ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996„Fettfreies Fett Olestra„ in den USA zugelassen: Mit Nebenwirkungen muß gerechnet werden

POLITIK: Medizinreport

„Fettfreies Fett Olestra„ in den USA zugelassen: Mit Nebenwirkungen muß gerechnet werden

Laufs, Ulrich

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LNSLNS Ein Traum wird vielleicht Wirklichkeit: Ein Fett mit all seinen genüßlichen, gaumenschmeichelnden und geschmacksverstärkenden Eigenschaften, das aber den Gastrointestinaltrakt wieder verläßt, ohne verdaut und absorbiert zu werden. Fettfreie Pommes frites, Chips und Schokolade, Süßigkeiten mit nur der Hälfte der derzeitigen Kalorien – solche Visionen wären eine Revolution in der Lebensmittelindustrie und sind ein Wunschtraum aller, die mit den Folgen von Übergewicht und Arteriosklerose kämpfen. In den Vereinigten Staaten hat die Food and Drug Administration dem Lebensmittelkonzern Procter & Gamble (P&G) jetzt die Zulassung für die Verwendung des künstlichen Fettes "Olestra" zur Herstellung von Chips und Salzgebäck erteilt.
Schon seit Ende der 50er Jahre beschäftigen sich Wissenschaftler von P&G mit der Synthese neuer Fette. Ausgangspunkt der Arbeiten waren Bemühungen zur Herstellung von Fetten, welche für Frühgeborene besser resorbierbar wären. Dabei verbessert die Addition einer zweiten und dritten Fettsäure an ein Alkoholmolekül die intestinale Aufnahme. Fette mit vier und mehr Fettsäuren dagegen werden immer schlechter verdaut und resorbiert. "Olestra" nun besteht aus einem Sucrose-Polyester mit acht Fettsäuren.
Durch diese Struktur ist es für Lipasen unverdaubar und zu groß, um direkt resorbiert zu werden. Daher wird es unverändert wieder ausgeschieden. Es behält jedoch die Funktion als Lösungsmittel für Aromastoffe und die cremige Konsistenz natürlicher Fette. Seine Eigenschaften bedingen jedoch auch eine Reihe von ernsten unerwünschten Wirkungen. "Olestra" absorbiert die fettlöslichen Vitamine A, D, E, K und Karotenoide. Seine Unverdaulichkeit kann zu Fettstühlen, Diarrhö, Flatulenz und abdominellen Krämpfen führen. Das FDA verfügte daher, daß alle Produkte mit "Olestra" den warnenden Hinweis "Unterleibskrämpfe und Durchfälle möglich" tragen müssen.
Während andere künstliche Lebensmittelzusätze im Milligramm- Bereich eingenommen werden, könnte "Olestra" ein wesentlicher Bestandteil von Nahrungsmitteln werden, die wir jahrelang konsumieren. Ein entsprechend hergestellter Kartoffelchip würde zum Beispiel zu einem Drittel seines Gewichtes aus "Olestra" bestehen. In einer Firmenstudie mit 3 357 Männern, Frauen und Kindern waren gastrointestinale Symptome bei Genuß "Olestra"-fritierter Chips und Salzgebäcke jedoch nicht signifikant vermehrt. P&G versucht, durch Zusatz von Vitaminen einen Teil der negativen Effekte auszugleichen. Über die möglichen Folgen einer Langzeiteinnahme bei Menschen ist jedoch wenig bekannt (längste untersuchte Zeitspanne: 39 Monate bei Schweinen).


Gewichtsreduktion wird bezweifelt
Dies sind auch die Gründe, warum sich Organisationen wie die American Public Health Association und die American Academy of Ophthalmology deutlich gegen die Zulassung ausgesprochen haben. Auch bezüglich einer positiven Auswirkung auf Übergewicht und Arteriosklerose muß Zweifel bestehen. Nach der Einführung von Zuckerersatzstoffen (wie zum Beispiel Aspartam 1981 in den USA) hat das Durchschnittsgewicht der USBevölkerung noch weiter zugenommen. Der Erfolg von kalorien- und fettarmen Produkten wird oft durch eine größere Eßmenge zunichte gemacht; die Werbung für solche Produkte tendiert dazu, die ursächlichen falschen Eßgewohnheiten noch zu fixieren. Ob Rettung oder Gefahr – mit geplanten Zulassungsverfahren in Kanada und Großbritannien steht "Olestra" auch vor unserer Haustür. Dr. med. Ulrich Laufs

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