträchtiger Name – wurde als erstes Kind am Herzen operiert. Sie litt an einem persistierenden Ductus arteriosus botallii (PDA). Schnitt um 10.40 Uhr, „good luck“ – ein großes Gefühl nach so langer Planung, Bauzeit und vielen Mühen. Noch viel mehr rührt es uns, als die Kleine nach recht kurzer Zeit, mit ihrer Mutter am Bett, auf der Intensivstation erwacht. Alle sind glücklich und stolz, dies geschafft zu haben. Am nächsten Tag werden zwei Kinder mit der Herz-Lungen-Maschine operiert, am 16. nochmals ein siebenjähriger Junge mit einem PDA. Komplikationen gab es weder bei der Operation noch danach. Den Kindern geht es gut.
Gleichwohl waren die Operationen im Krankenhaus von Asmara mit den Verhältnissen in Deutschland nicht vergleichbar: Verständigungsprobleme mit dem einheimischen Personal, dem jegliche Routine fehlt, verzögerten den Ablauf. Man vermisst die prall gefüllten Regale im Hintergrund, der Fußboden ist uneben, der OP-Tisch wackelt.
Einen Tag später nahm der Kinderchirurg aus unserem Team den Betrieb in seinem OP auf. Der eriträische Ge­sund­heits­mi­nis­ter hatte zuvor zugesagt, künftig alle kinderchirurgischen Eingriffe dort vornehmen zu lassen. Bislang mussten die frisch operierten Kinder fünf Kilometer über holprige Straßen vom OP zur Kinderklinik transportiert werden. Dieses Martyrium kann ihnen jetzt erspart werden.
Die Kollegen in Eritrea sind wissbegierig und wünschen sich qualifizierte Fortbildung. Ideale Fortbilder wären pensionierte Chef- und Oberärzte, die voller Erfahrung und Energie stecken und Zeit haben. Sie könnten einige Wochen in Eritrea arbeiten, fänden neben guten Arbeits- auch angenehme Lebensbedingungen in gemäßigtem Klima (ohne Malaria) mit italienischer Küche.
Das Team des Hammer Forums will jedoch nicht nur eine Warteliste kranker Kinder abarbeiten. Das ist zwar für jeden der kleinen Patienten ein Glücksfall, denn die Alternative ist warten und sterben. Wir wollen darüber hinaus Strukturhilfe leisten, damit die Eritreer möglichst selbst operieren können. Nachdem 2001 eine Kinderkardiologin und ein Anästhesiepfleger in Deutschland fortgebildet wurden, sollen ab 2003 ein junger Chirurg, ein Kardiotechniker, OP- und Intensivschwestern in St. Augustin über ein bis zwei Jahre ihre Ausbildung erhalten und einige Krankenschwestern folgen. Es gibt Grund für Optimismus: Die Eritreer sind sehr engagiert. Jedes Mal, wenn wir wiederkommen, hat sich etwas weiterentwickelt: Straßen wurden repariert, Gärten rekultiviert, Bäume neu angepflanzt. Die Techniker in der Klinik, einzelne Schwestern und Ärzte sind hoch motiviert und wissen aus ihren bescheidenen Möglichkeiten viel zu machen.
Das OP-Zentrum steht den Eritreern, aber auch allen ausländischen kinderchirurgischen Teams sowie den Chirurgen des Hammer Forums zur Verfügung. Sie finden dort optimale Arbeitsbedingungen, eine sichere Technik, Monitore, Beatmungsgeräte und einwandfreie hygienische Bedingungen vor. Die Kooperation mit anderen Hilfsorganisationen soll ausgebaut werden, um die Räume optimal nutzen zu können. Das Haus soll sich als Behandlungs- und Ausbildungszentrum auf hohem Niveau etablieren. Es eignet sich nicht als Trainingsstätte für weniger Geübte oder Profilierungssüchtige. Geplant ist, über den europäischen Qualitätszirkel auch ausländische Kinderherzzentren in das Projekt einzubinden. Im vergangenen November wurde das „International Operation Centre for Children in Asmara“ offiziell eingeweiht.
Kollegen, die uns begleitet haben, werden schnell von einem eigenartigen Gefühl beschlichen: dem Wunsch wiederzukommen, der Sehnsucht nach diesem außergewöhnlichen Afrika.

Dr. med. Peter Schwidtal
Hansastraße 7
59494 Soest

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